InterviewViele „Einhorn“-Start-ups werden untergehen

Joe Schoendorf
Joe Schoendorf
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Joe Schoendorf lebt seit 1966 im Silicon Valley. Er begann seine Karriere beim Computerhersteller Hewlett Packard, arbeitete danach für Apple. 1988 ging er zum Risikoinvestor Accel Partner, dem ersten Risikokapitalgeber, der in Facebook investierte. Er gehört zudem zum Führungsteam des Weltwirtschaftsforums. (Hier finden Sie eine englischsprachige Version des Interviews mit Joe Schoendorf)


Herr Schoendorf, viele machen sich Sorgen über eine neue Blase im Tech-Sektor. Sehen Sie auch diese Gefahr?

Nun, irgendwo ist immer eine Blase. Es gibt in der Wirtschaftsgeschichte kein Periode, in der es nicht eine Gefahr einer Blasenbildung gab. Die Frage, die niemand beantworten kann, ist: Wann wird sie platzen? Und jeder, der sagt, er wisse es, liegt falsch.

Also sagt Ihnen Ihre Erfahrung, dass der spektakuläre Aufstieg von rund 150 so genannten „Einhörnern“ – also Start-ups, die mit über 1 Mrd. Dollar bewertet werden – kein Problem ist?

Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte. Es ist jetzt genau 50 Jahre her, dass ich ins Silicon Valley kam, das damals noch nicht so hieß. Ich hatte einen Abschluss als Elektroingenieur von der Purdue University und führte erste Bewerbungsgespräche. Ein Gespräch führte ich mit einem kleinen 200-Millionen-Umsatz-Unternehmen in Palo Alto. Es hieß Hewlett Packard und strebte damals in ein neues Geschäft: Computer. Ich flog also 1966 nach Palo Alto, und als ich am nächsten Tag aufwachte, ging ich aus dem Hotelzimmer und sah einen Orangenbaum. Es war ein sonniger Januartag, um die 16, 17 Grad, und ich sagte mir: „Ich werde nach Palo Alto kommen.“ Hewlett Packard wurde später zum größten Computerhersteller der Welt.

Und was lehrt uns diese Geschichte?

Mein Punkt ist: Ich habe Booms und Crashs gesehen, Aufstieg und Fall. Ich habe kleine Unternehmen erlebt, die zu den größten der Welt wurden. Ich habe fünf große Zyklen beobachtet und durchgemacht – es ist niemals das Ende der Welt. Auch 1974, als die Ölkrise ausbrach, fragte eine Zeitung: „Ist das Silicon Valley das nächste Detroit?“ Damals hatte Intel gerade verkündet, dass es sich aus dem Speichergeschäft zurückziehen würde – und wir alle starrten auf das Scheitern dieses großartigen Unternehmens. Intel aber wollte seine Kräfte auf ein neues Produkt werfen: integrierte Schaltkreise (IC). Heute sind sie der größte Halbleiterhersteller der Welt. Was ich sagen will: Wir werden neue Abschwünge und Krisen erleben. Wenn ich genau wüsste, wann, wäre ich klüger, als ich bin. Aber ich glaube nicht, dass wir jetzt vor einer neuen Krise stehen.

Wer erinnert sich noch an DEC?

Capital 03/16
Die aktuelle Capital

Aber wir haben im letzten Quartal 2015 im Tech-Sektor eine Korrektur erlebt, die immer noch anhält.

Ja, es gab eine Korrektur von 10 bis 15 Prozent. Nicht mehr, und das ist okay. Aber es gibt auf dem Markt noch sehr viel Nachfrage und Möglichkeiten. Werden alle 150 Einhörner durchkommen und erfolgreich sein? Nein! Aber das macht nichts. Schauen Sie, fünf der wertvollsten Unternehmen der Welt sind IT-Konzerne, die mit Risikokapital finanziert wurden, einige davon sind erst seit diesem Jahrhundert im Geschäft! Also worum dreht sich das Spiel? Um große Gelegenheiten! Vor 20 Jahren war der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg noch in der Schule. Amazon war erst ein Jahr Online, Apple stand kurz vor der Pleite. Nun dominieren sie die Welt. Wenn Sie also 100 Unternehmen haben, die mit mehr als 1 Mrd. Dollar bewertet werden – und nur zwei schaffen es in die Fortune 10-Liste in zehn Jahren, sind also über 200 Mrd. Dollar wert – dann klingt das für mich nach einem ziemlich guten Deal.

Eine Abschwung würde also an ihrer langfristigen Perspektive nichts ändern?

Langfristig ändert sich nichts. In zehn Jahren, also 2026, können wir auf die 500 größten Unternehmen von der Fortune-Liste schauen – und ich schätze, 30 Prozent werden andere und neue Firmen sein. Und in diesem Jahrzehnt erleben wir die höchste Austauschrate. Der Treiber dahinter ist das Unvermögen von Unternehmen, sich digital neu aufzustellen. Erinnern Sie sich an die Digital Equipment Corporation (DEC)? In den 80ern Jahren war DEC die Nummer zwei auf dem Computermarkt, alle dachten, sie überholen IBM. Nun, sie wurden 1998 von Compaq übernommen. Heute erinnert kaum einer beide Namen, und IBM spielt in dem Geschäft auch keine Rolle mehr. Die meisten IT-Konzerne werden von unten zerstört, und der Grad an Disruption wird zunehmen.

Was ist Ihr Rat an Leute, die sich Sorgen machen?

Sie müssen immer das „Big Picture” im Auge haben. Als ich ins Valley kam, war die IT-Industrie Schneewittchen und die sieben Zwerge. IBM war Schneewittchen, an die sieben Zwerge erinnert sich keiner. Sie sind alle verschwunden. Wir haben hier seit Jahrzehnten eine Tradition, uns gegenseitig zu fressen. Wenn ich auf Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos bin, schaue ich bei Gesprächen immer auf die Firmen auf den Namensschildern und denke „sicher“ oder „nicht sicher“.

Und wer ist sicher?

Fast keiner. Banken, Versicherungen, Medien, Autohersteller, Verkehr – wer heute ein Geschäft führt, ist in keinem sicheren Hafen.