KommentarWichtig ist neben dem Platz

Vorhang auf zur neuen Saison: Zum 52. Mal sind die Bundesliga-Profis in ihre Tor- und Titel-Jagd gestartet. Hochspannung ist garantiert – sollte man zumindest meinen. Oder hat sich der Fußball in den letzten Jahren so sehr verändert, dass Spannung in der Bundesliga eher nicht mehr zu erwarten ist? So dominant, wie der FC Bayern in den letzten zwei Spielzeiten die Meisterschaften im Schnellverfahren nach München geholt hat, droht eher die große Langeweile. Die Münchner Titelsammlung 2013 und 2014 liest sich jedenfalls mehr als beeindruckend: zweimal Deutscher Meister, zweimal Deutscher Pokalsieger, einmal Champions League-Sieger und einmal Gewinner der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft. Mehr ist kaum möglich.

Jörn Quitzau
Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

Angesichts einer solchen sportlichen Dominanz ist der Befund für die Fußball-Sachverständigen klar: Geld schießt Tore! Wer das Geld hat, hat auch den sportlichen Erfolg. Manch ein Beobachter, wie zum Beispiel Oliver Kahn, plädierte angesichts der Münchner Überlegenheit schon für die große Revolution: Die Bayern sollten die Bundesliga verlassen und künftig nur noch in einer geschlossenen Europaliga spielen. Dort würde der deutsche Rekordmeister Gegner auf Augenhöhe vorfinden – sportlich wie finanziell. Denn auch die Spitzenklubs im Ausland vertrauen offenbar der Geld-schießt-Tore-These. Der FC Barcelona und Real Madrid zahlten für zwei Torjäger – Luis Suárez und James Rodriguez – jeweils rund 80 Mio. Euro und tätigten damit in diesem Sommer die Rekordtransfers.

„Make or buy?“ – bei der Grundsatzentscheidung, ein erfolgreiches Team entweder langsam und mit Hilfe guter Nachwuchsarbeit aufzubauen oder aber einfach eines zusammenzukaufen, kommen die europäischen Spitzenklubs an der „buy“-Variante nicht mehr vorbei. Wer in Europa Erfolg haben möchte, muss erkennbare Schwächen in der eigenen Mannschaft sofort schließen. Und das geht nun mal nicht durch ein lang angelegtes Konzept, sondern nur durch Aktivität auf dem Transfermarkt. Nebenbei bemerkt: All dies gilt nicht für die Nationalmannschaften. Brasilien würde nach dem WM-Debakel sicher gern auf dem Transfermarkt zuschlagen. Doch der brasilianischen Auswahlmannschaft hilft nur der beschwerliche Weg des Wiederaufbaus.

Geschlossenheit, Tagesform und Glück

„Geld schießt Tore“ ist also eine durchaus richtige Beschreibung der heutigen Realität im Klub-Fußball. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit. Die Finanzkraft ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Erfolgsfaktor; mannschaftliche Geschlossenheit (die sich nicht kaufen lässt), Tagesform (die sich ebenfalls nicht kaufen lässt) und Glück (das sich kaum kaufen lässt) gehören auch dazu. Das Wechselspiel dieser Erfolgsfaktoren macht den Fußball letztlich unkalkulierbar. Anhand von Wettquoten lässt sich zeigen, dass rund 50 Prozent aller Bundesligaspiele nicht vom Favoriten gewonnen werden.

Der Marktwert eines Teams gibt eben doch nicht zuverlässig Auskunft darüber, wer ein Spiel gewinnen wird. Die Korrelation von Finanzkraft und sportlichem Erfolg ist zwar positiv, aber sie ist nicht gleich 1. So ist der Hamburger SV in der vergangenen Spielzeit mit dem sechsthöchsten Etat aller Bundesligisten am Ende nur auf Platz 16 gelandet und ist erst im Relegationsspiel gerade so eben dem Abstieg in die zweite Liga entkommen. Geld schießt offenbar nicht immer Tore. Auch das deutsch-deutsche Champions League-Finale 2013 hätte es nicht geben dürfen, würden nur die Finanzen über den sportlichen Erfolg entscheiden, denn zumindest Borussia Dortmund gehört in Europa nicht zur absoluten Geld-Elite.

Grundsätzlich sorgt der Fußball durch die Unkalkulierbarkeit des Spiels aus sich selbst heraus immer wieder für Spannung. Dass die Geld-schießt-Tore-Problematik in den letzten Jahren zugenommen hat, hängt mit den veränderten Rahmenbedingungen im Fußball zusammen. Die Einführung der Gruppenphasen in Champions- und Europa-League hat erstens zu deutlich höheren Erlösen bei den Teilnehmern geführt und zweitens die Planungssicherheit für die Klubs erhöht. Ein teurer, breiter Spielerkader ist eher vertretbar, wenn nicht in Runde 1 schon der K.O. droht, so wie es einst im Europapokal der Landesmeister und im UEFA-Cup der Fall war.

Drohende Langeweile an der Tabellenspitze

Die Konzentration der Top-Spieler auf die europäischen Spitzenvereine mit WM-Helden wie Mario Götze auf der Bayern-Ersatzbank ist inzwischen Normalität. Auch wenn diese Normalität auf den ersten Blick paradox erscheint, so lässt sie sich durch den veränderten Wettkampfmodus eben doch erklären. Die in den vergangenen Jahren in Mode gekommenen externen Geldgeber wie Roman Abramowitsch beim FC Chelsea London haben den Trend zur finanziellen und sportlichen Konzentration abermals verstärkt.

Die Meisterschaften werden deshalb nicht mehr nur auf dem Spielfeld gewonnen, sondern auch hinter den Kulissen beim Aufspüren möglichst potenter Geldgeber. Diesen fußballfremden Geldflüssen versucht die UEFA nun mit dem Reglement zum Financial Fairplay einen Riegel vorzuschieben. Gelingt es aber nicht, den finanziellen Konzentrationsprozess zu stoppen, wird der Trend hin zu einer sportlichen Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb der nationalen Ligen weitergehen. Ein in der Bundesliga unschlagbarer FC Bayern München und Langeweile an der Tabellenspitze könnten so zum Dauerzustand werden. Es ist deshalb durchaus angebracht, gelegentlich ernsthaft über Gegenmaßnahmen nachzudenken.

Dass es in der nun beginnenden Saison 2014/15 nicht wieder zum Münchener Alleingang kommt, könnte eine Folge des WM-Titels sein. Schon jetzt klagen die Verantwortlichen des FC Bayern über mangelnde Fitness und verletzungsbedingte Ausfälle bei ihren Weltmeistern. Die Statistik rechtfertigt die Skepsis: Auch nach den WM-Titeln 1974 und 1990 gelang den Bayern die Titelverteidigung nicht. Was solche Statistiken in der heutigen Geld-schießt-Tore-Welt noch wert sind, wird sich zeigen. Denn wie es scheint, wird der FC Bayern auch diese Lücken über den Transfermarkt umgehend schließen.