InterviewHellofresh hat Großes vor

Hellofresh-CEO Dominik Richter
Hellofresh-CEO Dominik Richter
© Jonas Holthaus

Hellofresh wurde 2011 gegründet und stammt aus der Schmiede von Rocket Internet. Das Unternehmen wächst rasant und beliefert in sieben Ländern eine halbe Million Kunden mit Kochboxen. Mit 700 Festangestellten setzte das Berliner Start-up 2015 geschätzt rund 300 Mio. Euro um, 2014 waren es noch 70 Mio. Euro.


Capital: Herr Richter, Hellofresh verschickt Pakete mit Essen zum Selberkochen und hat es damit auf einen Firmenwert von 2,6 Mrd. Euro gebracht – fast halb so viel wie Lufthansa. Das ist doch Wahnsinn für so ein Nischenprodukt, oder?

Richter: Das ist keine Nische. Wir sehen uns nicht als Händler, der Lebensmittel mit einer Marge von zehn bis 15 Prozent vertreibt, sondern als Hersteller eines eigenen Produkts: Kochboxen mit den richtigen Portionen zur richtigen Zeit. Statt Autos designen wir Speisekarten und Mahlzeiten, die Bestandteile werden gekauft und zusammengesetzt wie in der Autofabrik – und dann an den Kunden verkauft. Wie schnell wir uns dabei entwickeln, ist von außen für viele schwer zu verstehen.

Sie sind das dritte „Unicorn“ – also mit über 1 Mrd. Euro bewertet – in der Rocket-Familie, neben Home24 und Delivery Hero. Viele Experten glauben, dass ein Großteil der Einhörner völlig überbewertet ist.

Der Wert einer Firma ergibt sich daraus, was sie von heute bis in die ferne Zukunft auf die Beine stellt. Man misst ein Unternehmen doch nicht nur daran, ob es Verluste macht oder nicht, sondern daran, ob es erfolgversprechend ist.

Und warum verspricht Ihr Geschäftsmodell Erfolg?

Unser Markt steht weder in direkter Konkurrenz zum Supermarkt noch zu Restaurants, Kantinen oder Mensen. Es ist ein neuer Markt. Unsere Zielgruppe sind die 30- bis 50-Jährigen, die eine Routine im Leben haben und sich drei- bis fünfmal pro Woche festlegen können, zu Hause zu kochen. Am Anfang war das Modell einfach und klein. Mit jedem neuen Service senken wir die Hürden: Wir liefern heute an fünf Tagen der Woche, früher waren es drei. Unser Zustellfenster ist ein bis zwei Stunden statt früher vier. Und die Speisekarte ist viel größer geworden. So erweitern wir fortlaufend unseren Markt.

Anleger hat die Story offensichtlich nicht so überzeugt. Ihr im November geplantes Börsendebüt wurde verschoben.

Wir verstehen uns als europäische Technologiefirma und sind von den Wachstumschancen, die ein Börsengang bietet, weiter überzeugt. Doch im November hatte sich das Börsenumfeld zu sehr verschlechtert.

Also war nur das Umfeld schuld?

Unser Glück war, dass wir eine sehr gute Kapitalausstattung haben. Wir sahen keinen Grund, zu einem suboptimalen Zeitpunkt an die Börse zu gehen. Wir können warten.

„Hellofresh hat ein sehr nachhaltiges und belastbares Geschäftsmodell“

Sind Sie nicht einfach krass überbewertet und in die Tech-Blase hineingeraten, die seit dem letzten Quartal 2015 Luft ablässt?

Ich sehe keine Tech-Blase.

Viele Investoren sehen das anders.

Unsere Investoren wissen: Was wir aufgebaut haben, verschwindet nicht einfach. Hellofresh hat ein sehr nachhaltiges und belastbares Geschäftsmodell in einem der größten Märkte, die es gibt. In unserem Segment ist keiner besser positioniert als wir, sowohl in Europa als auch in den USA. Das gilt unabhängig vom Börsenumfeld. Wer die Zahlen kennt, hält unsere Bewertung für angemessen.

Aber die wurde doch hochgejagt durch das Investment des schottischen Fonds Baillie Gifford – vermutlich schon mit Blick auf den Börsengang?

Das stimmt nicht. Wenn man uns einen Vorwurf machen kann, dann den, dass wir uns vorher zu günstig verkauft haben.

Sind diese hohen Bewertungen im Rückblick nicht ein Bärendienst?

Zu dem Preis wollten verschiedene Investoren einsteigen. Wir haben uns für jemanden entschieden, der eine gute Reputation und viel Erfahrung hat. Das sind Investoren, die sich jeden Tag 100 Unternehmen ansehen, nicht nur Hellofresh. Wenn diese Investoren sagen, der Preis ist es uns wert, dann ergibt das für beide Seiten sehr viel Sinn. Der Investor hat Anteile an einem vielversprechenden Unternehmen. Und wir haben Kapital und können expandieren.

Wenn das schwierige Börsenumfeld entscheidend war für den Aufschub, dann wird 2016 ja voraussichtlich nicht besser. Ist denn dieses Jahr oder später ein IPO noch zu erwarten?

Was wir mit Hellofresh aufbauen, ist nichts, was wir optimieren, um den Wert in den nächsten sechs oder zwölf Monaten so hoch zu treiben wie möglich. Wir schauen auf die kommenden fünf bis zehn Jahre. Ein Börsengang wäre gut gewesen, aber wir brauchen ihn nicht unbedingt. Ob wir ihn in sechs, zwölf, 18 Monaten oder in drei Jahren wagen, ist sekundär. Wichtig ist, was aus dem kleinen Pflänzchen Hellofresh geworden ist. Darauf sind wir stolz. Und in den nächsten zehn Jahren werden wir viel daraus machen.

Das sehen die Gesellschafter genauso?

Die Gesellschafter haben Interesse daran, dass wir über einen längeren Zeitraum ein erfolgreiches Unternehmen werden können.