US-Wahl„Gift für die Wirtschaft“: Was Ökonomen zur US-Wahl sagen

Die Auswählung der Stimmen dauert in einigen entscheidenden Bundesstaaten an.Imago

Auch am Mittwochnachmittag deutscher Zeit zeichnet sich in den USA noch kein Wahlsieger ab. Die Kandidaten Joe Biden und Donald Trump liegen mit Blick auf die bislang verteilten Wahlmänner dicht beieinander, wie bereits erwartet kommt es nun auf die sogenannten „Swing States“ an. Donald Trump erklärte sich am Mittwochmorgen deutscher Zeit aber bereits zum Sieger und fügte hinzu, er werde vor den Supreme Court ziehen, um die Auszählung der Wahlzettel in einigen Staaten zu stoppen. In dieser Gemengelage dürfte es noch dauern, bis ein endgültiger Wahlsieger feststeht.

„Die bisher bekannten Wahlergebnisse zeigen, dass sich die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft in den vergangenen Jahren eher verstärkt hat“, sagt IfW-Präsident Gabriel Felbermayr. Der knappe Wahlausgang erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass existierende politische Konflikte nicht befriedet werden könnten und sich die Gräben noch weiter vertieften.

„Dass sich Trump noch vor der Auszählung aller Stimmen zum Sieger erklärt und dass er rechtliche Schritte einleiten will, um die Auszählung der abgegebenen Stimmen vorzeitig zu stoppen, ist ein fundamentaler Angriff auf grundsätzliche demokratische Strukturen“, sagt Hubertus Bardt, Geschäftsführer des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. Sollte es nun eine wochenlange Hängepartie geben, dann trage das zur Instabilität in Wirtschaft, Gesellschaft und die internationalen Beziehungen bei. Dass noch viel Zeit vergehen könnte, bis ein Endergebnis vorliegt, würden weder Anleger noch Unternehmer mögen, stellt auch Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS, fest.

„Das schlechtestmögliche Ergebnis für die Wirtschaft“

Ähnlich sieht es Klaus-Jürgen Gern, Ökonom am Institut für Weltwirtschaft in Kiel: „Das ungünstigste Szenario ist eingetreten. Wir werden vermutlich eine noch Wochen andauernde Hängepartei bekommen, die sich natürlich auf die Märkte und die wirtschaftliche Aktivität auswirken kann.“ Reint Gropp, Präsident des IWH, hält die Unsicherheit für das „schlechtestmögliche Ergebnis für die Wirtschaft“. „Wenn diese Unsicherheit noch mit möglichen Unruhen oder Auseinandersetzungen in den USA einhergeht, ist das Gift für die Wirtschaft – gerade in der gegenwärtigen Zeit mit dem Virus“, sagt er.

Die Unsicherheit in Bezug auf das Wahlergebnis trifft auch die Finanzmärkte. Solange das Ergebnis noch nicht feststehe, werde die Volatilität an den Finanzmärkten zunehmen, sagt Paul Brian, Manager des BNY Mellon Global Dynamic Bond Fund und Leiter des Fixed Income bei Newton Investment Management. „Der US-Dollar wird weiterhin unter der Unsicherheit leiden und die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen werden sinken.“ Man erwarte, dass sich risikoreiche Anlagen schlechter entwickelten bis mehr Klarheit herrsche.

Jim Leaviss, CIO des Anleiheteams von M&G Investments, erwartet an den Märkten für Unternehmensanleihen keine großen Bewegungen, „obwohl es zum Beispiel Unterstützung für US-amerikanische Öl-, Schiefer- und Gesundheitsunternehmen geben könnte. Dies sind Branchen, in denen es für die Demokraten jetzt schwieriger sein wird, aus ordnungspolitischer Sicht nach vorne zu drängen, falls sie gewinnen.“

Wichtige Entscheidungen in der Schwebe

Durch das knappe Wahlergebnis und die daraus resultierenden knappen Mehrheiten drohen Felbermayr zufolge viele wichtige Entscheidungen in der Schwebe zu bleiben. „Solche Unsicherheit ist schädlich für die US-Konjunktur und damit auch für die Weltwirtschaft“, sagt Felbermayr. Insbesondere die Verabschiedung eines zweiten Konjunkturpakets, das neue Impulse für die Wirtschaft liefern würde, könne nun erschwert sein, befürchtet auch Gern. „Bei einem klaren Ergebnis hätte ich mir eine schnelle Einigung vorstellen können. In dieser Situation wird das vermutlich schwer.“

Einen Neuanfang werde es nicht geben, sagt auch Kreuzkamp. Das dürfte seiner Einschätzung nach kurzfristig große Teile der US-Wirtschaft und Anleger freuen. „Doch für viele Unternehmen im Rest der Welt sowie für rund die Hälfte der Amerikaner läuft es damit eher auf eine Enttäuschung hinaus“, sagt Kreuzkamp. Mittelfristig könne das zur Belastung für die Aktienmärkte werden. Dass man weit vom „Zauber eines Neuanfangs“ entfernt sei, bedeute aber auch, dass keine dramatischen Veränderungen zu befürchten seien.

„Auch Biden ist kein Freihändler“

In der für Deutschland sehr wichtigen Handelspolitik sei die Unsicherheit mit Trump größer, sagt IfW-Ökonom Gern. „Auch Biden ist kein Freihändler und wird Druck machen. Aber mit ihm erhofft man sich eine bessere Möglichkeit, kooperativ zu verhandeln.“ Auch IW-Geschäftsführer Bardt gibt zu bedenken: Ein Wahlsieg von Biden bedeute nicht, dass alle Konflikte gelöst seien. „Es gebe sicher weiter Handelskonflikte, den Konflikt mit China und amerikanischen Protektionismus. Es würde aber eine kooperativere Form der Zusammenarbeit geben und eine Stärkung multilateraler regelgebundener Verfahren.“ Wenn man wolle, dass die Welt nach „einigermaßen vernünftigen Regeln“ funktioniere, sei Biden aus deutscher Sicht die bessere Wahl als Trump, „der sich nicht an internationale Abmachungen gebunden fühlt“, sagt IWH-Präsident Gropp. Das sei schlecht für ein Exportland wie Deutschland.

Wenn Trump gewählt würde, sei zu befürchten, dass sich sein Kurs nicht nur fortsetze, sondern, dass sich seine konfrontative Haltung sogar verstärke, sagt Bardt. Auch Gern fürchtet, dass Trump in einer zweiten Amtszeit einen noch raueren Ton gegenüber der EU anschlagen könnte. „Das ist ein echtes Risiko.“

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden