BankenFintechs - Revoluzzer ohne Geschäftsmodell

Fintechs in Deutschland: Haben sie ein Geschäftsmodell?
Fintechs in Deutschland: Haben sie ein Geschäftsmodell?
© Getty Images

Es ist gerade mal ein Jahr her, dass Sebastian Diemer seinen Blick vom Büro aus über die Hamburger Innenstadt schweifen ließ – und verkündete, seine Firma könne zum Amazon der Bankenbranche aufsteigen. Diemer, Ende 20, amtierte zu jener Zeit als Chef von Kreditech, dem angesagtesten deutschen Finanz-Start-up. Die Geschäftsidee: Kreditech verleiht Geld via Internet. Allerdings entscheiden über die Bonität der Kunden keine Banker – sondern Algorithmen. Im Eingangsbereich hing eine riesige Anzeigetafel. Auf ihr stand, dass Kreditech allein im zurückliegenden Monat fast 29 000 Darlehen vergeben hatte. Die Botschaft: Wer soll diese Firma stoppen?

Zum Ende des Gesprächs erzählte Diemer, dass er am nächsten Morgen in die USA aufbrechen werde, um potenzielle Geldgeber zu treffen. New York, dann weiter nach Kalifornien, erst die „Wall Street Boys“, klar, dann die „Valley Boys“. Diemer schien keine Zweifel zu haben, dass die Jungs an Ost- und Westküste sich darum reißen würden, seine Firma mit Geld zuzuschütten.

Es kam anders: Die Finanzierungsrunde dauerte nicht wie geplant nur wenige Wochen – sondern zog sich über viele Monate hin. Und statt der erhofften 150 Mio. Euro erhielt Kreditech bloß Zusagen über 82,5 Mio. Euro. Ende November war Diemer seinen Job los.

Man könnte die Story als ­banale Gründeranekdote abtun. Manchmal läuft es gut, manchmal eben nicht – und soll Scheitern in Deutschland nicht endlich sexy werden? Doch Diemer ist nicht irgendwer, sondern war das Gesicht einer Branche, die von sich selbst behauptet, auf dem besten Weg zu sein, die Finanzindustrie zu revolutionieren.

Rund 400 sogenannte Fintechs gibt es mittlerweile in Deutschland, junge Technologiefirmen, die die Wertschöpfungsketten von Banken und Versicherern sprengen wollen. Trotz der Probleme beim Klassenprimus Kreditech kennt der Hype um die Finanzparvenüs derzeit keine Grenzen. Kaum ein Monat vergeht, in dem sich die Branche nicht auf irgendeiner Fintech-Konferenz selbst bejubelt. Noch das kleinste Start-up ist Medien inzwischen große Por­träts wert. Beim Aufmerksamkeitsbarometer Google explodieren die Suchanfragen zum Thema. Als Ende Februar bekannt wurde, dass Ex-Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain zum Fintech Social Finance wechselt, wurde das als Zeitenwende gedeutet.

Manche Schlagzeile klingt, als hätten die Angreifer den Kampf gegen das Establishment längst gewonnen: „Fintechs hängen Banken jetzt schon ab“. Oder: „Warum deutsche Banken schon verloren haben“. Aber stimmt das wirklich? Natürlich bringen Fintechs mit ihren Ideen frischen Wind in die Finanzbranche. Sie vereinfachen mit „Robo-Advisors“ die Geldanlage. Girokonten werden zu „Personal Finance Managern“, Apps und neue Tools vereinfachen die Organisation der eigenen Finanzen. Die Banken sind unter Druck, ihren Kunden ähnliche Angebote zu machen.

Was aber auch stimmt: Den wenigsten Fintechs – jedenfalls in Deutschland – gelingt es bislang, aus ihren Innovationen ein tragfähiges Geschäftsmodell zu schmieden. Die realen Zahlen hinter den spektakulären Reden und Präsentationen sind bescheiden: 2015 investierten Wagniskapitalgeber laut dem Finanzierungsberater Barkow Consulting 376 Mio. Euro Eigenkapital in deutsche Fintechs – im Schnitt gerade mal rund 1 Mio. je Firma.

Im internationalen Vergleich sind die Firmenwerte entsprechend gering. So zählte die globale Branchenlobby Finovate im vergangenen Juli zwar weltweit 46 Fintech-­Unicorns – also Start-ups, die mit mindestens 1 Mrd. Dollar bewertet werden. Darunter fand sich allerdings kein einziges deutsches. Dazu passt, dass nicht ein deutsches Finanz-Start-up bislang den Sprung an die Börse geschafft hat. Das einzige Fintech-IPO auf dem Frankfurter Parkett legte Ferratum hin – eine Firma aus Finnland.

Nur eines ist profitabel

Deutsche Fintechs, die Geld verdienen, dürften noch die absolute Ausnahme sein. Capital hat Ende Fe­bruar zwei Dutzend der größten und bekanntesten deutschen Finanz-Start-ups nach ihren Kennzahlen befragt. Das Ergebnis: Nur eines gab an, profitabel zu arbeiten – nämlich die Mülheimer Firma Fincite, die nach eigenen Angaben 2015 einen Überschuss im sechsstelligen Bereich verbucht hat. Die meisten verweigerten die Auskunft zu Umsatz und Gewinn.

Die schamroten Bilanzen haben ­natürlich damit zu tun, dass junge Technologiefirmen in den Anfangsjahren stärker auf Wachstum als auf Marge setzen. Doch selbst reife Fintechs wie Auxmoney oder Smava, die seit Jahren am Markt sind, haben nach Capital-Recherchen noch nie schwarze Zahlen geschrieben. Auxmoney machte 2013 gut 6 Mio. Euro Verlust, 2014 sogar 8,5 Mio. Euro. Smava – die Firma feiert in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag – verbrannte 2014 nach einem Verlustvortrag von 11,5 Mio. Euro weitere 3 Mio. Euro.

In der Folge arbeiten viele Fintechs offenbar mit dünnen Kapitaldecken. Eine Stichprobe von Capital ergab, dass laut „Bundesanzeiger“ Smava und Companisto Ende 2014 „bilanziell überschuldet“ waren, für Auxmoney und Seedmatch traf diese Diagnose Ende 2013 zu. Bislang gelingt es den meisten Fintechs allerdings, regelmäßig frische Gelder einzutreiben. So stieg bei Auxmoney Ende Februar die Venture-Sparte von Pro Sieben Sat 1 Media ein.

Auxmoneys Ritterschlag

Auxmoney-Gründer Philip Kamp, Philipp Kriependorf und Raffael Johnen (v.l.)
Auxmoney-Gründer Philip Kamp, Philipp Kriependorf und Raffael Johnen (v.l.)
© Auxmoney

Ein weiteres Ergebnis der Capital-Umfrage: Nur wenige Fintechs kommen bereits auf eine kritische Zahl an Kunden. Bei Anbietern wie Number26 (mehr als 100 000 Kunden) oder Weltsparen (über 35 000) stimmt immerhin das Wachstum. Doch selbst diese vielversprechenden Vorzeige-Fintechs sind von nennenswerten Umsätzen oder gar Gewinnen weit entfernt. Warum ist das so? Und wieso sind die Finanzrevoluzzer in den USA, Großbritannien oder China, aber auch in Skandinavien oder Israel deutlich weiter?

Bei Auxmoney, beheimatet an der noblen Düsseldorfer Königsallee, sieht es nicht viel anders aus als bei Kreditech am Hamburger Rödingsmarkt: lichte Großraumbüros, in denen Menschen zwischen 25 und 40 sitzen, die keine Anzüge tragen, sondern Jeans. Immerhin, die Gründer unterscheiden sich: Phi­lipp Kriependorf ist ein paar Jahre älter als Sebastian Diemer und tritt ein paar Grad bescheidener auf – zudem hat er über der Jeans keinen Kapuzenpulli an. Sondern nur ein T-Shirt.

Was Kriependorf erzählt, klingt nach einer großen Erfolgsgeschichte – ist aber eher eine kleine: Auxmoney wächst stetig, hat unter den deutschen Plattformen einen Marktanteil von deutlich über 50 Prozent und 1,3 Millionen „Mitglieder“. Zu den Kreditausfallraten macht das Unternehmen keine Angaben. Die Durchschnittsrendite allerdings, die Anleger erzielen, wenn sie über Auxmoney Geld verleihen, soll bei 5,5 Prozent nach Gebühren liegen – das ist beachtlich. Ende Oktober gab zudem der niederländische Traditionsversicherer Aegon bekannt, einen Teil seiner Kundengelder künftig via Auxmoney investieren zu wollen. Ein Ritterschlag.

Und doch bleibt unterm Strich eine Zahl, die zu der übrigen Story nicht passen will: gut 200 Mio. Euro. Das ist – aggregiert – der Umfang der Kredite, die seit der Gründung vor acht Jahren via Auxmoney vergeben wurden. 200 Millionen? Dafür braucht eine Sparkasse kein Jahr. Nun betont Kriependorf zwar, dass das Wachstum jetzt erst richtig losgehe. 2015 habe man schon mehr als 100 Mio. Euro vermittelt, dieses Jahr strebe man 250 Mio. Euro an – trotzdem: Wie kann es sein, dass die deutschen Anbieter im global größten Fintech-Segment nur auf solch winzige Volumina kommen?