FinanzevolutionFintechs stoßen auf Konto‑Markt vor

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Unter Evolution versteht man die allmähliche Entwicklung eines beliebigen Systems, das auf äußere Einflüsse reagiert. Manche betrachten dabei die allmähliche Veränderung von Merkmalen von Generation zu Generation. In der Wirtschaftspraxis sind die Zeiträume deutlich kürzer. Hier erwartet heute niemand mehr auf Veränderungen in Generationsabständen. Und im Unterschied zur Biologie finden die Veränderungen auch innerhalb von Organismen (aka Unternehmen) statt.

Aber auch für die Wirtschaftspraxis gilt, dass sich schwer voraussehen lässt, wer sich am Markt und bei den Kunden durchsetzt. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ein Unternehmen, das führend bei der Filmherstellung war und die erste tragbare Digitalkamera entwickelt hat, von der digitalen Fototechnik vom Markt gefegt wird. Ich spreche von Kodak.

Unternehmensberater und Analysten erzählen bekanntlich gern im Nachhinein Geschichten von Veränderungen so als sei eine Entwicklung ganz zwingend gewesen, so als ob der Erfolg von Google, Apple und Facebook oder der Misserfolg von Kodak, MySpace oder SchülerVZ vorprogrammiert war. Das war er sicher nicht. Wie in der biologischen Evolution spielen auch hier viele Zufälle und günstige beziehungsweise ungünstige Umweltbedingungen eine wichtige Rolle. Wer gestern noch in der Fresspyramide oben stand, muss morgen oder übermorgen nicht zwingend mehr dort sein und umgekehrt.

Konto für die Generation Smartphone

Für den Finanzsektor ist noch lange nicht klar, wohin die Finanzevolution die Banken und die Unternehmen der Financial Technology (Fintech) führen wird. Manche ziehen aus der Tatsache, dass es mittlerweile für nahezu jede Finanzdienstleistung ein Substitut aus der Fintech-Welt gibt, den Schluss, das Ende der klassischen Finanzwelt stehe unmittelbar bevor. Manch einer könnte sich darin gar bestätigt fühlen, wenn er liest, was die Unternehmensberatung PPI festgestellt haben will, nämlich dass viele Bankangestellte in der Digitalisierung angeblich eine Last sehen.

Einige Newcomer legen in der Tat eine beeindruckende Geschwindigkeit vor. Das Berliner Start-up Number26 gehört dazu. Es hat im Januar darüber informiert, dass es die Marke von 100.000 Kunden geknackt habe. Number26 will das Produkt verändern, das für viele Menschen wahrscheinlich das wichtigste Bankprodukt überhaupt ist: das Konto. Anders als das mit ähnlichen Namen gestartete Numbrs, das Konten verschiedener Banken unter einer Oberfläche zusammenfasst, bietet Number26 gleich ein eigenes Konto, das für die Generation Smartphone entworfen wurde. Das Unternehmen mit derzeit 90 Mitarbeitern bietet seine Leistungen bisher in acht Ländern an.

Ob wirklich alle 100.000 User aktive Kunden sind, sei einmal dahingestellt. Bekanntlich führt nicht jede Registrierung zum Konto. Und längst nicht jeder Kontoinhaber wird Number26 als Hauptbankverbindung nutzen. Dennoch, während Kritiker zunächst klagten, dass Kunden nur mit einer Mastercard als Guthabenkarte ausgestattet wurden, es keine Möglichkeit für Kontoüberziehungen gebe und Bargeldtransaktionen schwierig seien, hat das Unternehmen in den letzten Monaten ordentlich nachgelegt.

Inzwischen sind Dispokredite möglich. Kunden können außerdem Geld in bestimmten Supermärkten von ihrem Konto abheben bzw. einzahlen. Letzteres ermöglicht die Kooperation mit “Barzahlen”, einem anderen ebenfalls in Berlin sitzenden Fintech. Number26 nutzt für die Kontoführung die Wirecard Bank: Die Wirecard Bank AG bietet als unabhängiger Anbieter Outsourcing- und White-Label-Lösungen für die elektronische Kontenführung und den Zahlungsverkehr und verfügt über entsprechende aufsichtsrechtliche Zulassungen.