Corona-Strategie Wie Südkorea das richtige Maß im Kampf gegen das Virus fand

Südkorea ging von Anfang an rigoros gegen das Coronavirus vor
Südkorea ging von Anfang an rigoros gegen das Coronavirus vor
© dpa
Mit einem ausgewogenem Mix aus Regeln, freiwilliger Mitarbeit und staatlicher Unterstützung konnte Südkorea die Epidemie eindämmen, ohne die Wirtschaft völlig zu lähmen. Ein Modell für Deutschland?

Vier Länder gelten derzeit als Musterbeispiele im Umgang mit dem Coronavirus: Hongkong, Singapur, Taiwan und Südkorea. Als Vorbild für Deutschland scheiden die ersten drei aus. Denn den Stadtstaaten Hongkong und Singapur sowie die Insel Taiwan ist es gelungen, früh die Grenzen zu schließen, bevor die Zahl der Neuinfektionen eine kritische Masse erreicht hatte. Anders Südkorea:

Im Februar stiegen die Neuinfektionen nirgendwo so rapide an wie auf der koreanischen Halbinsel. Ein Cluster wurde bei der Shincheonji Church of Jesus, einer christlichen Sekte entdeckt, wo sich wohl rund 5000 Menschen infiziert hatten. Ein zweites Cluster wurde jüngst in einem Call-Center identifiziert. Inzwischen sind über 9000 Menschen infiziert. Dafür sinkt seit einigen Tagen die Rate der Neuinfektionen - von über 900 auf mittlerweile 50. Auch sind kaum schwere Fälle gemeldet. Mit 91 Toten ist auch die Mortalität verhältnismäßig niedrig.

„Drive-Through-Tests“

Das liegt vor allem daran, dass kaum ein Land so intensiv getestet hat wie Südkorea. Bis heute sind bereits über 300.000 Menschen auf das Virus getestet worden - bei einer Bevölkerung von 50 Millionen. Die Tests sind kostenlos und als erstes Land hat Seoul sogenannte „Drive-Through-Tests“ eingeführt, bei denen Menschen noch im Auto auf erhöhte Temperatur und Atemschwierigkeiten getestet werden. Mittlerweile können bis zu 20.000 Tests am Tag durchgeführt werden. Risiko-Patienten mit Vorerkrankungen werden in Krankenhäusern priorisiert. Infizierte mit moderaten Symptomen kommen in spezielle Einrichtungen, wo sie beobachtet und medizinisch betreut werden. Wer nach seiner Genesung zweimal negativ getestet wird, kann nach Hause.

Schon am Anfang der Epidemie trafen sich Regierungsvertreter mit Chefs von Arznei- und Medizinfirmen, um die Produktion an Schutzmaterial und Testmöglichkeiten zu erhöhen. Nun ist man über das Gröbste hinweg. Am 6. April sollen die Schulen wieder öffnen. Bisher war zu keinem Zeitpunkt ein völliger Stillstand der Wirtschaft nötig. Wie gelang das?

Wie in Deutschland arbeiten viele Angestellte großer Unternehmen im Homeoffice. Kleinere Firmen haben ihre Arbeit oft reduziert. Restaurants und Bars bleiben weiter geöffnet, allerdings werden die Gäste gebeten, mehr Abstand voneinander zu halten.

Hilfen für Unternehmen

Bereits am 4. März verkündete die Regierung ein Stimulus-Paket in Höhe von rund 14 Mrd. US-Dollar. Auch staatliche Airlines sollten mit rund 250 Mio. Dollar unterstützt werden. Hinzu kommen verbilligte Kredite an kleinere Unternehmen: „Wir sollen sicherstellen, dass keine Unternehmen wegen der Krise Insolvenz anmelden müssen“, sagte Präsident Moon Jae-In bei einem Treffen mit dem Zentralbankchef. „Normale, wettbewerbsfähige Firmen werden auf keinen Fall wegen Liquiditätsengpässen geschlossen.“ Über 200.000 kleinere Unternehmen haben bereits Bedarf angemeldet.

Die Importe aus China waren in den ersten zwei Monate um zwölf Prozent zurückgegangen, in der Automobilzulieferer-Industrie lag der Rückgang mit 40 Prozent weitaus höher. Keine Ausnahme im globalen Vergleich bilden auch die Flug- und Tourismus-Industrie. Die Verluste dürfen durch die fast völlige Einstellung des internationalen Reiseverkehrs massiv sein und erst in einigen Wochen klar werden.

Kein vollständiger Lockdown

Zugute kommen Südkorea ähnlich wie Deutschland die soliden Finanzen. Das Land ist derzeit mit 41 Prozent seines Bruttosozialprodukts verschuldet. Für zehnjährige Anleihen muss die Regierung derzeit 1,4 Prozent Zinsen zahlen. Das schafft finanzpolitischen Spielraum.

Eine Rezession dürfte trotzdem unvermeidlich sein, zumal Südkoreas Wirtschaft schon vor Covid-19 mit Problemen zu kämpfen hatte. Denn auch Südkoreas Wirtschaft ist ähnlich wie die deutsche und die japanische exportorientiert. Der globale Nachfrageschock wird das Land treffen. Bleiben die Autohändler in den USA und Europa geschlossen, werden auch dort keine KIA und Hyundais verkauft. Nomura Securities rechnet im ersten Quartal mit einem Minus von 3,7 Prozent. Andere Institute gehen von einem Minus von 1,3 Prozent aus. Immerhin aber konnte das Land bisher durch eine ausgewogene Kombination von Schutzmaßnahmen, freiwilligen Empfehlungen und staatlicher Unterstützung Schlimmeres vermeiden, ohne das Land völlig lahmzulegen.

Wie Singapur, Taiwan und Hongkong kümmert sich Südkorea in diesen Zeiten wenig um den Datenschutz. Bewegungsabläufe von Infizierten werden im Detail veröffentlicht. Bewohner erhalten SMS, wenn sich Infizierte in ihrer Umgebung aufhalten. Auf der anderen Seite forderte die Regierung die Bewohner zwar dazu auf, Masken zu tragen, Handdesinfektionsmittel zu benutzen und Menschenmassen zu vermeiden, beließ es aber bei Empfehlungen. Dafür aber konnte das Land auf autoritäre Maßnahmen wie Ausgangssperren verzichten.

Möglich war der schnelle und effiziente Umgang mit der Krise auch deshalb, weil die Bevölkerung freiwillig mithalf und Hygiene-Maßnahmen umsetzte. Zugute kam dem Land die kollektive Erfahrung mit der Lungenkrankheit MERS. 2015 schleppte ein Geschäftsmann die Lungenkrankheit MERS aus dem Nahen Osten ein. Innerhalb kürzester Zeit infizierte er 186 Personen, 36 von ihnen starben. Nachdem man 17.000 Menschen in Quarantäne gebracht hatte, konnte der Ausbruch damals nach zwei Monaten eingedämmt werden.

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