AnalyseDas Ende des Start-up-Booms

Uber
Der Fahrdienst Uber ist der Spitzenreiter im Bewertungsranking
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Ach ja, die Blase! Die ganzen Einhörner! Wenn das Wort „Bubble“ fällt, lehnt sich Joe Schoendorf in seinem Sessel nach vorne und redet über Sonne und Orangenbäume. Wie er vor genau 50 Jahren ins Silicon Valley kam, im Januar 1966: Vorstellungsgespräch in Palo Alto bei einem kleinen Unternehmen namens Hewlett-Packard, das damals in ein neues Geschäft drängte – Computer. Es waren 17 Grad, die Sonne schien, und vor dem Hotelzimmer standen Orangenbäume. Und Schoendorf sagte sich: „Ich werde nach Palo Alto kommen.“ Er wurde, nach vielen Jahren bei HP, ein sehr erfolgreicher Risikokapitalgeber.

Was soll uns diese Geschichte sagen? „Nun“, sagt Schoendorf, „ich habe seitdem bestimmt fünf Zyklen erlebt, Booms, Crashs, Aufstieg und Fall. Ich habe gesehen, wie kleine Unternehmen die größten der Welt wurden.“ Irgendwo sei immer eine Blase, „und irgendwann wird sie platzen“. Aber er glaube nicht, dass der Zeitpunkt schon jetzt gekommen sei. „Und es ist nie das Ende der Welt.“

Nicht alle geben sich so gelassen wie Schoendorf, der seit 20 Jahren Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Accel Partners ist, die früh in Facebook investierte. Denn die Sorge, dass eine große Tech-Blase vor dem Platzen steht, hat seit einigen Wochen zugenommen. Korrekturen, abgesagte Börsengänge, Zweifel an Geschäftsmodellen haben Gründer und Investoren verunsichert.

Billion Dollar Startup Clu

Über Monate waren die Bewertungen für Start-ups in astronomische Höhen geklettert. Digitale Dienstleister, Plattformen, Apps und Portale, die noch nie Geld verdient hatten, waren plötzlich mehr Wert als gestandene Konzerne. Eine Gattung entstand: „Unicorns“, zu Deutsch Einhörner, Start-ups, die mit über 1 Mrd. Dollar bewertet werden.

146 dieser Einhörner zählt das „Wall Street Journal“ derzeit in seinem „Billion Dollar Startup Club“, darunter der uneinholbare Spitzenreiter Uber. Ein Fahrvermittlungsdienst, der zwar rasant wächst, aber in vielen Ländern verboten oder verbannt wurde und sich vor Gericht streitet. Bewertet mit 51 Mrd. Dollar, etwa so viel wie Volkswagen. Vor einem Jahr, als auch Capital über den „Bewertungsrausch im Valley“ schrieb (05/2015), war Uber noch mit 41 Mrd. Dollar bewertet (siehe Grafik). Beides Wahnsinn.

Auch deutsche Einhörner sind in den Milliardenclub aufgestiegen, darunter die Lieferdienste Delivery Hero (3,1 Mrd. Dollar) und Hellofresh (2,9 Mrd.). Viele Milliarden Dollar Risikokapital stürzten sich auf die vielen großen und vermeintlich großen Ideen, die einmal die Welt erobern oder aus den Angeln heben sollen.

Seit einigen Monaten aber hat sich die Stimmung merklich abgekühlt. Investoren geben plötzlich weniger oder gar kein Geld mehr, umschwärmte Einhörner werden bei neuen Kapitalspritzen niedriger bewertet. „Das dritte Quartal 2015 war das letzte, in dem noch Musik war“, berichtet der Gründer eines Social-Media-Start-ups. Die Stimmung im Silicon Valley sei umgeschlagen, von „optimistisch in vorsichtig“, sagt auch Toni Schneider, Partner beim Risikokapitalgeber True Ventures in San Francisco, der als Erster in den Fitnessarmband-Hersteller Fitbit investierte. „Die meisten hier sind sich einig: Die Bewertungen waren überhitzt, das Investitionstempo zu hoch – jetzt muss es gedrosselt werden.“ Lise Buyer, deren Unternehmen Class V Group Start-ups beim IPO berät, sieht „weniger Euphorie und Angeberei“.

Die Musik ist gedämpfter

Und so gibt es immer mehr flat rounds oder down rounds, bei denen Start-ups stagnierende oder geringere Bewertungen gegenüber vorhergehenden Runden in Kauf nehmen müssen. Kein Kapitalgeber sagt es öffentlich: Aber sie führen Listen todgeweihter Einhörner.

Der gehypte Fitnessband-Hersteller Jawbone etwa sammelte im Januar frische 165 Mio. Dollar ein. Die Bewertung lag Insidern zufolge bei 1,5 Mrd. Dollar – die Hälfte der Bewertung bei der vorhergehenden Finanzierungsrunde.

Auch das ewige Talent Foursquare hat eine down round hinter sich. Der angeschlagene Pionier bei ortsbasierten Onlinediensten erhielt im Januar eine Finanzspritze in Höhe von 45 Mio. Dollar, soll dabei aber nur mit 250 Mio. Dollar bewertet worden sein. Bei der letzten Runde 2013 waren es noch 650 Mio. Dollar. Es gibt weitere gefallene Engel: Fab, Good Technology, Gilt Groupe, One Kings Lane. Auch bekannte Firmen trifft die gedämpfte Stimmung: Anlagefonds, die in Start-ups investieren, haben in jüngster Zeit die Bewertungen von Unicorns wie dem Speicherdienst Dropbox, der App Snapchat und dem Cloud-Spezialisten Zenefits eingedampft. Und in Deutschland wurde im November der Börsengang des Kochboxen-Dienstes Hellofresh abgesagt.

Die Musik ist also gedämpfter – aufgehört zu spielen aber hat sie noch nicht: „Es gibt noch zu viel Gelegenheiten, zu viel Nachfrage da draußen“, sagt Joe Schoendorf. „Wir haben eine Korrektur von zehn bis 15 Prozent erlebt. Aber das ist völlig okay.“ Das Interesse der Investoren habe keinesfalls abgenommen, sagt auch Lise Buyer, die einst bei Google arbeitete und 2004 durch den Börsengang führte. „Es regnet zwar nicht mehr Geld, und die Bewertungen sind nicht mehr ganz so übertrieben, aber es gibt immer noch viele Investoren mit sehr viel Geld auf der Suche nach Start-ups.“