ReportageTurkish Airlines - Überflieger im Sinkflug

Selbst die Business-Lounge von Turkish Airlines erinnert an den Putsch: „Lounge der Helden der Demokratie vom 15. Juli“ heißt sie nun. Drinnen spielen Business-Passagiere Billard oder schlagen im Golfsimulator ein paar Bälle. Und unter den halbrunden Arkaden, nicht weit von den Bildschirmen, die Nachrichten und Börsenkurse zeigen, klimpert ein Klavier. Die Tasten des Flügels bewegen sich von allein – automatisch, wie unberührt von den Ereignissen um sie herum.

Dabei ist einiges geschehen an diesem Flughafen und in der Türkei. Erst explodierten im Frühjahr Bomben im Herzen von Istanbul und Ankara, dann Sprengsätze am Atatürk-Drehkreuz selbst. Am 15. Juli putschte das Militär, Panzer rollten, F16-Jets bombardierten öffentliche Gebäude. Einer der Hauptschauplätze der Ausschreitungen war der Flughafen. Präsident Recep Tayyip Erdogan flog hier in der Nacht ein und erklärte vor einer aufgebrachten Menge den Putsch für gescheitert. Noch auf dem Rollfeld versicherte er, dass auch der Luftverkehr wieder ungestört funktioniere.

Business-Lounge in Istanbul
Diese Business-Lounge in Istanbul heißt nun „Lounge der Helden der Demokratie vom 15. Juli“

Er hat nicht ganz recht behalten damit. Die Nachbeben des Putsches haben die türkische Wirtschaft in eine ernste Krise gestürzt – und mit ihr das Aushängeschild des Landes: Turkish Airlines.

Nach dem Putsch wurden im ganzen Land rund 32.000 Verdächtige inhaftiert und Zehntausende Mitarbeiter der Sicherheitskräfte, der Justiz und des Bildungswesens aus dem Dienst entfernt. Im Land herrscht ein Klima der Angst, und das Vertrauen von Investoren, Geschäftspartnern und Kunden im Ausland ist jäh geschwunden. In der Woche nach dem 15. Juli brach die Istanbuler Börse um gut zwölf Prozent ein. Turkish Airlines hat ein Viertel seiner Buchungen verloren, und nach Jahren des gewaltigen Booms droht der Airline 2016 erstmals wieder ein Verlust. Der Konzern, der beispielhaft für den Aufschwung der Ära Erdogan stand – er steht nun beispielhaft für vieles, was in der Türkei schiefläuft.

„Die Lage in der Türkei ist mit nichts zu vergleichen“

Sein Abgang verunsichert viele Beobachter, zumal sein Nachfolger Murat Seker weder Luftverkehrs- noch praktische Kapitalmarkterfahrung mitbringt. „Das ist nicht das, was man unter guter Unternehmensführung verstehen würde“, sagt ein Fondsmanager. „Das Vertrauen in den Finanzvorstand ist mir schon sehr wichtig bei einem Unternehmen, das 19 Mrd. Dollar Schulden hat.“

Wer mit Geschäftspartnern und Branchenvertretern spricht, stößt auf Verstörung: „Die Lage in der Türkei ist mit nichts zu vergleichen, was wir sonst an Krisen und Krisenbewältigung gewohnt sind“, heißt es bei einer großen internationalen Fluggesellschaft. Offiziell kommentieren will niemand die Entwicklung. „Es ist schon immer schwierig gewesen, auch mal kritische Einschätzungen zur Wirtschaftsentwicklung oder gar zu einzelnen Unternehmen zu äußern“, sagt ein Finanzmarktexperte, der sich seit Jahren eingehend mit der Türkei beschäftigt. „Doch mittlerweile findet eine Hexenjagd statt.“

Die türkische Regierung nutzt ihre Airline derweil, um ihre Sicht der Dinge in die Welt zu tragen. Im Spätsommer steckte in jeder Maschine auf jedem Platz ein aufwendig gedrucktes Heft in der Sitztasche: eine Dokumentation des Aufstands und seiner Niederschlagung, mit patriotischem Geklingel in Wort und Bild. Auf der ersten Seite ein Steckbrief des „Terroristenführers“ Fethullah Gülen, des in den USA lebenden Predigers, der den Umsturzversuch organisiert haben soll. In einem Vorwort preist die Airline die heldenhafte Abwehr der türkischen Nation. Auf 80 Seiten werden die Flaggenmeere der Siegesfeiern dokumentiert. Bilder der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zeigen, wie mutmaßliche Putschisten aus den oberen Rängen des Militärs abgeführt werden. Selbst die Zahl suspendierter Staatsbediensteter aus Ministerien, Justiz und Verwaltung wird dokumentiert – alles im Rahmen der „Operation zur Ausmerzung von Mitgliedern der Gülen-Bewegung aus dem Staatsapparat“.

In der Konzernzentrale, vor den versammelten Journalisten, versichert der Turkish-Airlines-Chef Ayci trotzdem: „Meine Absicht ist es nicht, Sie zu politisieren.“ Turkish wolle der Weltöffentlichkeit nur die Wirklichkeit vor Augen führen. Allein für den Rettungsakt von Rechtsstaat und Demokratie, sagt er, „verdient die Türkei die Aufnahme in die Europäische Union“. Der geschmeidige Manager führt seit April 2015 in Personalunion Vorstand und Aufsichtsrat. Davor stand er der Investitionsbehörde ISPAT vor, ein Posten, der üblicherweise mit regierungsnahen Managern besetzt wird.