GastbeitragEinheitlich gegen Corona – warum nur so viel Risiko?

Gegen das Coronavirus setzte die deutsche Politik zuletzt auf eine große Portion Einheitlichkeit
Gegen das Coronavirus setzte die deutsche Politik zuletzt auf eine große Portion Einheitlichkeitimago images / photothek

Die Stimmung in der Bevölkerung ist laut ARD Deutschland-Trend eindeutig: Die große Mehrheit möchte bundesweit einheitliche Regelungen gegen Corona haben. Ich kann die Gründe dafür sehr gut verstehen. Doch möglicherweise ist die Vereinheitlichung in der Summe aller Argumente gar nicht so gut. Nur: Die Pro-Argumente für Vielfalt gehen in der aktuellen Debatte ziemlich unter. Lassen Sie uns das mal ändern.

Wie ist also der Stand?

Einheitlichkeitsrunde

Gerade erst am Mittwoch haben sich die Ministerpräsidenten genau zu diesem Thema mit der Bundeskanzlerin getroffen. Herausgekommen ist ein bisschen was für jeden: eine große Portion Einheitlichkeit, eine kleine Portion Dissens – mit der Aussicht, auch hier bald zu einer einheitlichen Lösung zu kommen. Der Trend zur Einheitlichkeit bildet sich also in der Politik ab.

Das ist nicht überraschend, denn es gibt ein typisches Muster unseres politischen Systems wieder. Wenn Sie sich zum Beispiel die Energiewirtschaft ansehen: Auch dort herrschen die Bestrebungen vor, alles zu vereinheitlichen, also quasi in der Gegenwart festzulegen, was die Technologie der Zukunft ist …

Aber zurück zu Corona: Die Befürworter der Einheitlichkeit führen in der Regel zwei Argumente ins Feld. Das erste ist gleich mal eigentlich keines. Denn es lautet – und genauso hören Sie es oft im O-Ton: »Man muss doch mit den Corona-Maßnahmen Maß halten.« Dazu ließe sich spöttisch sagen: Here comes Mr. Obvious. Diese Aussage ist so trivial, dass der- oder diejenige sie sich auch sparen könnte. Denn wer würde hier widersprechen? Erst bei der Frage, was nun genau das richtige Maß ist, scheiden sich ja die Geister.

Das zweite Argument ist dann schon nicht mehr trivial. Es heißt: Einheitlich ist einfacher und wirksamer.

Einfach bräsig

Die logische Kette wird so aufgebaut: Nur wenn Regularien einfach sind, sind sie auch nachvollziehbar und nur dann haben die Menschen Vertrauen in die Maßnahmen und halten sich besser daran. Diesem Argument kann ich ein Stück weit folgen, auch wenn meinem Eindruck nach ein ziemlich bräsiges Menschenbild dahinter steht: Der Intellekt und das Reflexionsvermögen der Regelempfänger liegt halt deutlich unterhalb des Intellekts der Regelautoren und deshalb müssen die Regeln schon so simpel sein, dass sie wirklich jeder versteht, damit sich die Mehrheit daran halten kann und will. Aber ich spare mir mal hier meinen Spott, vielleicht ist das sogar so.

Sicher kursieren ja auch in den sozialen Netzen derzeit jede Menge lustige Geschichten: Dass der Berliner bei seiner Freundin in Brandenburg übernachten darf, ins Hotel dürfen die beiden dort aber nur mit Test. Oder dass die Frankfurter zwar nach Mainz dürfen, die Mainzer aber nicht nach Frankfurt. Oder war es umgekehrt?

Ja, das ist – und das sehe ich genauso – total verwirrend. Wer das komplett durchdringen will, der hat keine Chance. Aber wenn Sie mich fragen: Das muss ja auch niemand.

Ein Blick, ein Anruf

Denn ich wage zu behaupten, dass die Vielfalt, die wir gerade haben und die für so viel Aufruhr sorgt, für den einzelnen in den seltensten Fällen eine Herausforderung darstellt: Was die Regelungen im konkreten Fall bedeuten, ist meist ziemlich eindeutig. Und schnell herauszufinden.

Ich selbst bin ja Vielreisender, sogar in dieser Zeit. Dieser Tage bin ich zum Beispiel nach München gereist. Was musste ich dafür tun? Einmal auf die Website des Bayerischen Gesundheitsministerium schauen und im Hotel anrufen, was für mich wichtig ist. Wichtig war für mich übrigens nur, dass ich einen maximal 48 Stunden alten Corona-Test nachweisen konnte, weil ich aus Barcelona kam. Und das konnte ich.

Dass es zeitgleich ein Problem zwischen Mainz und Frankfurt gibt, ist für mich eine Anekdote. Relevant ist es für mich nicht. Ich frage mich also: Wie kommen die eigentlich darauf, dass Einheitlichkeit für den Einzelnen so viel einfacher ist?

Viel einfacher macht es Einheitlichkeit nur für diejenigen, die versuchen, alles im Blick zu behalten. Das sind die Medien, die über alles berichten, und die Politiker, die zu allem eine Meinung abgeben müssen. Für diejenigen dagegen, für die die Maßnahmen gemacht sind, ist die Vielfalt eher selten ein Problem.

So, und jetzt lassen Sie uns schauen, was der Nachteil von Einheitlichkeit ist …

Lösungswissen: null

Um es noch einmal klar zu sagen: Wir alle wollen – von ein paar wenigen abgesehen –, dass möglichst viele Menschen gesund bleiben und die Intensivstationen nicht überlastet werden. Genauso wollen wir, dass unsere Wirtschaft nicht krepiert.

Aber: Das Wissen, was wir aktuell dafür zu tun haben, hat keiner. Zwar haben wir jede Menge schlaue Leute, die über jede Menge abstraktes, generelles Wissen verfügen – Virologen, Epidemiologen, Gesundheitsfachleute. Wie jedoch das konkrete Problem zu lösen ist, das wir jetzt – im Oktober 2020, angesichts der aktuellen Wetterlage, der aktuellen epidemiologischen Lage, der aktuellen Stimmungslage in der Bevölkerung – haben: Dieses konkrete Lösungswissen hat keiner. Bedauerlicherweise.

Das ist aber niemandem vorzuwerfen. Wir stehen vor einer vollständig neuen Situation, die durchaus alle Kriterien von Komplexität erfüllt: Sie ist undurchschaubar, im engsten Sinne unbeherrschbar (Sie können sie nicht sicher zu einem gewünschten Ziel führen) und auch in großen Teilen unvorhersehbar.

Kurz gesagt: Es gibt kein Wissen darüber, was richtig ist. In so einer Lage alles auf eine Karte zu setzen, ist hochriskant. Ich würde mich sogar zu der Zuspitzung hinreißen lassen: Es ist unverantwortlich.

Die falsche Karte

Die Wahrscheinlichkeit nämlich, dass wir – solange wir so wenig wissen – die richtige Karte erwischen, ist sehr gering. Die Erfahrungen aus anderen Domänen, z.B. der Wirtschaft zeigen: Bei der Bewältigung komplexer Herausforderungen kommen Sie mit Vielfalt schneller zu besseren Ergebnissen. Und es ist sehr gefährlich, sich zu früh auf eine Lösungsalternative festzulegen, anstatt viele verschiedene Lösungsmöglichkeiten parallel laufen zu lassen.

Sicher können Sie nie alle Möglichkeiten ausprobieren: Es gilt immer einen Trade-off zu machen, denn jeder Versuch kostet Geld und Zeit. So ist das bei Corona auch. Aber im Rahmen des Machbaren zahlt sich Vielfalt aus. Und im Zweifel sollten Sie eher einen Tag später entscheiden als einen Tag früher. Denn jeden Tag wissen Sie ein bisschen mehr, egal ob Sie jetzt ein ganz neues Produkt auf der Basis verschiedenster Technologien entwickeln oder eben eine Pandemie bekämpfen.

Schon klar aber, dass wir dafür auch manche Kröte schlucken müssen …

Der Preis

So müssen wir hinnehmen, dass die Situation für manche unverständlicher wird und wir mehr in Erklärungen der Maßnahmen investiert werden muss. Auch müssen wir hinnehmen, dass Vielfalt schwerer auszuhalten ist als Einheitlichkeit, weil wir lange Zeit nicht wissen, was nun wirklich richtig ist. Und das Risiko, dass Vielfalt vielleicht die Sache auch nicht besser macht, haben wir ebenfalls.

Aber unter dem Strich der Pro- und Contra-Rechnung fällt mein Plädoyer auf die Strategie der Vielfalt statt der Einheitlichkeit.

Gerade dann

Diese ist glücklicherweise in der föderalistischen Idee Deutschlands verankert, sodass sie sogar noch ausgebaut und erweitert werden kann. Dazu würde allerdings zwingend eine viel konsequentere Verfolgung gehören: Wer macht gerade was und wo funktioniert was?

Statt sich darüber zu beschweren, dass es die Berliner anders machen als die Münchner, sollten wir ganz genau hinsehen: Wie entwickelt sich denn das da und dort? Wo scheint etwas zu funktionieren, wo nicht?

Ich sage nicht, dass das einfach ist – im Gegenteil. Aber es würde viel zügiger zu Erkenntnissen führen, als nur auf eine einzige Karte zu setzen.

Gerade wenn es darauf ankommt, gerade wenn es um Menschenleben geht, gerade wenn das wirtschaftliche Überleben von Unternehmen auf dem Spiel steht, brauchen wir mehr als eine Alternative.

Oder was meinen Sie?


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem Buch »Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden« stellt er den Krisen in unserem Land Selbstorganisation und die Idee einer Verantwortungsgesellschaft entgegen.