Capital-History

Capital-HistoryWie ein Betrüger in einer Notendruckerei Falschgeld herstellte

Zu Beginn seiner Laufbahn als Betrüger stellte sich Alves Reis selbst ein Diplom der Universität Oxford aus. Auf dieser Lüge baute er in den 20er-Jahren seine Karriere auf
Zu Beginn seiner Laufbahn als Betrüger stellte sich Alves Reis selbst ein Diplom der Universität Oxford aus. Auf dieser Lüge baute er in den 20er-Jahren seine Karriere aufGemeinfrei

Der Nikolausmorgen des Jahres 1925 ist „ein trauriger, regnerischer Wintermorgen“, wie sich Alves Reis später erinnern wird. Der Bankier, 29 Jahre alt, kommt gerade aus der Kolonie Angola, wo er gute Geschäfte gemacht und ein paar Plantagen gekauft hat. Nun wartet er an Bord des deutschen Dampfers SS Adolph Woermann, um in Portugal an Land zu gehen. Da nähert sich ein Polizeiboot. „Ich habe keinerlei Verbrechen begangen“, sagt Reis noch, als er sich von seiner Frau verabschiedet. Doch er wird gefesselt von Bord geführt. Die Glückssträhne des Artur Virgílio Alves dos Reis ist in diesem Moment zu Ende.

In wenigen Monaten war er zum reichsten und mächtigsten Mann Portugals aufgestiegen – dank der absurden Idee, sich bei der offiziellen Druckerei des Landes Unmengen Geld drucken zu lassen. Er hatte dafür Briefe und Verträge gefälscht, hatte eine Bank gegründet, um die ganzen Scheine unters Volk zu bringen, und sogar versucht, die Zentralbank zu kaufen. Der oberste Richter des britischen Empire spricht später von einem Verbrechen, „für dessen Scharfsinn und konzeptionelle Kühnheit es keine Parallele gibt“.

Staaten brauchen Geld

Die Staaten Europas wissen damals nicht, wie sie ihre Schulden finanzieren sollen. Portugal ist besonders hart getroffen. Und wie anderswo lassen die Politiker dort Geld drucken. Reis hat einfach das Gleiche getan. Nur auf eigene Rechnung.

Die Geldschwemme erschüttert das Vertrauen in die europäischen Währungen, der Staat Portugal gerät ins Wanken. „Der Skandal schwächte die Glaubwürdigkeit der Republik und unterstützte letztlich den Aufstieg des Salazar-Regimes“, urteilt Henry Wigan von der London School of Economics in einem Aufsatz. So sieht es auch Murray Bloom, der den Fall in den 60er-Jahren nachzeichnete. „Es war – und ist – das Verbrechen schlechthin“, schreibt er im Buch „Der Mann, der Portugal stahl“, „die große Ausnahme, die es nur einmal in 100 Jahren gibt.“

Alves Reis wird 1896 in einfachen Verhältnissen geboren. Als Portugal 1916 in den Ersten Weltkrieg eintritt, kann er sich in die Kolonie Angola absetzen. Bevor er losfährt, stellt er sich selbst das Diplom Nummer 2148 der „Polytechnischen Ingenieurschule der Universität Oxford“ aus – die gar nicht existiert. Reis schreibt sich einen beeindruckenden Abschluss in 20 Fächern, von Maschinenbaukunst über Geometrie und Physik bis hin zu Metallurgie. Auf diese Lüge baut er seine weitere Karriere.

In Angola arbeitet er für die Regierung und die Eisenbahn, handelt parallel mit Rohstoffen und schrottreifen Traktoren und macht mit allerlei Tricks ein erstes Vermögen. Ein Kolonialherr mit hellem Anzug und Tropenhelm, so tritt er auf. Ein Emporkömmling, der gern zeigt, was er hat. „Er machte teure Geschenke, schaute einem aber nicht in die Augen. Er war nur an Geld und Frauen interessiert“, sagt die Frau eines Geschäftspartners einmal über ihn.

Zurück in Portugal, fängt Reis an, mit ungedeckten Schecks zu spekulieren, kauft sich so bei Unternehmen ein – und raubt 100.000 Dollar aus einem der Firmentresore. „Es gibt in der materialistischen Welt, der ich angehöre, weder ehrliche Leute noch Schurken – es gibt nur Sieger und Unterlegene“, sagt er, als er auffliegt und im Gefängnis landet. „Sorge Dich nicht“, schreibt er seiner Frau. „So ist das Leben, und wir müssen uns damit abfinden.“

Im Gefängnis kommt ihm dann die Idee seines Lebens. Drucken nicht gerade alle hoch verschuldeten Staaten in Europa Geld? Die Deutschen kommen in der Hyperinflation kaum noch nach. Und die Portugiesen auch nicht. Das Land hat zwischen 1919 und 1924 Inflationsraten von durchschnittlich knapp 50 Prozent. Der Goldstandard ist lange aufgehoben, die Bank von Portugal lässt fleißig Escudo drucken. Warum sollte nicht er, Alves Reis, einfach als Geschäftsmann diese Politik fortsetzen, als „Inflationist“, wie er sich selbst später vor Gericht bezeichnet?

Er liest alles über die Bank von Portugal: Statuten, Geschichte, Bilanzen, Zeitungsausrisse. In seiner Zelle malt er ein vollständiges Diagramm auf und stellt erstaunt fest, dass es keine Abteilung gibt, die die Seriennummern prüft. Wenn er also die Scheine perfekt kopieren würde, würde es keiner merken.