ReportageFollow the Steak

Der Text gehört zu einer zweiteiligen Reportage über den Traum vom Freihandel. Im anderen Teil geht es um die Schwierigkeiten, einen VW Golf in die USA zu exportieren. Hier geht es zu Follow the VW Golf

Es ist kurz nach Sonnenaufgang, Ron und Patrick Morgan treiben die Stiere zusammen. Auf ihren Westernpferden jagen sie über die welligen, grünen Wiesen der Familienranch im Norden von Ne­braska. Cowboyhüte, Wrangler-Jeans, Lassos an den Sattelknöpfen. Es ist ein Bild wie aus einem Western. Action, Abenteuer, Freiheit, Weite.

Rons und Patricks Ziel ist die horse pasture. Dort grasen 200 Rinder, schwarz das Fell, glänzend. Mit Rufen schrecken die Reiter die Tiere auf, dann nehmen sie die Herde von zwei Seiten in die Zange. Folgsam setzen sich die Stiere in Bewegung, 20 Minuten später drängen sie in die Koppel vor dem weißen Holzhaus, in dem Dan Morgan lebt, Rons Bruder und Patricks Onkel. Der Besitzer der Ranch.

Der silbergraue Viehtransporter steht schon bereit, etwa 70 Rinder passen heute rein, auf dem Weg zum Schlachthof werden es nächstes Jahr höchstens 40 sein. Denn auf dem Mastplatz in Burwell, einer Kleinstadt nahe der Ranch, wird sich das Gewicht jedes Tieres von heute rund 350 auf 700 Kilogramm verdoppeln.

Rinder auf der Weide
Die Morgan Ranch bei Burwell im US-Bundesstaat Nebraska ist spezialisiert auf schwarze Wagyu-Rinder. Hier werden sie zusammengetrieben

Ron und Patrick treiben die Stiere mit Stöcken zur Rampe. Die Rinder schnauben, sträuben, drängen sich. Dann endlich poltert das erste nach oben, Hufe klappern auf Metall. Dan Morgan beobachtet die Szene von der Seite. Er ist der Älteste von vier Geschwistern, leitet die Geschäfte. „Die landen alle bald auf einem Teller“, sagt er mit zufriedenem Blick auf die Stiere. „In den USA, Asien. Und Europa.“

Fast 8000 Flugkilometer weiter östlich legt Michael Böhnke ein Rib-Eye-Steak von der Morgan Ranch auf den 600 Grad heißen Rost im Grill­Royal. „Das ist immer super Ware“, sagt der Küchenchef des Berliner Restaurants. Die schwarzen Stiere, die die Morgans in Nebraska in den Transporter verladen, gehören der vornehmen japanischen Wagyu-Rasse an. Wenn ihr Fleisch die weite Reise nach Berlin hinter sich hat, zahlt der Gast hier in der Friedrichstraße für ein Stück aus ihrer Hochrippe einen Preis von 85 Euro aufwärts.

Teuer. Aber eigentlich eine klare, einfache Sache, sollte man denken. Ein saftiges Steak aus Nebraska kommt auf einen Teller in Berlin.

So einfach ist das aber nicht. Genauer gesagt ist es sogar etwas kompliziert. Das liegt nicht an technischen Standards wie bei einem Auto. Es geht zwar auch um Vorschriften, aber im Kern geht es um Angst. Um Gefühle, Vorurteile, kulturelle Unterschiede.

Kleiner Markt, grosse Angst

Derzeit schaffen es nur Spitzenprodukte wie die von der Morgan Ranch bis nach Deutschland. Der Mehrheit der US-Züchter ist der europäische Markt versperrt. Sie verabreichen ihren Tieren Wachstumshormone – über Implantate oder das Futter. Die EU verbietet diese Praxis. Im Namen des Verbraucherschutzes.

Die USA klagen über ein unfaires Handelshindernis. Das seit 1990 bestehende Einfuhrverbot für Hormonfleisch in die EU war in den vergangenen Jahrzehnten Anlass vieler Handelskriege. In den Freihandelsgesprächen haben die Rinder beträchtliches Störpotenzial. Politiker betonen gerne, dass der Wirtschaftsbund nicht nur ökonomische Energien freisetze, sondern auch eine Stärkung der westlichen Wertegemeinschaft sei. „Ein transatlantischer Binnenmarkt kann ein Leuchtturm sein, der weit über den Atlantik hinausstrahlt“, jubelte etwa Ex-Außenminister Guido Westerwelle.