Interview„Die heile Welt der sozialen Marktwirtschaft ist vorbei"

Adam Tooze hinter der Eingangstür seines Wohngebäudes in New York
Adam Tooze hinter der Eingangstür seines Wohngebäudes in New YorkCaroline Tompkins


Vor zwei Jahren veröffentlichte der Volkswirt und Historiker Adam Tooze mit „Crashed“ eine viel beachtete Analyse über die Folgen der Finanzkrise 2008. Nach seinem Studium in Cambridge und Berlin blieb der Brite Deutschland eng verbunden und gehörte unter anderem einer Historikerkommission an, die die Rolle des damaligen Reichsfinanzministeriums im NS-Regime unter­suchte. Er lehrt heute an der Columbia-Universität in New York.


Herr Tooze, Deutschland gilt zwar auch in dieser Krise als Musterschüler, aber wie sehr greift der Corona-Schock die Basis unseres Wohlstands an?

ADAM TOOZE: Das Einzigartige an dem, was wir erleben, ist die Gleichzeitigkeit. Der simultane Einbruch des Konsums, der Investitionen und der Arbeitstätigkeit. Allein die Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO: 2,7 Milliarden Arbeitskräfte weltweit waren vom Lockdown betroffen. Gleichzeitig! Das ist irrwirtzig. Auf den französischen, spanischen und italienischen Arbeitsmärkten wartet ein Desaster auf uns – wohl auch in Deutschland. Wir wissen nicht, wie man eine Erholung aus so einem Schock bewerkstelligt.

Man sagt, China mache es vor.

Ich verfolge die Nachrichten aus China mit sehr, sehr großer Aufmerksamkeit, weil man dort sieht, wie schwierig es ist. Die letzten Zahlen deuten ja darauf hin, dass die Erholung sich eher schwertut. Dass China erneut – wie 2008 – ein gigantisches Konjunkturprogramm startet und quasi den Rest der Welt aus der Rezession reißt, können wir diesmal nicht erwarten.

Also können wir uns auch nicht auf die gängigen Prognosen verlassen?

Wir haben in den letzten Jahren viel über radikale Unsicherheit geredet. Aber wenn wir ehrlich sind, hatten wir keine Ahnung, was das wirklich bedeutet. Es braucht ja nur eine zweite Welle der Infektion, oder einen Rückschlag bei der medizinischen Entwicklung – und wir wären dann mit sehr harten Fragen konfrontiert.

Was können, was müssen wir dann dagegen aufbieten?

Deutschland hat bereits viel auf den Weg gebracht, aber es wäre gut, wenn auch Europa ein offenes Portemonnaie hätte und sagen könnte: Okay, das war die erste Runde der Krise, aber wenn es mehr Geld braucht, dann bringen wir auch noch mehr.

„Der Staat als Arbeitgeber letzter Instanz, als Zahler letzter Instanz“

Adam Tooze

Das, was die Europäer bisher beschlossen haben, reicht nicht?

Das Paket, das jetzt auf dem Tisch liegt, ist ein schlechter Kompromiss für die erste Runde, der mit Ächzen und Krächzen zustande gekommen ist, aber einfach nicht reichen wird. Diese Krise geht über mehrere Runden. Wir wissen, nach der Krise 2008 war es ein großer Fehler, dass es nur in der ersten Runde der Krise ein Konjunkturpaket gab. 2010 wurde dann dichtgemacht. Jetzt ist es umso wichtiger, dass wir die Erwartungen der Unternehmen und der Menschen stimulieren. Denn welcher Unternehmer würde unter diesen Bedingungen investieren, welcher Konsument shoppen gehen?

Aber ist damit nicht klar, dass das deutsche Wirtschaftsmodell – wir beliefern die Welt – verloren ist?

Sicherlich ist das für Deutschland eine Riesenherausforderung. Aber nehmen Sie Volkswagen, die produzieren wieder in China: Forschung und Entwicklung zentral in Deutschland, aber die Produktion läuft global. Das schafft Flexibilität, und man kann regional schalten und walten. Aber dieses Modell hängt auch davon ab, dass der Staat oder die heimische Notenbank, also bei VW die EZB, hilft. Letztendlich ist es ein Spiel mit der Idee, dass im Grunde, wenn alles abgeschaltet ist, der Staat einsteigt als Arbeitgeber letzter Instanz, als Zahler letzter Instanz. Und es kann sein, dass so das Modell der Zukunft aussieht.

Diese Welt klingt ziemlich gespenstisch: Staaten, die ihre Schulden, also ihre Anleihen, an die Zentralbank verkaufen, ein ähnliches Spiel bei Unternehmen – das zeichnet sich ja schon ab. Wie funktioniert eine Wirtschaft, deren Finanzierung nur vom Staat und der Zentralbank abhängt?

Yeah, you‘re not in Kansas anymore! Das sagen die Leute hier in Amerika: Willkommen in der Realität. Aber im Ernst. Es ist nicht so schlimm. Das ist doch die Realität des Kapitalismus seit den 80er-Jahren. Seit Greenspan Ende der 80er-Jahre Vorsitzender der amerikanischen Zentralbank wurde, unterstützt die Fed die Aktienmärkte. Und das meine ich gar nicht polemisch, das ist eine realistische Beschreibung. Der große Wachstumsmotor der Welt ist der Staatskapitalismus in China, wo die Schulden seit Ende der 90er-Jahre aufgehäuft wurden.