Gastkommentar8 Erkenntnisse, um uns und die Welt zu ändern


Stefan Brunnhuber ist Ökonom und Psychiater, Mitglied des Club of Rome und Senator der Europäischen Akademie der Wissenschaften sowie ärztlicher Direktor einer Diakonie-Klinik für Integrative Psychiatrie. Weitere Informationen: stefan-brunnhuber.de


Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Barack Obama und die anderen G7-Vertreter wissen: Wir leben inzwischen im Erdzeitalter des Anthropozän, das ökonomischen Entscheidungen geoökologische Grenzen setzt. Expansives Wachstums mit unendlichen technologischen Substitutionseffekten und nachgeordnerter sozialer Umverteilungen ist daher kein zukunftsträchtiges Konzept mehr. Nachhaltiges Leben und Wirtschaften setzt jedoch voraus, nicht nur die äußeren, sondern auch die inner-psychischen Faktoren, die Grenzen des Denkens zu kennen. Diese acht Erkenntnisse sind zu beachten.

1. Frames statt Fakten

Wenn wir unser Verhalten ändern wollen, geschieht dies nicht über Fakten, Zahlen und Nummern. Zwei Grad-Ziel, 20.000 Verhungerte am Tag oder Zahlen um den Verlust an Biodiversität lösen keine nachhaltige Veränderung aus. Dazu benötigen wir Frames. Frames sind kognitive Deutungsrahmen im Kopf innerhalb deren wir denken, sprechen, interagieren und sprachgeleitet handeln. Wir sprechen und handeln somit niemals kontextfrei oder schier rational an Fakten orientiert, sondern immer perspektivisch.

Der Frame Klimaerwärmung etwa ist psycholinguistisch ungeeignet, unser Verhalten zu ändern. Der Begriff Erwärmung löst eher den Reflex aus, dass man sich zwei weitere T-Shirts kauft oder dass einem warm ums Herz wird. Ähnlich ist es beim Begriff Klimawandel. Auch er aktiviert einen Frame, der alles andere als verhaltensändernd wirkt. Ein Wandel ist semantisch in beide Richtungen offen, gleichsam nach oben und nach hinten. Besser wäre wohl Klimaüberhitzung. Mit den richtigen kognitiven Frames lässt sich somit mehr bewirken als mit simplen Appellen und Daten.

2. Kognitive Dissonanz und Bestätigungseffekt

Stefan Brunnhuber, Die Kunst der Transformation
Stefan Brunnhuber, Die Kunst der Transformation

Die Realität, so wie sie ist, ist psychologisch nahezu unerträglich, wenn wir die reinen Fakten betrachten: Die CO2-Menge, die uns bleibt bis 2050, um innerhalb des Zwei-Grad-Zieles zu verbleiben, die tausenden von Menschen, die täglich an Unterernährung sterben, die hunderttausenden Kinder, denen eine adäquate Schulbildung verwehrt wird, oder die Millionen von Erwachsenen, die keine Arbeit haben – all dies ist im Grunde unerträglich.

Aus der Psychologie ist die kognitive Dissonanz bekannt. Wir aktivieren daher ständig Frames in unserer Innenwelt, um diese äußere Realität erträglich zu machen, etwa: „Vielleicht ist es doch nicht so schlimm.“ „Die Statistik ist gefälscht.“ Oder: „Mal sehen, was die anderen so machen“ etc. Damit wird das aktuelle Verhalten bestätigt, aber nicht verändert. Aber wir betrachten eben keine Fakten, sondern immer nur Frames und handeln auch nur danach. Wenn wir eine gesellschaftliche Transformation anstreben hin zu mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit und mehr Frieden innerhalb der geo-ökologischen Grenzen unseres Planeten, brauchen wir schlicht völlig andere Frames.

3. Paralleles und lineares Denken

Unser Verstand hat prinzipiell zwei Möglichkeiten, die Welt zu erkennen und in ihr Entscheidungen zu treffen. Psychologen sprechen von System 1 und System 2: System 1 ist dadurch charakterisiert, dass wir intuitiv vorgehen, meist unbewusst, gleichsam automatisch und implizit. Die Fähigkeit zu Kreativität, Humor und Gestaltwahrnehmung gehört hierher. System 2 arbeitet anders: Hier geht es eher um langsame Vorgänge, abstraktes Denken und sprachlich geleitete Ereignisse. Der Aufwand ist höher, die Kapazität ist durch das Arbeitsgedächtnis begrenzt und ist logisch, analytisch, regel- und pfadgeleitet.

Obwohl die allermeisten Denk-, Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse parallel verschaltet und damit dem System 2 näher sind, verwenden wir vorrangig lineare, perspektivische, sequentielle Problemlösungsstrategien. Sie haben zwar den Vorteil, dass man recht präzise und zuverlässige, aber eben langsame Aussagen bekommt. Solche Aussagen sind dann nicht falsch, aber unvollständig, da sich komplexe Systeme häufig erst durch paralleles Denken hinreichend abbilden lassen.

Wenn wir aber nur linear vorgehen, etwa: erst wachsen, dann umverteilen, sehen wir auch nur Handlungsfelder entlang dieses Pfades. Viele Vorgänge aber sind simultan, parallel und entziehen sich dann dem linearen Denken als Problemlösung, weil man nur Einzelereignisse sieht und die Aufmerksamkeit darauf fokussiert, doch der Überblick geht verloren. Wir sehen, bewerten und entscheiden dann nur innerhalb der Regeln von System 2.

Wenn es um einen Paradigmenwechsel geht, sollte das Gehirn zunächst im System 1 aktiv sein, um alle möglichen Varianten, Strategien, Gefahren und Risiken rasch einschätzen zu können. Wenn man sich dann innerhalb eines vorgegebenen Paradigmas bewegt, ist das System 2 besser. Jetzt können zielgenau, lineare, konkrete Detailfragen sequentiell abgearbeitet werden. Parallele Währungssysteme, aber auch Musizieren, Kochen und Diskutieren sind Beispiele für System 1.

4. Kooperation statt Kompetition

Wir kommen nicht mit einem Wettbewerbs-Gen auf die Welt, sondern mit der Fähigkeit und dem Bedürfnis zur Kooperation, zum gegenseitigen Verstehen und zur Solidarität. Erst wenn die Integrität des Einzelnen oder basale Bedürfnisse in Gefahr geraten, werden Wettbewerbsverhalten und Ausgrenzungsstrategien mobilisiert. Kooperative Strategien, vor allem Tit-for-Tat-Strategien (Wie du mir, so ich dir), sind langfristig immer erfolgreicher als kompetitive Strategien. Kompetitive Vorgehensweisen hingegen führen früher oder später ins Aus.

Als Menschen haben wir ein Gefühl dafür, wann Verteilungen noch gerecht sind. Wenn Verteilungsmuster zu asymmetrisch werden, etwa beim Einkommen oder beim Vermögen, verweigern die Akteure die weitere Zusammenarbeit. Die 25 bestbezahlten Hedgefonds-Manager haben letztes Jahr fast 13 Mrd. USD verdient. Das sind 13-mal 1000 Mio. US-Dollar. Empirisch wird eine Verteilung, die außerhalb von 80:20 oder 70:30 liegt gesellschaftlich verweigert. Vielleicht sind wir an einem solchen Punkt angelangt.

Die klinische Psychologie kann hier noch mehr beitragen: Nicht nur dass weniger mehr, auch anders sein kann, sondern dass Wohlbefinden durch Geben, soziales Engagement und Solidarität nachhaltiger ist und dass Glückserleben bekanntlich bei einem Jahreseinkommen von 50-75.000 Euro für eine dreiköpfige Familie bereits ein Plateau erreicht.