KommentarInflation am Fußball-Markt


Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.deJörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de


BVB-Trainer Thomas Tuchel nennt den Transfermarkt verrückt. Auch Liverpool-Trainer Jürgen Klopp sieht die Explosion der Transfersummen äußerst kritisch und kann sich Medienberichten zufolge sogar vorstellen, aus dem Fußball-Business auszusteigen, sollte sich die Situation so zuspitzen, dass irgendwann einzig und allein die finanziellen Mittel über den Titelgewinn entscheiden.

Grund für die Kritik, die diesmal – ganz ungewöhnlich – direkt aus dem Fußball-Lager kommt, sind die gigantischen Ablösesummen, die vor der Saison 2016/17 in Europa gezahlt werden oder gezahlt werden sollen. Dabei bilden die kolportierten 120 Millionen Euro für Paul Pogba und die 94 Millionen Euro für Gonzalo Higuain nur die Spitze des Eisbergs. Selbst für gehobene Mittelklassespieler werden inzwischen gelegentlich zweistellige Millionenbeträge gezahlt – vor wenigen Jahren waren zweistellige Summen noch für die internationalen Stars reserviert. In der Bundesliga haben sich die durchschnittlichen Ausgaben pro Spielertransfer in den vergangenen vier Jahren verdoppelt. Die Preissteigerungen sind also tatsächlich beachtlich.

Liquider Fußballmarkt

Gründe dafür sind schnell gefunden: Die britische Premier League hat im vergangenen Jahr einen neuen Fernsehvertrag abgeschlossen, der im Vergleich zum Vorgänger einen Erlössprung von rund 70% brachte. Allein aus der Inlandsvermarktung erhalten die britischen Klubs ab 2016 rund 1,7 Mrd. Pfund (nach aktuellem Wechselkurs also etwa 2 Mrd. Euro) pro Jahr. Die Bundesliga verbucht mit dem neuen Fernsehvertrag, der ab der Saison 2017/18 gilt, einen Erlössprung von 85% auf 1,16 Mrd. Euro pro Jahr. Allein durch die Fernsehgelder wird also reichlich zusätzliche Liquidität in den Fußballmarkt gespült. Hinzu kommen noch die Finanzspritzen der Investoren, Mäzene und Sponsoren.

Nun gehört es zu den volkswirtschaftlichen Grundkenntnissen, dass die Preise steigen, wenn sich die Geldmenge erhöht, ohne dass gleichzeitig die Menge der Güter, die zum Kauf zur Verfügung stehen, steigt. Steigen die Preise auf breiter Front, spricht man von Inflation. Bezogen auf den Fußball bedeutet dies: Wenn deutlich mehr Geld im Fußball zirkuliert, steigen automatisch die Ablösesummen und Gehälter der Spieler. Denn der Wettstreit um die besten Spieler zwingt die Klubs, zusätzliche Einnahmen direkt wieder in den Spielerkader zu investieren. Während bei einer derart sprunghaften Erlössteigerung bei „normalen“ Unternehmen der Gewinn in die Höhe schießen würde, fließt beim Fußball dank des finanziellen Wettrüstens der Klubs der größte Teil in die Taschen der Spieler.

Fußballfans sind Verdrängungskünstler

Ebenso gehört zu den volkswirtschaftlichen Grundkenntnissen, dass sich Inflation nicht gleichmäßig vollzieht, sondern einige Preise überdurchschnittlich, andere dafür nur unterdurchschnittlich steigen. Preise büßen in inflationären Phasen zumindest vorübergehend ihre Signalfunktion ein, weil Knappheiten signalisiert werden, die in Wahrheit gar keine sind. Für die Manager der Klubs ist dies durchaus eine Herausforderung. Denn der Marktwert eines Spielers steigt jetzt nicht nur, weil er sich spielerisch weiterentwickelt hat.

Hinzu kommt eine rein inflationäre Komponente. So müssen sich die Klubmanager bei einem Spielerverkauf momentan immer die Frage stellen, wie hoch die echte Wertsteigerung ist, die aus einer höheren Leistung des Spielers resultiert, und wie hoch der „inflationsbedingte“ Aufschlag sein muss, der aus dem größeren Geldkreislauf resultiert. Schon jetzt zeichnet sich ab: Manch ein Spielerverkauf, der ordentlich Geld in die Kasse gespült hat, ist letztlich gar nicht der große Glücksfall für den abgebenden Klub, als der er im ersten Moment erschien. Denn wegen der allgemein steigenden Preise sind plötzlich die Spieler, die als Ersatz verpflichtet werden sollen, ebenfalls deutlich teurer.

Der Wirbel um die Explosion der Ablösesummen wird sich wohl bald wieder legen. Spieler, Trainer, Fans und Funktionäre werden sich an das neue Preisniveau gewöhnen. Thomas Tuchel betonte in seiner Grundsatzkritik, bei den nun im Raum stehenden Summen gehe der Bezug zu den Leuten, die ins Stadion kommen, verloren. Man müsse aufpassen, diese Menschen nicht zu verlieren. Sicher hat er damit Recht. Aber seien wir ehrlich: War das nicht vor dieser Transferperiode auch schon so? Die Gehälter und Ablösesummen bewegen sich schon seit Jahren weit jenseits der Vorstellungskraft der Stadion-Fans. Weder finanzielle Exzesse, noch Wettbetrug oder die FIFA-Korruption haben die Fans bisher vergraulen können – sie sind wahre Verdrängungskünstler.