Ukrainekrieg Getreidekorridor im Schwarzen Meer: Was gegen einen Deal spricht

Eine Siloanlage für Getreide am Verladehafen von Odessa 2019.
Eine Siloanlage für Getreide am Verladehafen von Odessa 2019.
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Die Türkei will sich als Vermittler im Ukrainekrieg jetzt um die Welternährung verdient machen. Doch eine Vereinbarung zwischen Moskau und Kiew ist höchst ungewiss, denn die Ukraine verlangt umfangreiche Sicherheitsgarantien

Telefonisch sollen die Präsidenten von Russland und der Türkei den Deal schon vor einigen Tagen festgezurrt haben. Wladimir Putin hat sich Berichten zufolge bereit erklärt, große Mengen Getreide aus ukrainischen Lagern aus dem belagerten Land zu lassen: Auf dem Schiffsweg durch das Schwarze Meer, in dem zwei Dutzend russische Kriegsschiffe patrouillieren und hunderte Minen lauern. Türkisches Militär wolle diese räumen, so die Zusicherung von Recep Tayyip Erdogan, und den Getreidefrachtern sicheres Geleit bieten. Russlands Außenminister Sergej Lawrow wird heute in Ankara zu Verhandlungen erwartet.

Es wäre eine durchaus sinnvolle Lösung, denn die Getreidespeicher der Ukraine müssen dringend geleert werden. Zum einen, weil sonst die neue Ernte keinen Platz hat – die zwar kriegsbedingt weniger üppig, aber dennoch ansehnlich ausfallen soll. Zum anderen wäre der Export von rund 20 Millionen Tonnen in Silos blockiertem Weizen eine Erleichterung für den Weltagrarmarkt, auf dem die Preise im Fahrwasser des Konflikts drastisch in die Höhe geschnellt sind. Für eine ganze Reihe von Ländern in Afrika und Nahost, die ihren Brotweizen zum Löwenanteil aus der schwarzen Erde der Ukraine beziehen, wäre dies eine Erleichterung. Darunter Ägypten, das 80 Prozent seines Weizens aus der Ukraine bezieht.

Seit  dem Beginn von Putins Kriegs positioniert Erdogan sich als diplomatischer Vermittler, der die westlichen Sanktionen gegen Russland nicht mitträgt und Gesprächskanäle offenhält. Allerdings scheinen diplomatische Bemühungen um einen Waffenstillstand oder mögliche Friedensgespräche – soweit sichtbar – derzeit eher aussichtslos. So möchte Ankara – zuletzt wegen seiner Ablehnung der schwedischen und finnischen Nato-Mitgliedschaft in der Kritik – wenigstens mit einem sicheren Getreidekorridor im Kampf gegen eine globale Hungerkrise auf der Weltbühne punkten.

Am Dienstag ließ der Verteidigungsminister verbreiten, Ankara sei bereit, eine Rolle innerhalb eines „Beobachtungsmechanismus“ zu übernehmen. Mehr noch: Mit den Vereinten Nationen, der Ukraine und mit Russland habe man „schon große Fortschritte gemacht“. Aber trotz des öffentlich zur Schau gestellten guten Willens sprechen viele Gründe dagegen, dass eine solche Vereinbarung reelle Chancen hat.

Warum sollte Russland zustimmen?

Während die Kornkammer von Russland und der Ukraine zusammen ein Viertel der globalen Getreideexporte liefert, sind zwar ukrainische Ausfuhren von den Schwarzmeerhäfen blockiert, aber russische Getreidefrachter bedienen den Weltmarkt mit etwa den gleichen Mengen wie zuvor, berichten Handelsbeobachter. Landwirtschaftliche Güter sind nicht mit Sanktionen belegt. Händler und Logistiker wurden anfangs allenfalls wegen der Unsicherheiten bei der Zahlungsabwicklung abgeschreckt. Warum sollte Russland jedoch aus der Position der Stärke heraus – mit Rekordeinnahmen dank der gestiegenen Preise der Getreidebörsen – Unmengen ukrainische Ware freigeben? Bis zum Herbst könnten es laut Präsident Wolodymyr Selenskyj 75 Millionen Tonnen werden.

Die Anschuldigung, eine Ernährungskrise als Kriegswaffe einzusetzen, weist Moskau von sich. Für Exportbeschränkungen auch von Dünger seien westliche Sanktionen verantwortlich, lautet die Replik. Entsprechend unglaubwürdig wirken auch Signale, die Seeblockade aus ethischen Motiven zu beenden – zumal russische Angriffe Berichten zufolge auch Getreidespeichern galten. Vor allem aber sind es die bisher bekannten Bedingungen Putins, die einen möglichen Deal unwahrscheinlich machen: Russland möchte Frachter, die sich der Ukraine über Bosporus und Dardanellen zum Beladen nähern, auf Waffen untersuchen. Und schwieriger noch: Der Westen solle Wirtschaftssanktionen aufheben, etwa unter Strafe stehende Finanztransaktionen und vermeintliche Handelsverbote für Dünger.

Ukraine reagiert zurückhaltend

Die Regierung in Kiew hat den russischen Aggressor zuletzt auch beschuldigt, ukrainisches Getreide zu stehlen und auf eigene Rechnung zu verschiffen. Es dürfte kein Zufall sein, dass wenige Tage vor dem geplanten Getreidetreffen in Ankara der dortige ukrainische Botschafter vor Medienvertretern ausbreitete, welche Frachter soeben mit Weizen von der Krim das Schwarze Meer passiert hätten. Unter Berufung auf die Aufklärung seines Verteidigungsministers appellierte der Botschafter an Interpol, mehreren Getreidetransporten nach Syrien nachzugehen.

So wurden aus Kiew eher zurückhaltende Signale gesendet. Odessa ist der letzte bedeutende Schwarzmeerhafen unter ukrainischer Kontrolle, die Strände und küstennahen Gewässer wurden vermint, um sich vor einer anlandenden Armada zu schützen. Dieses Bollwerk aufzugeben, wäre die Regierung nur unter strengsten Sicherheitsgarantien bereit. Sonst würden russische Fregatten eine geräumte Zone zur Annäherung ausnutzen, so die Sorge. „Wir müssen sehr vorsichtig sein“, wird Außenminister Dmytro Kulebo zitiert. „eine einseitige Garantie vom Kreml reicht hier nicht aus. Es müssen auch Drittländer Verantwortung übernehmen, um eine Vereinbarung umzusetzen.“ Nur: Wer würde das riskieren?

Ein Landungsschiff der russischen Schwarzmeerflotte vor dem Stützpunkt Sebastopol im Februar 2022.
Ein Landungsschiff der russischen Schwarzmeerflotte vor dem Stützpunkt Sebastopol im Februar 2022.
© IMAGO / ITAR-TASS

Russlands Bereitschaft, sichere Getreidekonvois zu verhandeln, bringt Kiew trotzdem in eine heikle Lage. Lehnt die Ukraine die vermeintlich großherzige Offerte aus Sicherheitsgründen ab, kann Russland ihr die Verantwortung für sich zuspitzende Hungerkrisen aufbürden. Dennoch fand bislang Odessas Bürgermeister die klarsten Worte: „Den Minengürtel vor unserem Hafen entfernen, um mit Moskaus Goodwill zu exportieren? Odessa wäre ungeschützt“, sagte Hennadij Truchanow der Süddeutschen Zeitung. „Das ist die Chance, auf die Putin wartet. Ich glaube ihm kein Wort.“

Türkei sitzt am Hebel der Montreux-Konvention

Die Türkei wähnt sich derweil in einer starken Position für einen diplomatischen Deal. Die Montreux-Konvention von 1936 erlaubt ihr zu bestimmen, welche zivilen Handelsschiffe oder militärische Fregatten durch die Dardanellen und den Bosporus passieren können. Somit spielt Ankara eine wichtige Rolle, welche Marineverbände ins Schwarze Meer einlaufen dürften, um ukrainische – und auch russische – Minen zu räumen, oder welche Nationen Geleit stellen könnten. Italien und Großbritannien sollen Minenräumer angeboten haben. Russland dürfte indes eine türkische Aktion vorziehen, was wiederum nicht im Sinne einer misstrauischen Ukraine wäre.

Ohnehin ist umstritten, welche Risiken und Aufwand eine solche Mission bergen würden. Während britische Quellen von einem Zeithorizont von 14 Tagen sprechen, warnt etwa der ukrainische Militärexperte Alexander Kovalenko, all dies koste zu viel Zeit. Auch Moskau habe aber weiter draußen bis zu 600 Seeminen zu Wasser gebracht. Aus russischer Warte sind auch sie ukrainische Minen. In jedem Fall geht er aber von einem Jahr aus, um sie zu räumen. In der Zeit wäre die nächste ukrainische Ernte schon verdorben. Selbst einen schmalen Korridor vor Odessa freizumachen, würde schon einen Monat dauern.

USA senden skeptische Signale

Die Uno ist wie Afrika an einem ungehinderten Welthandel von Getreide und von Dünger interessiert, beide schickten vergangene Woche Gesandte nach Moskau, um Russland zur Aufgabe der Seeblockade zu bewegen. Aus Washington hingegen kommen skeptische Töne, was eine mögliche Abmachung anbelangt: Generalstabschef Mark Milley warnte, es sei kein leichtes Unterfangen, die Minen vor den Häfen zu räumen und die russische Seeblockade zu navigieren. Dies sei eine hochriskante Militäroperation, die ein erhebliches Maß an Anstrengung erfordere.

Allerdings eröffnete UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield die Möglichkeit, Versicherungsgesellschaften und Reedereien gewisse Zusicherungen zu geben, die sich wegen Unsicherheiten um die Sanktionspakete Washingtons von Getreide- und Düngeraufträgen ferngehalten haben, obwohl die Güter gar nicht auf den Verbotslisten stünden, wie sie betonte. In Versicherungsfragen für Reeder gibt es Sanktionsüberlegungen in der EU, nur was russische Ölfrachter betrifft.

Wohl könnte ein Engagement der UN – etwa mittels einer Resolution im Sicherheitsrat zugunsten eines humanitären Korridors – eine Zustimmung aus Kiew erleichtern. Diese Hoffnung hegt zumindest die Türkei. Auch Frankreich unterstützt die Idee einer Resolution, die Moskau im Angesicht einer sich zuspitzenden Welternährungskrise wohl kaum blockieren würde. 

In Istanbul möchte die türkische Regierung jedenfalls eine Einsatzzentrale zur Beobachtung und Koordinierung des Schiffsverkehrs in einem Getreidekorridor einrichten, berichten Medien. Dort, am Bosporus, beobachtet auch Yörük Isik, Experte für Geopolitik vom Bosphorus Observer, das Hin und Her auf der Wasserstraße. Er hat Getreidefrachter gesichtet, die in Odessa, Chornomorsk und Mariupol beladen nach Syrien fuhren. Und er führt eine Liste von Handelsschiffen, die im Auftrag des russischen Verteidigungsministeriums unterwegs sind, das so die Montreux-Konvention unterlaufe: darunter auch eine kleine türkische Flotte unter fremder Flagge.  


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