Interview„Wir stehen in den USA vor einer Ära des Geldausgebens“ 

Wahltag in den USA: Auf dem Times Square haben sich ein paar Menschen versammeltimago images / Bildbyran


Tyler Cowen ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der George Mason University in Virginia. Er betreibt den Blog Marginal Revolution und gilt als sehr vielseitig interessierter liberaler Ökonom.


Die Corona-Pandemie hat ja überall und auch in den USA dazu geführt, dass große Konjunkturpakete auf den Weg gebracht wurden. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden plant ein gigantisches Ausgabenprogramm. Stünden wir mit einem Wahlsieger Biden vor einer Ära des Geldausgebens? 

Wir stehen vor einer solchen Ära, aber auch mit einem Wahlsieger Donald Trump. Das ist davon völlig unabhängig. Trump liebt es, Geld zu leihen und es auszugeben.

Bedeutet das, dass die Regierung in den USA, aber auch die Führungen in anderen Staaten mehr Einfluss auf die Wirtschaft bekommen werden? 

Tyler Cowen (Foto: imago images / GlobalImagens)

Ich glaube nicht. Es entsteht eher einfach mehr Chaos. Es stimmt schon, dass in vielen Ländern große Mengen an staatlichen Geldern aufgewendet werden, um Probleme anzugehen. Aber – ob man das nun gut findet oder nicht – die Regierungen versuchen nur selten, wirklich die Kontrolle zu übernehmen. Der Ansatz folgt einem bestimmten Muster: Mach so viel wie möglich so schnell wie möglich. Aber kümmere Dich nicht ums Management. In den USA wird das besonders sichtbar: Im Kampf gegen diese Krise wird sehr wenig echtes Management sichtbar. Weder bei der Gesundheitsvorsorge noch in der Wirtschaft.

Wozu führt das? 

Wir werden höhere Ausgaben haben und natürlich auch mehr Steuern. Das übliche eben. Aber es gibt aus meiner Sicht keinen dauerhaften Wandel hin zu mehr staatlicher Kontrolle.

Warum sind Sie da so sicher? 

In Amerika hat der Staat als Manager einfach keine Tradition. Außerdem spielt ja die wichtigste Rolle die amerikanische Zentralbank Fed, wenn es schnell gehen muss. Man braucht den Kongress, also das Parlament, nicht dafür, während er einem Konjunkturpaket stets zustimmen muss. Die Fed hingegen kann sehr schnell Geld in die Wirtschaft pumpen, und oft ist das auch gut. Ob es auf Dauer gesund ist, ist eine andere Frage.

Werden wir aus dieser Zentralbank-Finanzierung denn jemals herauskommen? 

Es wird auf jeden Fall eine ganze Weile dauern, bis wir die Folgen dieser Pandemie verarbeitet haben. Ich bin zwar sehr optimistisch, dass wir bald einen Impfstoff haben werden. Aber es wird ja schon dauern, überhaupt einen nennenswerten Anteil der Amerikaner damit zu versorgen. Außerdem wissen wir nicht, wie gut diese Impfung sein wird. Es wird also auch dauern, bis sich die Menschen wieder sicherer fühlen. Wir sprechen da eher von Jahren als von Monaten. Und dann werden alle Staaten höhere Schulden haben, die Steuern werden steigen. Da herauszukommen, kann lange dauern. Die Krise von 2008 war im Vergleich kleiner. Aber der Arbeitsmarkt brauchte ein Jahrzehnt, um sich davon zu erholen.

Was wird diese Krise für die Arbeitsmärkte bedeuten? 

Ich fürchte, dass viele Jobs im Dienstleistungsbereich für immer verloren gehen. In Kinos oder Restaurants. Und es wird nicht so leicht, diese Leute unterzubringen, weil sie in der Regel nicht gut ausgebildet sind. Für Amerika ist das ein Problem, weil unsere Wirtschaft abhängiger von den Dienstleistungen ist als zum Beispiel Deutschland.

Was also sollte eine künftige US-Regierung tun? 

Da liegt das Problem vor allem im Bildungsbereich, wir haben viele schlecht ausgebildete Menschen. Natürlich kann man Leute umschulen, aber die Bilanz solcher Programme ist nicht besonders gut. Es wäre außerdem sicher gut, mehr Einwanderer ins Land zu lassen, die dann neue eigene Unternehmen gründen. Neue Ideen haben. Einwanderer haben bei uns immer für neue Jobs gesorgt, auch im Bereich kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Aber hier rechne ich eher mit dem Gegenteil, auch unter einem Präsidenten Biden.

„Ich kann nicht sehen, dass die marktwirtschaftlichen Prinzipien gestört sind. Es ist doch erstaunlich, wie flexibel die Gütermärkte auf diesen gewaltigen Schock durch die Pandemie reagiert haben“

Tyler Cowen

Das klingt ziemlich düster. 

Ich glaube schon, dass wir diese Probleme in den kommenden 20 Jahren lösen werden. Wir werden große medizinische Fortschritte im Gefolge dieser Pandemie machen, vielleicht auch technologische Sprünge. Aber das ist eine lange Zeit. Denken wir an die Spanische Gruppe von 1918 und 1919. Die Menschen waren damals harte Lebensbedingungen gewohnt. Heute ist es viel schwerer, sich an neue Verhältnisse anzupassen.

Was sollte denn akut gegen die Folgen der Pandemie getan werden? 

Was die USA eingeht: Ich würde kleinen Unternehmen möglichst schnell mehr Geld zur Verfügung stellen. Und es sollte mehr getestet werden. Das wäre klug. Aber natürlich ist das alles ein politisches Spiel, und die beiden Parteien konnten sich nicht einigen. Die Demokraten wollten, dass Unternehmen vom Staat gerettet werden. Die Republikaner haben sich geweigert. Wie ich finde zurecht, aber sie hätten sich trotzdem auf einen Deal einlassen sollen. Es wird am Ende sicher einen Deal geben, aber der wird womöglich zu spät kommen. Ein oder zwei Monate spielen im Moment eine große Rolle.

Was bedeutet das alles für das Verhalten der Unternehmen? 

Eines ist klar: Gute Beziehungen zur jeweiligen Regierung in Washington, Berlin, Brüssel oder wo auch immer sind wichtiger als je zuvor, wenn man an Geld herankommen will. Und das ist nicht gut. Aber ich kann nicht sehen, dass die marktwirtschaftlichen Prinzipien gestört sind. Es ist doch erstaunlich, wie flexibel die Gütermärkte auf diesen gewaltigen Schock durch die Pandemie reagiert haben. Man kann im Internet nach wie vor alles bestellen, die Lebensmittelversorgung war zu keinem Punkt gefährdet, und auch die Lieferketten haben sich als sehr robust erwiesen. Für mich war das ein Triumph des Marktes.

„Die Wissenschaft und der Privatsektor werden den Kampf gegen den Klimawandel vorantreiben – mit ein bisschen staatlicher Hilfe“

Tyler Cowen

Der Markt funktioniert also noch tadellos? 

Für manche Dinge braucht man sicherlich Unterstützung vom Staat. Solarenergie zum Beispiel lässt sich ohne Regierungen nicht durchsetzen. Aber natürlich sind die Kräfte des Marktes intakt.

Erneuerbare Energien sind ein interessantes Thema: Liberale Ökonomen haben immer bezweifelt, dass der Staat die richtigen Technologien ausfindig machen kann, weil er einfach nicht über das nötige Wissen verfügt. Warum sollte das bei grünen Energien anders sein? 

Das stimmt im Prinzip, und natürlich spricht nichts für eine Planwirtschaft. Aber es gibt Fälle, in denen klar ist, was gebraucht wird. In den USA war während des Zweiten Weltkriegs keine Frage, dass wir die Atombombe brauchten. Also hat der Staat das Manhattan Project aufgelegt und wir haben sie gebaut. Wir haben Leute auf den Mond geschickt, auch wenn es teuer war. Jetzt stehen wir vor dem Problem des Klimawandels. Und natürlich gibt es verschiedene Alternativen zu unserer derzeitigen Energieversorgung. Vielleicht ist Solarenergie nicht die beste. Aber sie ist mit Sicherheit besser als das was wir jetzt haben. Und sie ist sehr schnell sehr viel günstiger geworden. Für Batterien gilt das Gleiche.

Joe Biden hat ja für die USA ein großes „grünes“ Konjunkturprogramm“ angekündigt. Was halten Sie davon? 

Das ist nur Gerede für die demokratischen Wähler. Er wird sehr wenig Handlungsspielräume haben. Ich glaube nicht, dass Biden mehr voranbringen würde als Donald Trump. Die Wissenschaft und der Privatsektor werden den Kampf gegen den Klimawandel vorantreiben – mit ein bisschen staatlicher Hilfe. Und das ist nicht das schlechteste.

 


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