ReportageGlobal Players

Der Star würde jetzt gern nach Hause gehen, der Tag war lang und anstrengend. Die Chinesen aber haben noch zwei Fragen. Eigentlich hat Simon Rattle schon alle beantwortet. Er hat in die Kamera erklärt, wie viel es ihm bedeutet, mit seinen Berliner Philharmonikern in diesem herrlichen Saal der Prager Burg zu spielen. Vor allem: an der Seite seiner Ehefrau, der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kožená. Was soll er denn noch sagen?

Mit dem Fernsehteam steht Rattle vor der Bühne, auf der sie am nächsten Tag spielen werden. An der Decke glänzt der vergoldete Stuck, und die Moderatorin, die ihn im Auftrag etlicher Fernsehstationen aus aller Welt befragt, kramt noch einmal in ihren Karten. Bitte, die zwei Fragen aus China noch. Rattle seufzt. Also: „Was bedeutet es für Sie, in Prag zu spielen, an der Seite Ihrer Ehefrau, der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kožená?“ Das Geschäft kann unerbittlich sein.

Aber dafür wird die Shanghai Media Group, der zweitgrößte Medienkonzern Chinas, das Konzert am folgenden Tag auch live im ganzen Land übertragen. 11 Uhr in Prag ist früher Abend in China, eine gute Sendezeit. Millionen werden dort dann Rattle, Kožená und den Philharmonikern zusehen, wie sie Dvořák und Beethoven spielen, unter Putten und goldenen Kronleuchtern. In der Pause wird die Shanghai Media Group das Interview mit Rattle zeigen. Mit ihren eigenen Fragen. Das ist Teil des Deals.

Dirigent Sir Simon Rattle (r.) im Gespräch
Dirigent Sir Simon Rattle (r.) im Gespräch
© Werner Ammann

Die Berliner werden eine perfekte Inszenierung liefern. Große Musik in großer Kulisse, wie man sich das alte Europa eben vorstellt im Rest der Welt. Dreimal im Jahr treten die Philharmoniker so im Fernsehen auf, und mit jedem dieser Auftritte erreichen sie allein in Deutschland mehr Menschen als in einer ganzen Saison in Berlin. Fernsehen bedeutet Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit bedeutet Einnahmen.

Jenseits ihrer großen Geschichte und jenseits der hohen Kunst sind die Philharmoniker nämlich auch findige Unternehmer. Ihr Jahresbudget betrug zuletzt 43 Millionen Euro, der jährliche Zuschuss des Landes Berlin deckt nur gut ein Drittel davon. Den Rest müssen sie selbst verdienen. Mit dem einzigen Produkt, das sie haben: ihrer Musik.

Sie arbeiten dabei für ein Publikum, das altert. Auf einem Markt, der schrumpft. Seit Jahren sinken die Umsätze mit CDs und Platten, die Branche steckt in der Dauerkrise. Allein 2012 schwand der Tonträgerumsatz mit klassischer Musik um über 14 Prozent. Den Berliner Philharmonikern aber geht es gut. Und die Antwort auf die Frage, warum das so ist, ist ein Lehrstück für alle, die glauben, ihre Arbeit sei abgeschlossen, ihr Markt gesättigt, ihr Produkt fertig. Nichts ist fertig, nicht einmal in der Klassik.

„Sir Simon“

Ayako Yoshihara zum Beispiel ist extra von Den Haag nach Prag geflogen. Die junge Japanerin hat das Orchester schon ein Dutzend Mal gehört, und nun kämpft sich die zierliche Frau durch die Menschenmenge in der Prager Burg, um noch einen Blick auf ihr Idol zu ergattern. Auf ihn, den hier alle nur „Sir Simon“ nennen.

Der Dirigent der Berliner Philharmoniker ist ein Superstar der klassischen Musik. Selbst wenn man noch nie ein Konzert mit Simon Rattle besucht hat, kennt man seinen Namen und wohl auch seine weißen Locken. Egal, was der Chef des Orchesters an seinem Dirigentenpult sonst noch leistet, allein diese Wiedererkennbarkeit ist für die globale Marke ein unschätzbarer Wert.

Rattle hat die Philharmoniker weicher und sympathischer gemacht, er hat sie ins 21. Jahrhundert geholt. Man kann ihn ansprechen und anfassen. Er redet nicht nur über Musik, er macht Witze und erzählt manchmal stolz von seinen beiden kleinen Söhnen. Als Ayako Yoshihara in der Prager Burg endlich zu ihm vorgedrungen ist, lässt er sich dreimal mit ihr fotografieren. Als die nächsten Fans drängeln, nimmt er alle auf einmal in den Arm. Noch drei Bilder. Frau Yoshihara kann ihr Glück kaum fassen.

Rattle nimmt sich der Menschen an, auch derer, die noch nicht zu seinem Publikum gehören. Als der Brite 2002 die Philharmoniker übernahm, startete er ein großes Programm für Kinder aus den sozialen Brennpunkten Berlins. Ihm ging es um musikalische Früherziehung, doch auf einmal probten da Weltklassekünstler mit Kindern und Jugendlichen aus Plattenbausiedlungen. Aus dem Projekt entstand der Film „Rhythm Is It“, der in Deutschland mit rund 700 000 Kinobesuchern zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmen überhaupt zählt. Ein gewaltiger Werbeerfolg.