KommentarDie Krawallindustrie und ihre willigen Helfer

Ein Mann steht vor einem mit holzverkleideten Geschäft, dessen Fensterscheiben bei den Krawallen zerstört wurden
Kaputt: Bei den G20-Krawallen gingen viele Fensterscheiben zu Bruch
© Getty Images

Wenn man die Augen schließt nach diesen verstörenden Gipfeltagen, bleiben flackernde Bilder, Entsetzen und Lärm:

Der Rauch über Hamburg.

Die brennenden Autos, gefilmt von Balkonen, nach dem Aufstehen.

Die schwarzen Killerameisen, die durch Straßen schwärmen und wahllos zerstören.

Der bleiche Bürgermeister in einer Youtube-Botschaft.

Die erschöpften Polizisten, die auf dem Boden schlafen.

Die lodernde Schanze.

Der verwüstete Drogeriemarkt.

Zerstörte Läden, Banken, zwei Vermummte, die ein Straßenschild in ein Ikea-Schaufenster rammen.

Und dann, der Humor, der unverwüstlich ist: Der Mann mit dem Schild, auf dem steht, er wolle nur zu Edeka. Die Antwort von Edeka („Wir kommen zu Dir“). Die Stadtreinigung, die als „Orangener Block“ aufräumt. Das T-Shirt „Je suis Budni“.

Und: Hamburger, die am Sonntag aufräumen.

Was bleibt nach diesem G20-Gipfelkrieg?

1. Wir haben eine neue Dimension enthemmter Gewalt erlebt

Die Ironie ist ja, dass die Linksradikalen vor allem ihr eigenes Viertel in Schutt und Asche gelegt haben. Und würden im Schanzenviertel nicht auch jede Menge normale Menschen wohnen, würde man die Chaoten am liebsten erst Mal ein paar Tage in ihren Trümmern schmoren lassen. Dass sich sogar der sogenannte Sprecher der „Roten Flora“ erschrocken zeigt und etwas bizarr distanziert, ist zwar in etwa so wertvoll, wie wenn sich der Sprecher der Taliban von Enthauptungen distanziert – aber es zeigt, dass wir eine neue Form enthemmter Gewalt erlebt haben.

Die Feuerwalze von Hamburg war möglich durch eine landesübergreifende Krawallindustrie, die Gipfel oder andere Großveranstaltungen kapert, mit dem linksautonomen Lager verschmilzt und selbst die „Regeln“ und die Rituale solcher Exzesse aushebelt. Das wird man bei allen Gipfeln, die irgendwas mit „G“ heißen, mit Wirtschaft zu tun haben und sich nicht um Sport drehen, berücksichtigen müssen.

2. Die politische Linke ist der willige Helfer

Große Teile der Linken hatten schon immer ein ungeklärtes Verhältnis zur Gewalt, weil sie seit Jahrzehnten Gewalt rechtfertigen – für angeblich höhere Ziele. Wer sich in die Niederungen dieser Weltsicht begibt, findet Abgründe der Willkür, wie wir sie jetzt von dem Rote-Flora-Anwalt Andreas Beuth gehört haben: Pöseldorf oder Blankenese ist okay, aber doch nicht unsere Schanze! (Man möchte anfügen: Und unsere Cafés, in denen wir Double Flat Whites schlürfen!). Man findet das auch in den sozialen Netzwerken: Porsche oder Mercedes anzünden ist okay, normale Autos nicht (Wobei diese in Hamburg auch unterschiedslos abgefackelt wurden.) Sollen wir vielleicht Straßenkarten anfertigen lassen, die kennzeichnen, wo man Autos und Läden als Protest gegen den Kapitalismus zerstören darf? Und Listen mit Automodellen?

Der noble Vorort Blankenese wurde nicht verschont: Auch hier brannten Autos aus.
Der noble Vorort Blankenese wurde nicht verschont: Auch hier brannten Autos aus.
© dpa

Das tiefe Problem aber sind nicht nur die linksradikalen Kriminellen, sondern ihre geistigen und politischen Unterstützer, Wegbereiter und Claqueure: Die Zerstörung wird in manchen Medien und von Politikern seit Jahren verklärt, verharmlost und symbolisch überhöht – durch Deutungsgefechte über Gewalt- und Gegengewalt. Durch Sprache, wenn Sachbeschädigung als „Konsumkritik“ bezeichnet wird, weil sie „internationale Bekleidungsketten“ oder „Filialen von Großbanken“ trifft.

Nun sind manche Politiker eilig darum bemüht festzuhalten, dass dieser brandschatzende Mob nicht links war – das unterschlägt, dass jahrelang Politiker der Linkspartei, von den Grünen und auch von der SPD diesen „Protest“ geduldet, verteidigt oder befeuert haben, und somit zu willigen Helfern wurden. Die irrlichternde Katja Kipping, die in rot-rot-grünen Koalitionsspielen an einem Kabinettstisch sitzen würde, ist das beste Beispiel dafür.

3. Opfer sind die hart arbeitende Mitte und die „kleinen Leute“

Die Ironie des G20-Desasters ist, dass selbst die krude Logik des Angriffs auf das Großkapital und seine Symbole nicht eingehalten wurde. Es wurden eben nicht nur Bankfilialen, sondern auch viele Geschäfte und „normale“ Autos zerstört. Angela Merkel hat nun Hilfe angeboten, was eine Einladung an die Linksautonomen für künftige Gewaltorgien ist, wenn der Staat des „Schweinesystems“ danach die Rechnung übernimmt.

Man fühlt mit jenen Händlern, Ladenbesitzern und Geschäftsleuten mit, die nun auf Schäden in Höhe von Hunderttausenden Euro sitzen und wochenlang kein Umsatz machen werden. Für manche könnte das existenzbedrohend werden. So oder so: Es ist die „hart arbeitende Mitte“ (Martin Schulz) und die Arbeiterschaft, die leidet. Müllmänner, die im Morgengrauen aufstehen, und das Chaos beseitigen. Putzfrauen, die zerstörte Läden und Filialen reinigen. Selbstständige, die um ihre Geschäfte fürchten, die tagelang kein Umsatz gemacht haben – oder deren Läden gleich ganz zerstört wurden. Familien, die nicht nur zur Arbeit, in Kitas und Schulen fahren, sondern bald mit ihren Autos in den Urlaub wollten – deren Wagen aber nun verkohlte Resthaufen sind.

4. Es darf keine rechtsfreien Räume mehr geben

Die Keimzellen für die Orgie der Gewalt, die Hamburg erfasst hat, sind rechtsfreie Räume, vor allem illegal besetzte Gebäude wie die „Rote Flora“, die seit Jahrzehnten von Stadtregierungen geduldet werden. Viele, nicht zuletzt Einwohner solcher Viertel, finden irgendwie, dass es solche alternative Nester geben muss. Okay. Aber eine Regierung, die das toleriert, muss die Konsequenzen und Verantwortung tragen – genauso, wie wenn sie Moscheen mit Hasspredigern zulässt oder Straßenzüge, in denen die Scharia gilt.

Der Staat weicht hier mit seinen Gesetzen zurück und verliert die Kontrolle. Richtig wäre es, illegal besetzte Gebäude räumen zu lassen, sie an seine Eigentümer zu übergeben – und solche rechtsfreien Räume erst gar nicht gedeihen zu lassen.

5. Gipfel müssen neu gedacht werden

G20 und Hamburg sind zu einer Chiffre des Scheiterns geworden – auch wenn das ironischerweise für den Gipfel selbst gar nicht gilt. Da die Gipfelteilnehmer in der abgeriegelten Parallelwelt aber von dem Chaos eh nichts mitbekommen, stellt sich die Frage, ob solche Veranstaltungen in Großstädten noch möglich sind. Um die Antwort gibt es nun eine Debatte, sie sollte lauten: nein. Die Krawallindustrie nutzt geschickt die Verletzbarkeit der Städte – und die neuen Möglichkeiten der sozialen Medien (die internationale Großkonzerne bereitstellen).

Ein Verzicht auf Städte als Austragungsort ist keine Kapitulation, sondern eine Variante der asymmetrischen Kriegsführung. Das Weltwirtschaftsforum in Davos etwa ist zwar auch jedes Jahr eine Festung, aber es gibt kein Chaos – weil sich das Tal einfach abriegeln lässt. Und friedliche Formen des Protestes, durch „alternative Gipfel“, gibt es hier auch.

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