BörsenreaktionDas Wahlchaos lässt die Börsen kalt

Eine Händlerin sitzt im Handelssaal der Frankfurter Börse vor ihren Monitoren, auf denen auch Berichte über die US-Präsidentschaftswahl laufendpa

Die Wahllokale in den Vereinigten Staaten haben geschlossen, die Auszählung der Stimmen läuft noch. Wegen der hohen Zahl an Briefwählern könnte es eine ganze Weile dauern, bis das endgültige Ergebnis vorliegt. Die beiden Präsidentschaftskandidaten liegen Kopf an Kopf, auch im Senat läuft es wohl auf eine knappe Mehrheit hinaus. „Die blaue Welle ist ausgeblieben, es gibt keinen Durchmarsch für Biden, und Trump könnte US-Präsident bleiben“, kommentiert Bernd Meyer, Chefstratege bei Berenberg. „Alles ist noch offen.“ Noch-Präsident Trump bemüht sich unterdessen, den Alptraum vieler Staatsrechtler wahr werden zu lassen: Er hat sich vorzeitig zum Sieger erklärt und angekündigt, die weitere Auszählung der Wählerstimmen vom obersten US-Gericht stoppen zu lassen.

Anleger an den Börsen bleiben angesichts des Wahlchaos erstaunlich gelassen. Der US-Leitindex S&P 500 hat nur leicht nachgegeben, dabei hatten Investoren zuletzt einen klaren Sieg der Demokraten eingepreist. Die Ruhe an den Finanzmärkten dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sich Investoren zwar mit einem Präsident Biden arrangiert hatten – aber auch mit vier weiteren Jahren Trump zufrieden wären. Jeder der beiden Kandidaten dürfte die US-Wirtschaft nach seiner Vereidigung mit einem umfangreichen Konjunkturpaket stützen. Das ist für viele Anleger in der grassierenden Covid-19-Pandemie die Hauptsache.

„Die Börse wird, nach anfänglicher Aufregung, keine dramatischen Bewegungen machen“

Georg Graf von Wallwitz

Für die Bürger der Vereinigten Staaten bleiben die Stunde, Tage oder gar Wochen bis zum endgültigen Wahlergebnis eine Zeit voller Spannung, auch danach könnte das tief gespaltene Land weiter in Aufruhr bleiben. Anleger dürften dagegen bald zum Tagesgeschäft zurückkehren. Sollte Trump das Rennen machen, wird etwa der Handelsstreit mit China wohl wieder stärker in den Fokus rücken. Das deutet sich bereits jetzt an: Der US-Dollar hat gegenüber dem chinesischen Renminbi kurzfristig an Wert gewonnen.

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Marktreaktionen auf den Wahlsieger werden wohl nur von kurzer Dauer sein. „Am Ende werden die Börsen die wirtschaftlichen Realitäten abbilden, die sich unabhängig von der Person des amerikanischen Präsidenten seit langem manifestieren“, sagt Georg Graf von Wallwitz, Chef der Investmentboutique Eyb & Wallwitz. So seien etwa die strukturellen Ursachen des niedrigen Wirtschaftswachstums und der rekordtiefen Zinsen nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses nicht verschwunden. Wallwitz ist überzeugt: „Die Börse wird, nach anfänglicher Aufregung, keine dramatischen Bewegungen machen.“

Was passiert, wenn Trump das Wahlergebnis nicht anerkennt?

Andere Anlageprofis schätzen die Lage ähnlich ein. Auf kurze Sicht rechnen sie mit erhöhten Schwankungen, sowohl an den Aktien- als auch an den Rentenmärkten. „Wir erwarten in den kommenden Tagen anhaltende Volatilität und Unsicherheit, während die Märkte die Nachrichten verdauen“, sagt David Zahn, Leiter des europäischen Anleihebereichs bei Franklin Templeton. Zugleich gehen Experten nicht davon aus, dass die US-Wahl die Finanzmärkte langfristig belasten wird – egal, wie letztlich der Name des Siegers lautet. Offenbar halten sich die Profis an die Anlegerweisheit, dass politische Börsen kurze Beine haben.

Es bleibt ein Restrisiko, dass die USA im Fahrwasser der Wahl in eine schwere Staatskrise abgleiten. Dann könnte es für Investoren doch noch ungemütlich werden. „Jegliche Andeutung, dass das Ergebnis angefochten werden könnte, dürfte zusätzliche Unsicherheit schaffen“, sagt Zahn. Wie die Märkte reagieren, falls Biden als Sieger feststeht und Trump das Ergebnis nicht anerkennt, ist allerdings völlig offen. Für eine solche Situation gibt es schlicht keinen Präzedenzfall.

 


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