KolumneHöhere Einkommen = gesünderes Wachstum

Michael Pettis
Michael Pettis lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in China. Er ist Finanzprofessor an der Peking University und Senior Associate des Carnegie Endowment. Der Amerikaner hat an der Wall Street gearbeitet und zahlreiche Regierungen beraten
© Getty Images

Wer die Zyklen jäher Expansion und dramatischer Abstürze überwinden will, der muss die Ungleichheit der Einkommen angehen. Die Kluft zwischen niedrigen und hohen Einkünften hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein historisch fast beispielloses Ausmaß erreicht. Damit nicht genug, haben vor allem China und Deutschland auch noch ihre Beschäftigung gesteigert, indem sie den Lohnanstieg begrenzten.

Beide Faktoren – die wachsende Ungleichheit und der sinkende Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt – haben dieselbe Wirkung auf die Nachfrage: Weil die Reichen und der Staat vergleichsweise wenig für den Konsum ausgeben, ist die Konsumquote gemessen am BIP gefallen. Die Ersparnis ist dagegen gestiegen.

Lange Zeit fiel die Nachfrageschwäche nicht weiter auf: Die globale Ersparnis wuchs zwar schneller als die Möglichkeiten, produktiv zu investieren. Aber der Sparüberschuss floss in die Aktien- und Immobilienmärkte in aller Welt. Die boomten und gaben uns das Gefühl, reicher zu werden. Vor allem in den USA und in Südeuropa konsumierten auch einfache Haushalte ordentlich auf Pump, weil ihr Haus ja ein Vermögen wert zu sein schien.

Schwellenländer wähnten sich in Sicherheit

Capital-Cover
Die aktuelle Capital

Bis zur Finanzkrise schuf so der gefühlte Reichtum der einfachen Leute den globalen Ausgleich von Angebot und Nachfrage – dank immer neuer Schulden, die den Konsum antrieben. Aber so ein Schub kann nicht von Dauer sein: Von 2007/08 an wurden die Schulden selbst zum Problem. Die Verbraucher waren nicht mehr in der Lage oder willens, all das zu kaufen, was die Fabriken der Welt produzierten. Unternehmen machten dicht, Mitarbeiter standen auf der Straße.

Während im Westen die Krise zuschlug, schienen die Schwellenländern anfangs dagegen immun. Doch in Wahrheit machten sie mit ihrem eigenen schuldenfinanzierten Kaufrausch einfach nur weiter.

Billiges Kapital und überschüssige Ersparnis haben in Ländern wie China und Brasilien einen Investitionsboom gefördert. Viel Geld floss in Werften und Industrieanlagen, in Bergbauprojekte und – wo man auch hinschaut – unendliche Reihen leer stehender Apartmenthäuser. So entstanden Jobs, aber auch immer weitere Überkapazitäten. Heute stehen die Schwellenländer vor einer fatalen Kombination: Ihre Schulden eskalieren, während der Konsum in den Industrieländern schwach bleibt.

Konsumschub auf Kredit kann nicht von Dauer sein

Für die Rückkehr zu gesundem Wachstum brauchen wir zweierlei: Erstens müssen Länder wie China und Deutschland dafür sorgen, dass Arbeitnehmerhaushalte einen größeren Teil der Einkommen erhalten. Zudem müssen Deutschland, China und vor allem die USA etwas gegen die Einkommensungleichheit tun.

Beide Schritte beleben den Konsum und senken die Ersparnis. Damit schmälern sie auch das Spekulationskapital, das wegen der schwachen Nachfrage produktive Investitionen scheut und stattdessen aufgeregt um die Welt hetzt.

Höherer Konsum stärkt nicht nur unmittelbar die Nachfrage, er macht auch Investitionen wieder lukrativer. Das Problem ist natürlich die Politik: Amerikas Banker, Chinas KP-Prinzen, Deutschlands Unternehmer und die Reichen in aller Welt haben enorm von dem unausgewogenen Wachstum profitiert. Sie können sich gegen Korrekturen sperren – und werden es auch tun.

Doch ohne solche Korrekturen lassen sich Angebot und Nachfrage nur wie bisher ausgleichen: durch hohe Arbeitslosigkeit oder eine neue Welle von Verbraucherkrediten.

Der Beitrag von Michael Pettis erschien zuerst in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Das ökonomische Quartett: David McWilliams (Irland), Heleen Mees (Niederlande), Jagdish Bhagwati (Indien), Michael Pettis (USA). Jeden Monat schreibt bei Capital einer dieser vier Ökonomen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, und jeder hat damit eine andere Perspektive auf die Welt