VG-Wort Pixel

Krypto Gib den Leuten, was sie wollen. Oder gib ihnen Web3

Web3 soll der nächste Schritt des Internets sein.
Web3 soll der nächste Schritt des Internets sein.
© IMAGO / YAY Images
Jahrelang war Silicon Valley getrieben vom Dogma der Nähe zum Verbraucher und dessen Bedürfnissen. Warum nur ist die Branche jetzt so berauscht davon, das Internet an Krypto auszuliefern?

Vor 17 Jahren hielt Paul Graham, damals ein relativ unbekannter Internet-Entwickler, in Harvard den Vortrag „How to Start a Startup“. In diesem Beitrag, den Graham in einen viel gelesenen Aufsatz übertrug, plädierte er für eine Vision des Unternehmertums, die bescheidener war als die zu Zeiten der Dot-Com-Blase geläufigen Ansätze. Er schlug vor, Unternehmer sollten Risikokapitalgebern gegenüber skeptisch sein, sie sollten unbedingt billig sein und sich auf kleine, unattraktive Märkte konzentrieren. Vor allem aber drängte Graham die Gründer, von Anfang an ihre Kunden zu suchen und auf deren Bedürfnisse einzugehen. „Machen Sie etwas, das die Abnehmer wirklich wollen“, sagte er.

In den folgenden zwei Jahrzehnten wurde dieser Ratschlag im Silicon Valley zum Leitsatz. Graham gründete einen Inkubator die eine Wagniskapitalfirma Y Combinator die später Dutzende von großen Unternehmen aufbauen sollte und sich dabei seinen Rat zum Mantra machte. Schlendert man über das Gelände von Tech-Universitäten, sieht man T-Shirts mit dem Y Combinator-Logo und der Aufschrift: „Mach etwas, das die Leute wollen.“ Dieses Motto galt für eine ganze Generation so genannter Web 2.0-Unternehmen – eine Kategorie, zu der Facebook, Youtube, Airbnb und Dutzende andere sehr erfolgreiche Gesellschaften gehören.

Als Start-up-Philosophie hat „Make something people want“ allerdings offensichtliche Grenzen. Seit langem weisen Kritiker darauf hin, dass Grahams Motto – das sich auf die Formel „nimm ein paar MIT-Kommilitonen und baue eine kleine App“ verkürzen lässt – Unternehmen hervorbrachte, die schlimmstenfalls eher triviale Projekte von Gründern waren, die ihrerseits meist weiß, männlich und unscheinbar waren. Es entstanden außerdem Firmen mit fragwürdigen Geschäftsmodellen. So gab es Web 2.0-Start-ups, die Produkte mit Suchtpotenzial anboten, ohne damit Geld zu verdienen – darunter Vine –, oder solche wie Uber, wo sich Kundenwünsche (klar, spottbillige Taxis klingen toll) einfach noch nicht in Gewinn ummünzen lassen.

Und doch hatte der alte Web 2.0-Rahmen eine gewisse Stimmigkeit verglichen mit der Art und Weise, wie die Besten und Klügsten aus dem Silicon Valley jetzt über Kryptowährungen und „Web3“ sprechen, ihr neues Label für auf auf Blockchain basierende Angebote. Das beste Beispiel für diese Unschärfe lieferte Anfang des Monats Marc Andreessen, der Mitbegründer von Netscape und einer der größten Sponsoren von Y Combinator-Start-ups, als er in einem Podcast mit Tyler Cowen gebeten wurde, eine Branche zu erklären, in die er viele Milliarden stecken. Cowen ist, genau wie Andreessen, ein Freigeist, Kritiker des „Wokeism“ und jemand, der Lobeshymnen auf Kryptowährungen geschrieben hat – mit anderen Worten: ein sehr wohlwollender Interviewpartner. (Er schreibt auch eine Bloomberg-Kolumne.) Doch als das Thema Krypto aufkam, hat Cowen Andreessen gekonnt auseinandergenommen, indem er ihn einfach und beharrlich danach fragte, wieso er behaupte, dass Web3 zum Beispiel auch die Möglichkeiten von Podcasts verbessern würde.

Was ist das Gute?

Mehrere Minuten lang rang Andreessen um eine vernünftige Antwort auf die Frage, was genau das Gute an Web3 sei, und fand schließlich eine ziemlich unverständliche Erklärung. „Sehen Sie, es geht um wirtschaftliche Faktoren“, sagte er. „Es geht darum, auf einer sehr fundamentalen Ebene Internet-eigenes Geld, Internet-eigene Ökonomie und Anreize in ein System einzubringen, in dem es das bisher einfach nicht gab.“ Cowen verzichtete darauf, bei Andreessen nachzufragen, was die Talk-Radio-Hörer des Landes unter „Internet-eigener Ökonomie“ zu verstehen hätten.

Aber Andreessens Unvermögen, seine Position zu verdeutlichen, würde vielleicht weniger ins Gewicht fallen, hätte er nicht die letzten Monate damit zugebracht, unablässig auf Kritiker einzudreschen, Slogans von Ayn Rand zu twittern und über „die momentane Lage“ zu jammern. (Anmerkung des Autors: Man kann seinen Kritikern besser begegnen, indem man auf sie eingeht; Andreessen hat sich dagegen entschieden.)

Marc Andreessen, Mitbegründer von Netscape und Geldgeber für Y Combinator-Startups.
Marc Andreessen, Mitbegründer von Netscape und Geldgeber für Y Combinator-Startups.
© David Paul Morris/Bloomberg

Das Ereignis wäre wohl auch weniger bedeutsam, wenn es nicht weitere Beispiele gäbe. Auch der Investor und Krypto-Influencer Packy McCormick, ein Berater von Andreessens VC-Firma, versuchte in einem Podcast heldenhaft zu erklären, warum es besser sein könnte, sein Haus „auf die Blockchain“ zu übertragen als das bestehende System zu nutzen. Nach langem Lavieren und ein wenig „diese Dinge könnten alle NFTs sein“, kam McCormick in seinen Ausführungen schließlich ungefähr da an, wo er begonnen hatte. „Sie haben einfach die gesamte bestehende Infrastruktur für Immobilienfinanzierung nachgebaut“, warf ein Gast ein. McCormick erwiderte selbstsicher: „Auf der Blockchain.“

Diese Szenen haben für wohlverdienten Spott gesorgt inmitten der andauernden Krypto-Eiszeit. Aber sie entlarven auch eine zentrale Schwäche, die den meisten der prominenten Web3-Verfechtern  gemein ist. Nach Jahren der Versessenheit auf Verbraucherbelange scheint das Silicon Valley den entscheidenden Maßstab vergessen zu haben, der ihm erst zu seiner wirtschaftlichen Vormachtstellung verholfen hat. Stattdessen behandeln die Web3-Unternehmen die Bedürfnisse der Nutzer eher als zweitrangig, wenn überhaupt, wie McCormick in einem späteren Blogpost einräumte. Vielmehr konzentrieren sie sich vorrangig auf das, was er die „Finanzialisierung“ nennt, nämlich Geld und Aufmerksamkeit für Projekte zu gewinnen, indem man ihnen Krypto-Token einbaut.

Dies ist ein gewaltiges Manko, das aber bis vor kurzem durch den Wahnsinn des Kryptomarktes überdeckt wurde. So hatten wir das VC-finanzierte Videospiel Axie Infinity, das als Game nicht sonderlich gut ist, aber irgendwie davon überzeugen konnte, dass es nicht nur die Zukunft der Videospielindustrie ist, sondern auch „die Zukunft der Arbeit“. Das war jedenfalls so, bis der Markt für seine Token letztes Jahr zusammenbrach.

Finanzialisierung

Man vergisst leicht den Spaß, wenn ein Spiel als Mittel zur sofortigen Bereicherung beworben wird, wie mein Kollege Joshua Brustein anmerkte. Bei Axie verdienten Spieler-Investoren mit der „Aufzucht“ von strategisch wichtigen Charakteren, die sie dann an andere vermieteten, häufig in Entwicklungsländern wie den Philippinen, die mit ihnen im Spiel dann ein paar Cent verdienten. „90 Prozent der Menschen spielen kein Spiel, wenn sie für diese Zeit nicht angemessen entlohnt werden“, bahauptete Alexis Ohanian, der wie Andreessen in Axie investiert ist, in einem Podcast im Januar.

Es hat etwas Deprimierendes, dass Ohanian – ein Mann, der als Mitbegründer von Reddit die erste Y Combinator-Klasse durchlief und ein Fan der alten Schule von Videogames ist (die man zum Spaß spielt) – jetzt versucht, das Spielen in eine Wirtschaft der digital Wohlhabenden und der Besitzlosen zu verwandeln. Es gibt uns eine Ahnung davon, wie eine Gruppe von Leuten, die einmal Leidenschaft für ihr Produkt empfanden, sich zum Werkzeug einer offensichtlichen Spekulationsblase machten.

Aus der Sicht eines VC mag die Finanzialisierung als natürlich und sogar spaßig erscheinen. Aber die meisten normalen Menschen finden die Finanzialisierung überhaupt nicht lustig. Sie stöhnen schon unter der Last, ihre Rentensparpläne regelmäßig zu bedienen, haben mit dem Aktienmarkt wenig am Hut, und öffnen ihre Post mit Rechnungen erst nach ein paar Tagen. Der Gedanke, dass sie sich auf ein kompliziertes Finanzgeschäft einlassen, für das es Risiken und Ertrag abzuwägen gilt, um ein Spiel zu spielen, oder einen Podcast zu hören, amüsiert wohl eher ein paar galaktisch weitblickende VCs – aber so gut wie niemanden sonst.

Natürlich gibt es eine zweite und einfachere Erklärung dafür, warum Andreessen und andere so stark auf das Web3 gewettet haben – und warum sie weiter dafür werben: das Profitmotiv. Andreessens Firma hat gerade einen riesigen neuen Krypto-Fonds aufgelegt, aber sie hat auch in die Blase verkauft, die sie mit verursacht hat. Vergangenes Jahr wurden Coinbase-Aktien im Wert von rund 5 Mrd. Dollar verkauft, zugleich floss viel Geld für Lobbyarbeit, die offenbar die Gewinne des Unternehmens absichern sollte. Andreessen ist noch der größte Anteilseigner von Coinbase. Und vor dem Hintergrund von Kursverlusten von 85 Prozent zum letztjährigen Höchststand, hat er ein starkes Interesse, dass der Markt für finanzialisierte Software Käufer findet.

Natürlich ist es möglich – vielleicht sogar wahrscheinlich –, dass die spielverändernden Web3-Anwendungen irgendwann kommen, so wie es die Investoren versprechen. Aber seit Jahren ist das Einzige, was sie den Verbrauchern geben, die Verheißung sofortiger Geldvermehrung. Mit einem Preissturz von 70 Prozent bei Bitcoin im Vergleich zu den Höchstständen von 2021 und noch mehr bei anderen Token – wie Axie – wird zunehmend deutlich, wie leer und zynisch diese Versprechen sind.

Mehr Artikel wie diesen finden Sie auf bloomberg.com

©2022 Bloomberg L.P.



Neueste Artikel