Herfried Münkler „Wir haben die Ukraine in eine Falle laufen lassen“

Herfried Münkler
Herfried Münkler
© IMAGO / Reiner Zensen
Die Ukraine wird ihre Eigenstaatlichkeit verlieren, glaubt der Politologe Herfried Münkler. Er erwartet einen Bruch mit der alten Weltordnung – Europa muss aufrüsten, inklusive einer möglichen nuklearen Abschreckung der EU

Der Politologe Herfried Münkler rechnet damit, dass die Ukraine kein souveräner Staat mehr sein wird. „Man kann davon ausgehen, dass es keine Eigenstaatlichkeit mehr gibt“, sagte er im Podcast „Die Stunde Null“. „Den Preis, den wir zahlen ist, ist, dass Belarus und die Ukraine quasi an die Russische Föderation angeschlossen werden – in welcher Form auch immer, möglicherweise getarnt und camoufliert.“

Münkler ist der Ansicht, man habe die Ukraine „in eine Falle laufen lassen“ – weil sie am Ende weder die Möglichkeit eines Nato-Beitritts hatte noch die Option einer „ewigen Neutralität“, der sogenannten „Finnlandisierung“.

Münkler, dessen Bücher wie „Die neuen Kriege“ sowie „Imperien – die Logik der Weltherrschaft“ Standardwerke sind, erwartet eine tiefgreifende Wende in der europäischen und westlichen Sicherheitspolitik, inklusive einer möglichen nuklearen Aufrüstung in der EU. „Das Projekt einer regelbasierten und wertegebunden Weltordnung ist vorbei“, sagte er. „Ich glaube, dass sich in den letzten Tagen die politischen Konzeptionen so fundamental verändert haben, dass in geopolitischer und strategischer Hinsicht letzten Endes kein Stein mehr festsitzt, wo er war.“

Weltpolitik sei künftig nicht mehr „Win-win“, sondern werde zum Nullsummenspiel. Das Recht des Stärkeren zähle, das Denken in Interessenskonflikten dominiere. China, die USA und „ein bisschen Russland“ würden diese Zukunft bestimmen. Die Europäer liefen Gefahr, dass sie „gewissermaßen dabeistehen wie das Kind beim Dreck“.

Münkler erwartet eine militärische Aufrüstung in Europa. „Die Zeit eines sehr genussvollen, um nicht zu sagen hemmungslosen Konsumierens der Friedensdividende ist zu Ende“, sagte der Politologe, der bis 2018 an der Humboldt-Universität lehrte. Die Streitkräfte müssten „deutlich ertüchtigt werden“. Dabei gehe es auch um Abschreckung gegenüber einem potenziellen Angreifer. „Und das kann eigentlich nur heißen, dass die Europäer über eine eigene nukleare Abschreckung ernstlich nachdenken. Das ist auch ein Bruch mit sehr vielen Glaubenssätzen der Vergangenheit.“

„Eigentlich sind wir wieder in einer Situation, in der Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war“, sagte Münkler.  Eine Zeit, in der Mächte mit dem „Instrument militärischer Gewalt“ ihre Ziele durchsetzen. „Und das ist in der Tat ein tiefer Bruch. Auch für jemanden wie mich, Jahrgang 1951, ist das eine Situation, die ich in meinem Leben noch nie gegeben hat.“

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“ zudem

  • einen Bericht des stern-Reporters Andrzej Rybak, der bis zum Angriff in Kiew war und nach Lemberg geflohen ist,
  • eine Einschätzung der n-tv-Bösenexpertin Katja Dofel über den Schock an den Märkten.

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