KolumneEuropaliga? Keine Experimente!

Fußball liegt auf dem Rasen eines Stadions
Die Faszination des Fußballs ist ungebrochen – trotz der Dominanz einiger Großvereine

 


Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.deJörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

 


Es war schon mehrfach durchaus ernst. 1998 drohte die Elite des europäischen Vereinsfußballs mit der Gründung einer eigenständigen Europaliga. Die Klubs sahen damals ihre wirtschaftlichen Interessen vom europäischen Fußballverband UEFA nicht ausreichend berücksichtigt. Mit der Gründung der sogenannten G14 gaben sich 14 Top-Klubs im Oktober 1998 sowohl ein Gesicht als auch stärkeres Gewicht. Die Hauptziele – mehr Planungssicherheit, mehr Spiele, mehr Geld – konnten die Klubs damals gegenüber der UEFA durchsetzen. Im Gegenzug haben sie die Pläne für eine eigene Europaliga zu den Akten gelegt. Zumindest vorübergehend. Denn auch in den Folgejahren schaffen es die Top-Klubs bei Bedarf immer wieder, mit Gedankenspielen zur Europaliga eine geeignete Drohkulisse aufzubauen.

Der Fußball hat sich in dieser Zeit verändert – sportlich und finanziell. In den neunziger Jahren war es unter Fußballfans noch heftig umstritten, ob es wirklich ein Fortschritt ist, den Europapokal der Landesmeister durch die Champions League zu ersetzen. Die Einführung der Gruppenphase(n) roch vielen Fußballbegeisterten zu sehr nach Kommerz, ebenso die Zulassung nationaler Zweit-, Dritt- und sogar Viertplatzierter zur UEFA Champions League. Heute ist all das kaum noch ein Thema, die Königsklasse ist etabliert und erfährt von den Fans größten Zuspruch.

Auch für die Fußballklubs hat die Champions League einen viel wichtigeren Stellenwert als der ehemalige Europapokal der Landesmeister. Man merkt es in diesen Tagen wieder am FC Bayern München, für den die Saison quasi verkorkst gewesen wäre, hätte es in der Champions League den K. o. im Viertelfinale gegeben. Selbst der erneut äußerst souveräne Gewinn der deutschen Meisterschaft und ein etwaiger DFB-Pokalsieg hätten daran nicht viel geändert. Für die absoluten Spitzenklubs hat sich der Fokus von der nationalen auf die europäische Ebene verschoben.

Finanzielle Polarisierung geht weiter

Die finanziellen Strukturen forcieren die Entwicklung: Die Prämien, welche die UEFA an die Teilnehmer der europäischen Klubwettbewerbe ausschüttet, verschärfen die Polarisierung im europäischen Profifußball. Jüngst sorgte die Meldung für Schlagzeilen, dass die UEFA künftig noch mehr Geld an die Teilnehmer der Champions League und Europa League ausschütten wird. Insgesamt wird das Ausschüttungsvolumen um rund ein Drittel steigen. Von 2015 bis 2018 soll die Champions League insgesamt 1,26 Mrd. Euro erhalten, das ist ein Plus von rund 25 Prozent gegenüber dem Zeitraum 2012-2015. Die Europa League wird 381 Mio. statt 232,5 Mio. Euro erhalten, das ist ein Plus von knapp 65 Prozent gegenüber 2012 bis 2015. Zudem werden die Abstellungsgebühren für Nationalspieler erhöht. Da die Nationalspieler tendenziell bei den besseren und finanzstärkeren Klubs spielen, tragen auch die höheren Abstellungsgebühren zur weiteren Polarisierung bei.

Wenn die Kluft zwischen „arm“ und „reich“ immer größer wird und infolgedessen der sportliche Wettbewerb erschlafft, könnte ein radikaler, aber konsequenter Schritt tatsächlich die Gründung einer geschlossenen Europaliga – also eine Liga ohne Auf- und Abstieg – sein. Wenn nur noch die finanzstärksten Klubs Europas aufeinandertreffen, werden automatisch auch die sportlichen Unterschiede eingeebnet. Aber wäre ein solcher Schritt wirklich im Sinne der Fans? Welche Argumente gibt es für, welche gegen eine geschlossene Europaliga?

Was für die Europaliga spricht

Die aktuellen Rahmenbedingungen fördern schon jetzt die finanzielle und damit auch die sportliche Ungleichheit. Die Teilnahme an den europäischen Klubwettbewerben – insbesondere der Champions League – wird immer mehr zum ausschlaggebenden Wettbewerbsfaktor. Dabei geht es in erster Linie natürlich um die Erlöspotentiale, die den teilnehmenden Klubs das Zusammenstellen eines guten Spielerkaders ermöglichen. In zweiter Linie ist die Teilnahme an der Champions League aber auch auf dem Transfermarkt ein gewaltiger Vorteil, weil sich Top-Spieler (unabhängig vom Gehalt) mit den besten Spielern der Welt messen wollen. Sowohl sportliche als auch finanzielle Aspekte machen die Teilnehmer der Champions League zu attraktiven Arbeitgebern. Im Ergebnis führt diese Konstellation zu einer „Hortung“ der Top-Fußballer bei den Champions-League-Teilnehmern.

Diese Hortung hat Folgen für die nationalen Ligen. Die Top-Klubs sind dem Großteil ihrer nationalen Konkurrenz weit enteilt. Der Punkteabstand zwischen dem Tabellenführer und dem ersten Tabellenplatz, der „nur“ zur Teilnahme an der Europa League berechtigt, ist derzeit in den vier großen Ligen Europas gewaltig: In Deutschland liegen zwischen Platz 1 (FC Bayern) und Platz 5 (Schalke 04) sagenhafte 34 Punkte, in Großbritannien beträgt die Differenz 19, in Spanien 18 Punkte. In Italien hat der Tabellenführer Juventus Turin 20 Punkte Vorsprung auf den viertplatzierten SSC Neapel.