Capital erklärtHält unser Gesundheitssystem der zweiten Corona-Welle stand?

Ein Intensivbett in einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Links neben dem Bett steht eine Herz-Lungen-Maschine, oben die Überwachungsmonitore für die Vitalfunktionen. Rechts neben dem Bett steht ein Beatmungsgerät und Infusionstechnik. Mit dieser Technik können schwerkranke Patienten optimal versorgt werden
Ein Intensivbett in einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Links neben dem Bett steht eine Herz-Lungen-Maschine, oben die Überwachungsmonitore für die Vitalfunktionen. Rechts neben dem Bett steht ein Beatmungsgerät und Infusionstechnik. Mit dieser Technik können schwerkranke Patienten optimal versorgt werdenimago images / Max Stein

Wie stark sind die Intensivstationen der Krankenhäuser im Moment ausgelastet?

Im Moment werden mehr als 2500 Covid-Patienten auf Intensivstationen behandelt. Das ist noch kein Zustand, in dem die Betten knapp werden. Zuletzt kamen 158 Covid-Patienten am Tag dazu. Trotzdem machen sich die Verantwortlichen auf den Intensivstationen jetzt schon große Sorgen. Erstens, weil diese Entwicklung anhält und weil Covid-Patienten besonders lang auf Intensivstation bleiben – durchschnittlich 18 Tage, manche aber auch monatelang. Der zweite Grund ist, dass die Zunahme der Infizierten immer erst mit Verspätung auf den Intensivstationen ankommt. Wenn die Zahl der Infizierten drastisch ansteigt, dann wird es nicht bei 158 neuen Covid-Patienten auf den Intensivstationen am Tag bleiben. Der dritte Grund ist, dass die Intensivstationen im Winter ohnehin schon ausgelastet sind, beispielsweise durch die Grippewelle. Ein weiteres Problem ist der Mangel beim Pflegepersonal. Die Sorge ist also schon jetzt sehr groß, dass die Kapazitätsgrenzen schnell erreicht sein könnten, wenn nichts passiert – wie beispielsweise in Frankreich oder in Belgien.

Gibt es genügend Masken für die ganze Bevölkerung?

In der ersten Welle wurden sehr viele Masken angeschafft, besonders für den medizinischen Bereich. Dass es an Material mangelt, hört man derzeit von niemandem. Die Ausstattung scheint besser geworden zu sein. Das hat auch damit zu tun, dass die Bundesregierung in der ersten Welle Geld dafür zur Verfügung gestellt hat. Sonst wäre es für die Krankenhäuser mit dem derzeitigen Finanzierungssystem schwierig gewesen, viel Material auf Vorrat anzuschaffen.

Gilt das auch für Beatmungsgeräte?

Größtenteils ja. In der Charité wurden im Frühjahr beispielsweise neue Beatmungsgeräte angeschafft. Aber auch da gilt: Ein Beatmungsgerät nützt nichts ohne Fachpflegekräfte, die es bedienen können. Da gibt es zwar keinen Mangel, aber in Krankenhäusern müssen Pfleger, die 15 Minuten ohne ausreichenden Schutz mit einem Infizierten verbracht haben, in Quarantäne oder Pflegekräfte können sich auch selbst infizieren. Auch hier ist das Problem eher der Personalmangel als die Hardware.

Wie teuer ist es, die Krankenhausbetten freizuhalten und die Ausrüstung auf Vorrat zu lagern? Wie wird das finanziert?

Im Augenblick hält man noch nicht explizit Betten frei wie im Frühjahr, als Operationen und Behandlungen verschoben wurden. Aber schon jetzt werden in Krankenhäusern teilweise Termine aufgeschoben oder die normale Kapazität wird heruntergefahren. Im Frühjahr wurde den Krankenhäusern eine Pauschale von 560 Euro pro freies Bett gezahlt. Das war für einige Krankenhäuser zu viel und gleichzeitig für viele Krankenhäuser zu wenig. Einige haben daran sehr gut verdient. Zum Teil wurden Krankenhausbetten stillgelegt, die gar nicht stillgelegt werden mussten, weil es lukrativ war. Auf der anderen Seite haben größere Kliniken und Unikliniken häufig höhere Kosten, die Charité spricht zum Beispiel von 860 Euro pro Tag. Das liegt daran, dass sie für vielfältigere Krankheiten und Therapien vorbereitet sein müssen. Darauf hat man zum Teil Rücksicht genommen: Im Sommer hat das Gesundheitsministerium die Pauschalen etwas stärker gestaffelt. Seitdem bekommen die Krankenhäuser zwischen 360 und 760 Euro pro Tag pro freies Bett. Das könnte die Bedürfnisse schon deutlich stärker decken. Finanziell werden viele, gerade die großen Krankenhäuser, dieses Jahr deutliche Verluste schreiben. Einige, gerade private Betreiber oder auf Standardoperationen spezialisierte Krankenhäuser, werden durch Corona finanziell ein ganz gutes Jahr gehabt haben. Die werden versuchen, das in ihren Bilanzen möglichst zu verstecken.

Wie hoch ist die Gefahr, dass die zweite Welle unser Gesundheitssystem überlastet?

Noch ist die Gefahr nicht akut. Aber wenn nichts getan würde, um die Welle zu bremsen, dann wäre die Situation, die man im Frühjahr befürchtet hat, sehr schnell da. Damals wurde befürchtet, dass Krankenhäuser eine Triage vornehmen müssten und entscheiden müssten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht. Man hat im Frühjahr sehr stark investiert, was auch kontrovers diskutiert wurde. In Berlin-Tempelhof wurde zum Beispiel eine Notklinik für 31 Mio. Euro aufgebaut. Viele haben gesagt, das sei Verschwendung gewesen, weil diese Klinik nie benutzt wurde. Jetzt ist man sehr froh, dass man diese Kapazitäten aufrechterhalten hat. Man hat zusätzliche Kapazitäten geschaffen und auch zusätzliche Technik angeschafft. Dieser kritische Zustand wird also nicht so schnell erreicht werden. Aber gegen eine exponentielle Entwicklung kann man nicht aninvestieren, dafür reicht keine Kapazität aus. Daher ist es jetzt wichtig, dass die Infektionszahlen zurückgehen.

 


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