SerieGroßes Problem, smarte Lösung: Conflictfood

Conflictfood_Afghanistan
Ein Safranfeld in Afghanistan.Gernot Würtenberger


Klimawandel, Armut, Flüchtlingskrisen: Die Welt ist voller Probleme. Capital präsentiert  Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit – von smarten Köpfen und innovativen Unternehmungen. Diesmal: Conflictfood


Das Problem:

Afghanistan, Palästina, Jemen – mit den Namen dieser Länder verbindet man in erster Linie politische Konfliktregionen. Die Menschen in den Krisengebieten sind Krieg und Armut schonungslos ausgeliefert, und es gibt oft wenig Perspektiven im eigenen Land. In ihrer Not fliehen viele aus ihren Heimatregionen auf der Suche nach Sicherheit und Arbeit, um ihre Familien zu ernähren. Wer bleibt, hat kaum Chancen. Auch in Afghanistan arbeiten viele Bauern aus Perspektivlosigkeit auf den Opiumfeldern des Landes. Afghanistan gehört zu den größten Opium-Produktionsländern weltweit. Das fördert nicht nur den Rauschgiftmarkt selbst, sondern finanziert auch Warlords und Terroristen, wodurch die Wirtschaftslage destabilisiert wird.

Zweites Beispiel: Der in Folge des Konfliktes zwischen Israel und Palästina enstandene Wassermangel in Palästina hat schwere Folgen für die Agrarwirtschaft und die Biodiversität des Landes. Viele Bauern konzentrieren sich deshalb auf den Anbau robuster Olivenbäume. Das führt zu einem starken wirtschaftlichen Konkurrenzdruck zwischen den Bauern in Palästina und einem damit einhergehenden Preisverfall.

Drittes Beispiel: Die Demokratisierung Myanmars geht nur schleppend voran. Im mehrheitlich buddhistischen Staat gibt es andauernde Kämpfe mit ethnischen Minderheiten. So werden Angehörige der christlichen Karen, der muslimischen Gruppe der Rohingya oder den Ta’ang zu Flüchtlingen. Die Folge sind verwahrloste landwirtschaftliche Regionen, Flüchtlingscamps und Millionen von Menschen ohne Pass und Arbeitsgenehmigung, die keine Ernährungsgrundlage haben und unter Armut leiden.

Die Lösung:

Conflictfood hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen in den Konfliktregionen zu unterstützen und mit einem ganzheitlichen Ansatz Armut entgegenzutreten und Fluchtursachen an der Wurzel zu bekämpfen. Das Berliner Social-Start-up arbeitet mit Bauern vor Ort zusammen und importiert Feinkost aus den Krisengebieten, um die lokalen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der Krisenländer zu stärken und den Menschen vor Ort neue Perspektiven in ihrer Heimatregion zu bieten.

„Unsere Produkte haben eine lange Tradition und hohe Qualität. Wir können sehen, dass die Wertschätzung ihrer Arbeit die Bauern mit einem gewissen Stolz erfüllt“, sagt Salem El-Mogaddedi, Gründer von Conflictfood. Durch den fairen und direkten Handel mit Kleinbauern und lokalen Kooperativen eröffnet Conflictfood den Menschen vor Ort neue Absatzmärkte und trägt so zu einer nachhaltigen Wertschöpfung der Region bei. „Eine gute Beziehung zu den Händlern spielt für uns eine sehr wichtige Rolle. Sie sind unsere wichtigsten Partner. Wir wollen ihre Geschichte erzählen und dazu beitragen, dass über ihre Lebenssituation gesprochen wird“, sagt Gernot Würtenberger, Geschäftspartner von El-Mogaddedi. Die beiden verstehen sich als Friedensbotschafter: Mit ihrem Social-Start-up wollen sie dazu beitragen, dass den Menschen in Konfliktregionen auch im Ausland mehr Verständnis entgegengebracht wird.

Einmal im Jahr reist das Team von Conflictfood in politische Krisenregionen auf der Suche nach landestypischen Spezialitäten. Um mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen, arbeiten sie mit großen und kleinen NGOs zusammen. Neben Afghanistan konnten sie in den letzten drei Jahren auch soziale Kontakte in Palästina, Jemen und Myanmar knüpfen. Derzeit sind sie dabei, Handelsbeziehungen zu syrischen Pistazienbauern aufzubauen. Nach sieben Jahren Krieg wollen sie das erste Unternehmen sein, dass wieder syrische Produkte auf den internationalen Markt bringt.

Die kulinarischen Spezialitäten, darunter Tee aus Myanmar oder das in Deutschland noch weitgehend unbekannte Freekeh, grüner Weizen aus Palästina, werden in Berlin in einer Werkstatt für Menschen mit Handicap zu einem „Friedenspaket“ zusammengeschnürt. Dazu gibt es eine selbstgeschriebene Zeitung, die nicht nur über den Konflikt der jeweiligen Herkunftsregion informiert, sondern auch über persönliche Geschichten und die Esskultur des Landes berichtet. „So wollen wir dem einseitigen Krisenimage entgegenwirken“, sagt El-Mogaddedi.

Die Köpfe dahinter:

Während einer gemeinsamen Reise durch Afghanistan wurden Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger auf ein Frauenkollektiv aufmerksam, das sich von der Opiumproduktion abgewandt hatte. Stattdessen bauen die Frauen unabhängig und selbstverwaltet Safran, eines der wertvollsten Agrarprodukte weltweit, an. Inspiriert von der positiven Geschichte der Frauen entstand die Idee Projekte in Konfliktregionen durch den Verkauf hochwertiger einheimischer Agrarprodukte zu unterstützen. Mit ein paar Kilo Safran im Gepäck kehrten die Zwei nach Berlin zurück und gründeten Conflictfood.