KolumneGeldpolitik im Spiegelkabinett

Für die weltweite Geldpolitik spielt das Verhalten der US-Notenbank eine entscheidende Rolle
Nach der Verlangsamung des Welthandels durch US-Zölle sind alle Augen auf die US-Zentralbank gerichtetVon AgnosticPreachersKid - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Während noch bis vor (weniger als) einem halben Jahr fast mantraartig darauf hingewiesen wurde, dass ein Ausstieg aus negativen Leitzinsen dringend geboten wäre, um die Profitabilität der Banken nicht weiter zu unterminieren, erleben wir nun das genaue Gegenteil: Die Geldpolitik muss dringend weiter gelockert werden, um aufgekommene Markterwartungen zu befriedigen. Zentralbanken haben auf wirtschaftliche Schwäche in der Regel ein bewährtes Standardreaktionsmuster. Sie lockern die Geldpolitik, indem sie die Leitzinsen senken. Seit 2008 greifen sie zusätzlich zu Maßnahmen wie Kreditprogrammen für Banken bzw. dem Kauf von Anleihen.

Im Großen und Ganzen hat das auch leidlich gut funktioniert. Selbst wenn sich gerade mit Blick auf die Zeit nach der Finanzkrise sehr deutlich gezeigt hat, dass es für Zentralbanken viel leichter ist, mit Zinsanhebungen die Konjunktur zu verlangsamen als sie mit Zinssenkungen und anderen Maßnahmen zu beleben. Hier greift das Sprichwort, dass man Pferde zwar zur Tränke führen, aber zum Saufen nicht zwingen kann.

Nun kann man vor dem Hintergrund der konjunkturellen Lage in Europa oder auch Asien tatsächlich stichhaltig argumentieren, dass eine geldpolitische Lockerung aufgrund der Datenlage einer anhaltend niedrigen Inflationsrate sowie der spürbaren Verlangsamung der wirtschaftlichen Dynamik angezeigt ist.

Zollanhebungen in den USA verlangsamen den Welthandel

Insbesondere die Verlangsamung des Welthandels aufgrund von Zollanhebungen der USA wie auch des Nebeneffekts, den diese auf globalen Wertschöpfungsketten hat, machen sich spürbar negativ bemerkbar. Das gilt zumal für stark in den Welthandel eingebundene Volkswirtschaften wie Deutschland, Italien, Südkorea und Taiwan.

Während umgekehrt die Krise in der deutschen Automobilindustrie ein definitiv hausgemachtes (Struktur-)Thema ist, das dann allerdings etwa im Werkzeugmaschinenbau deutlich konjunkturelle Schleifspuren hinterlässt.

Anders sieht es dagegen in den USA aus. Die US-Amerikaner haben zwar auch mit einer Inflation zu tun, die seit Jahren unterhalb der Zielmarke der Zentralbank liegt. Allerdings kommt der Schaden, den die eigene Handelspolitik im Rest der Welt anrichtet, aufgrund der geringen Einbindung in den Welthandel zuhause fast nicht an.

US-Zentralbank könnte Marktbewegungen verstärken

Umso erstaunlicher ist, dass die US-Zentralbank derzeit Signale sendet, den Markterwartungen an (deutlich) sinkende Leitzinsen hinterherzueilen. Verständlich wird dies zwar, wenn man davon ausgeht, dass etwa die Finanzmärkte nachgeben könnten, wenn diesen Erwartungen nicht nachgekommen wird.

Allerdings – so das Diktum von Ben Bernanke – begibt sich eine Geldpolitik, die den Markterwartungen folgt, in ein Spiegelkabinett, bei dem nicht mehr klar ist, was echt und was Spiegelung ist.

Wenn also die US-Notenbank beispielsweise den Finanzmarkt von möglichen negativen Konsequenzen der Handelspolitik abschirmt, kann sie damit genau diese befördern. Wenn sie die Zinsen senkt, weil der Markt eine negative Konjunktur erwartet, obwohl die Konjunkturzahlen eine andere Sprache sprechen, kann dieser dann hineininterpretieren, dass die Zentralbank wohl einen Informationsvorsprung hat – und dass alles noch viel schlimmer ist, als bislang gedacht.

Statt Orientierung zu geben, verstärkt sich im Spiegelkabinett die Wirkung von Marktbewegungen – allein durch das Handeln der Zentralbank.


David Milleker ist Senior Economic Advisor bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.