InterviewJens Südekum: „Ein On-Off-Szenario wäre das schlimmste“

Jens Südekum
Jens Südekumdpa


Jens Südekum ist Professor für internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er berät die Bundesregierung in zentralen ökonomischen Fragen – auch in der Corona-Krise


Capital: Die Bundesregierung verfolgt in der Corona-Krise jetzt eine Südkorea-Strategie. Das heißt: Testen, testen, testen – um die Wirtschaft so bald wie möglich wieder hochfahren zu können. Ist das der richtige Weg?

JENS SÜDEKUM: Das ist genau der richtige Weg. Die Frage ist, wie schnell das umgesetzt werden kann, da das Programm ja schon einiges voraussetzt. Alles hängt davon ab, wie schnell wir die Testkapazitäten hochfahren können. Wir sind ja auch nicht die einzigen, die das anstreben. Die ganze Welt will ja jetzt Südkorea imitieren. Dafür braucht es eine Infrastruktur – wie Drivein-Teststationen oder Stationen in Telefonzellen. Die Hoffnung ist, dass sich das schnell machen lässt.

Die Politik arbeitet ja mit einer Zahlengrundlage, von der niemand genau weiß, ob sie stimmt. Wir haben nur eine ungefähre Vorstellung, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind. Ist die Ausweitung der Tests der Versuch, daran etwas zu ändern?

Es gibt zwei Ziele. Zum einen brauchen wir tatsächlich bessere Informationen, um die Neuinfektionen nach unten zu bringen. Das lässt sich erreichen, indem wir repräsentative Samples der Bevölkerung nimmt, in denen stichprobenartig getestet wird. Das geschieht auch. Damit lässt sich messen, wie verbreitet die Infektionen tatsächlich sind.

Und das zweite Ziel?

Wenn wir die Wirtschaft wieder hochfahren, müssen wir aber von allen wissen, ob sie gesund oder krank sind. Die Gesunden sollten dann halbwegs normal zur Arbeit gehen können. Und diejenigen, die infiziert sind, müssen für eine Zeit lang isoliert werden, auch wenn sie keine Symptome zeigen. Dafür braucht man flächendeckende, regelmäßige Tests.

Ist das denn überhaupt denkbar?

Die Hoffnung ist, dass bald Schnelltests zur Verfügung stehen, die in kurzer Zeit wie ein Schwangerschaftstest Ergebnisse zeigen. Die sind nicht immer exakt, aber sie sind ein Fortschritt. Wenn diese Schnelltests in rauen Mengen vorliegen, ließe sich das regelmäßig wiederholen.

Wie genau könnte es denn aussehen, wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren wird, wie Sie sagen? Wir werden ja nicht von einem Moment auf den anderen wieder unter Volllast fahren können.

Dieses Szenario muss im Grunde in Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen entwickelt werden. Das können weder Ökonomen noch Epidemiologen allein machen. Da braucht es Gruppen mit verschiedenen Perspektiven, die die Bundesregierung beraten. Aber in Ansätzen findet die Diskussion auch bereits statt, und es zeichnet sich ein bestimmtes Vorgehen ab: Bei den Schulen und Kindertagesstätten könnte es losgehen, weil es große Folgekosten mit sich bringt, dass die geschlossen sind und die Eltern sich um die Betreuung kümmern müssen. Das würde es ermöglichen, viele Unternehmen und Produktionsstätten allmählich wieder in Betrieb zu nehmen. Großveranstaltungen wie Konzerte oder Bundesligaspiele, so genannte Superspreader-Events, werden hingegen noch eine ganze Zeit lang nicht möglich sein.

Sie haben gesagt, wie wichtig es ist, dass Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen sich in der Krise austauschen. Geschieht das denn aus Ihrer Sicht? Wird zum Beispiel die Stimme der Ökonomen schon genug gehört?

Bei der Frage nach einem Ausstieg aus dem Shutdown sicher nicht. Beim Design der wirtschaftspolitischen Hilfen, die nun verabschiedet worden sind, da gab es einen vorbildlichen Austausch zwischen uns Ökonomen und den Ministerien. Das war viel besser als in der Finanzkrise 2008. Aber bei der großen Entscheidung, wie man aus dem Stillstand wieder herauskommt, gibt es das noch nicht in ausreichendem Maße. Diese Frage berührt die gesamte Gesellschaft. Da müssen Epidemiologen, Ökonomen, Juristen, Sozialwissenschaftler und auch IT-Experten zusammenkommen.

Was könnte das Ziel einer solchen Runde sein?

Neben einer Exit-Strategie für den Shutdown geht es auch um Kommunikation. Die Bundesregierung sollte der Bevölkerung klar sagen, was die Ziele sind und unter welchen Bedingungen wir da wieder rauskommen. Wir können nicht auf Dauer sagen, dass das Land auf Sicht fährt.

Selbst wenn schnell Kapazitäten für Schnelltests aufgebaut werden, wird es ja trotzdem eine ganze Weile dauern, in der der Stillstand anhält. Wie länge lässt sich das überhaupt durchhalten?

Ich bin vorsichtig damit, Termine zu nennen. Einige sagen jetzt schon: Nach Ostern muss es wieder losgehen. Aber so funktioniert das nicht. Wir müssen die Bedingungen nennen, unter denen es wieder losgehen kann. Und eine davon ist, dass die Zahl der Neuinfektionen drastisch nach unten geht. Im Idealfall auf Null.

Das dürfte ja deutlich länger dauern als die Zeit bis nach Ostern.

Vielleicht auch nicht. In Südkorea war es eine Frage von drei oder vier Wochen, bis die Zahl der Neuinfektionen extrem stark nach unten gegangen ist. Es kann also durchaus schnell gehen. In den Zahlen des Robert-Koch-Instituts für Deutschland sehen wir das noch nicht, weil es eine zeitliche Verzögerung gibt. Aber alle gehen davon aus, dass die Zahlen jetzt runtergehen. Es hocken ja alle zuhause und niemand trifft mehr irgend jemanden.

Reicht es denn als Bedingung, dass die Neuinfektionen zurückgehen?

Es muss auch die Infrastruktur und die Kapazität Tests groß genug sein. Wenn das erfüllt ist, können wir langsam wieder loslegen. Ob das nun Ende April, 1. Mai oder auch erst der 10. Mai ist, ist dann nicht entscheidend. Hauptsache ist, dass es funktioniert. Fatal wäre es, den Shutdown zu früh aufzuheben und dann vor einer zweiten Welle zu stehen. Ein On-Off-Szenario wäre das schlimmste.

Können wir uns mit einer solchen Strategie auf die nationale Ebene beschränken?

Natürlich muss es eigentlich europäisch gemacht werden. Der Schock hat ja ganz Europa getroffen.

Im Moment wird allerdings nicht viel koordiniert.

Das stimmt, das ist auch sehr enttäuschend. Das zeigt sich übrigens schon bei der Frage der Corona-Bonds, wo es um die Finanzierung der Folgekosten geht. Da sollte einmalig eine europäische Anleihe ausgegeben werden, mit der allen europäischen Ländern geholfen wird – proportional zu deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Das wäre absolut richtig gewesen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass darauf wieder mit den alten Reflexen auf eine Vergemeinschaftung von Schulden reagiert wird. Es geht nicht darum, dass wir eine zum Teil selbstverursachte Staatsverschuldung ausgleichen wie in der Finanzkrise. An dem was jetzt passiert, hat niemand irgendeine Schuld. Es ist ein gesamteuropäisches Problem, das auch gesamteuropäisch gelöst werden sollte.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden