KolumneDrei Zukunftsszenarien für Thyssenkrupp

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

In der Haut von Guido Kerkhoff möchte man nicht stecken. Seit dem Amtsantritt des Thyssenkrupp-Chefs vor einem Jahr hat die Aktie des Konzerns fast die Hälfte ihres Werts verloren, die Geschäftszahlen sind grottenschlecht und die Nachfrage vieler wichtiger Kunden geht weiter zurück. Vieles, was Kerkhoff in der letzten Woche als Ausweg aus der Misere verkündete, wirkt wie das ängstliche Pfeifen im dunklen Wald:

  • Im Stahlbereich arbeite sein Team „mit Volldampf“ an einer neuen Strategie, seit die geplante Fusion mit Tata Steel gescheitert ist. Schön und gut, aber in Wahrheit gibt es keine überzeugenden Alternativen außer noch mehr zu sparen und sich von noch mehr Teilbereichen zu trennen.
  • Notorische Verlustbringer werde man im Konzern „nicht mehr dulden“. Schön und gut, aber ihr Verkauf dürfte sehr schwierig werden und das knappe Eigenkapital des Konzerns weiter belasten.
  • Die hohen Verwaltungskosten will Kerkhoff nun endlich richtig angehen. Schön und gut – aber warum erst jetzt? Und wie will der Vorstandschef verhindern, dass der notwendige Personalabbau wieder sehr teuer wird?

In Wahrheit hängt das Schicksal von Thyssenkrupp inzwischen allein an der profitablen Aufzugssparte. Erst sollte sie um jeden Preis im Konzern bleiben, dann sollte nur eine Minderheitsbeteiligung an die Börse, jetzt geht es sogar um den Verkauf einer Mehrheit – oder gleich des ganzen Bereichs. Der Aufzugsbereich ist nach Schätzungen von Experten bis zu 15 Mrd. Euro wert – also deutlich mehr als der Gesamtkonzern, der in seinem jetzigen miserablen Zustand nicht mal die Hälfte davon an der Börse wert ist.

Thyssenkrupp kann sich keinen Fehler mehr erlauben

Doch der Verkauf der Aufzugssparte ist keineswegs ein Selbstläufer, wie viele glauben. Drei Szenarien sind denkbar:

Szenario 1: Thyssenkrupp gelingt es, eine Minderheitsbeteiligung sehr schnell an die Börse zu bringen, obwohl sich der der Aktienmarkt bereits merklich eintrübt. In diesem Fall fließt genug Geld in die Kasse, dass Kerkhoff den notwendigen Umbau des Konzerns zwar nicht in Ruhe, aber doch mit mehr Atem angehen kann.

Szenario 2: Es findet sich ein Käufer für eine Mehrheitsbeteiligung oder gar die ganze Sparte. Nach Lage der Dinge kommt dafür nur ein Konkurrent in Frage. In diesem Fall reden die Kartellwächter auf vielen Märkten ein gehöriges Wort mit – und Thyssenkrupp droht erst einmal eine gefährliche Hängepartie.

Szenario 3: Die Turbulenzen auf den Weltmärkten verstärken sich so stark, dass die Börsen nachhaltig nach unten rauschen und einen Börsengang für die nächsten anderthalb Jahre unmöglich machen. Auch ein Käufer dürfte sich in einer tiefen Finanzkrise nur sehr schwer finden – jedenfalls einer, der einen fairen Preis für die Aufzugssparte zahlt. In diesem Fall wird es eng für den Konzern, sehr eng.

Thyssenkrupp verbrennt gegenwärtig im operativen Geschäft so viel Geld, zuletzt über 1 Mrd. Euro, dass es so gut wie keinen Spielraum für weitere Managementfehler mehr gibt. Nach vielen falschen Entscheidungen, an denen der jetzige Chef seit 2011 als Finanzvorstand maßgeblich beteiligt war, verkraftet der Konzern weitere kurzatmige Volten nicht mehr. Man möchte wirklich nicht in der Haut von Kerkhoff stecken.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.