ReportageFollow the VW Golf

Hafen Emden
Ein Golf aus dem Werk in Wolfsburg wartet im Hafen von Emden, dem drittgrößten Autoport Europas, auf seine Verschiffung. 41.000 davon exportierte Volkswagen 2012 in die USA
© Oliver Tjaden

Der Text gehört zu einer zweiteiligen Reportage über den Traum vom Freihandel. Im anderen Teil geht es um die Schwierigkeiten, ein Steak nach Deutschland zu exportieren. Hier geht es zu Follow the Steak

Die Autoschlüssel sind weg. Schon wieder. David Soleimani zückt sein Handy und raunzt etwas hinein. Die Autoschlüssel sollen immer stecken. Das macht das Umparken einfacher. Zeit ist wichtig, wenn man in Manhattan Autos verkaufen will.

Soleimani macht das seit 24 Jahren, davor war er Boxer. Er weiß, wie amerikanische Autokäufer ticken. Sie lieben deutsche Technik. Und sie sind vor allem eins: spontan.

David Soleimani
David Soleimani verkauft in Manhattan einen Golf pro Tag, sagt er

Sobald er unten im Salon ein Auto verkauft, muss es schnell gehen. „Die meisten spazieren hier rein und wollen das Auto binnen einer Stunde mitnehmen“, sagt Soleimani. Dann muss der Wagen runter vom Dach des Volkswagen-Autohauses an der 11th Avenue in Manhattan, rein in die Werkstatt im vierten Stock. Die letzten Klebefolien weg, die den Lack schützen, noch einmal auf Hochglanz polieren und raus zum Kunden.

Seit einem halben Jahr ist er General Sales Manager beim VW-Händler Open Road in Manhattan. Bevor er kam, verkaufte VW dort durchschnittlich 40 Autos im Monat, sagt er.

Er brachte allein im April 76 an den Mann. Ein Modell läuft besonders gut. „Ich verkaufe einen Golf am Tag, mindestens.“ Der Golf sei sein Champ, sagt Soleimani. „Der Golf ist wirklich ein Auto für Manhattan.“ Eigentlich eine klare, einfache Sache, sollte man denken. Ein Auto, deutsche Wertarbeit aus Wolfsburg, verkauft in ein ­Autohaus in New York.

Es geht um Details, Normen und Zölle

So einfach ist das aber nicht. Genauer gesagt ist es sogar kompliziert. Weil die beiden Wirtschaftsräume so unterschiedliche Standards haben. Bei einem Auto wie dem Golf geht es nicht um Ängste oder kulturelle Vorbehalte, so wie bei den Franzosen, die panisch ihre Liebesfilme schützen wollen. Es geht um Details, Normen und Zölle. Die einzige Frage, die man sich stellen muss: ob sie wirklich alle wichtig und notwendig sind.

Ein Mitarbeiter bringt Soleimani den Schlüssel. Der Golf auf dem Dach in Manhattan, zu dem er passt, musste dieselben Hürden nehmen wie alle anderen 41.000 Golfs, die Volkswagen im vergangenen Jahr in die USA exportiert hat. Er ist schwarz, hat ein Sonnendach und kostet 24.280 Dollar plus Steuern. Seine Fahrgestellnummer lautet WVWDB7AJ0DW123554.

Rund ein halbes Jahr zuvor, am 21. Januar 2013, ist er in Wolfsburg vom Band gelaufen. Wir werden die Stationen seiner Reise aufsuchen. Denn auch hinter diesem Auto steht künftig eine große Vision: Freihandel.

TTIP – Projekt für die Geschichtsbücher

Als US-Präsident Obama im Juni vor dem Brandenburger Tor über Freiheit sprach, ging es hinter den Kulissen vor allem um die Freiheit des Handels. Zusammen erwirtschaften Europäer und Amerikaner mehr als die Hälfte des globalen Sozialprodukts. Ein Abkommen, offiziell Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), würde den größten zusammenhängenden Wirtschaftsraum der Welt schaffen, es ist ein Projekt für die Geschichtsbücher.

Die Zahlen, die nun in die Welt gesetzt werden, sind beeindruckend: Laut einer Studie des Londoner Centre for Economic Policy Research würde eine Handelsliberalisierung der EU 119 Mrd. und den USA 95 Mrd. Euro pro Jahr einbringen. Die EU-Kommission hat es konkreter berechnet: 545 Euro im Jahr pro Haushalt, wenn Handelsschranken und Zölle wegfallen.

Bei all dem Freiheitspathos geht es natürlich auch um industrielle Interessen. Der US-Markt ist für deutsche Autobauer einer der wichtigsten der Welt. Jedes achte Auto, das in den USA verkauft wird, gehört zu deutschen Marken. 15 Prozent aller Pkw-Exporte gehen dorthin, 625.000 Autos im Wert von 19 Mrd. Euro allein im vergangenen Jahr.

Die EU-Kommission schätzt, dass die europäischen Autoexporte in die USA mit einem Freihandelsabkommen um knapp 150 Prozent wachsen würden. Der Golf in Manhattan hätte auf seinem Schiff Richtung USA dann bald viel mehr Mitfahrer.