WeltwirtschaftsforumDonald und Davos – der Showdown des Jahres

Schild mit der Aufschrift World Economic Forum
Das World Economic Forum in Davos findet vom 23. bis 26. Januar stattGetty Images

Dieser Erdball, so hat man manchmal den Eindruck, scheint sich gleichzeitig beruhigen zu können und doch in immer größerer Unruhe zu sein. Vielleicht gehört zum Wesen unser hektischen und granularen Wahrnehmung auch dazu, dass inzwischen ständig irgendwo Mega-Risiken und Meta-Umwälzungen lauern. Ob die Welt nun gerade besser wird oder doch Richtung Untergang zusteuert, ist da bisweilen schwer auszumachen

Nur eines können auch die 3000 Anführer, Top-Manager und Künstler dieser Welt, die sich ab heute zum Weltwirtschaftsforum in Davos versammeln, nicht verhehlen: Dass hinter der Menschheit, den meisten Ländern und ihrer Wirtschaft, ein ordentliches, ja sogar gutes Jahr liegt.

Das war vor einem Jahr zum World Economic Forum (WEF) 2017 ganz anders: Da hatte man gerade das Tumult- und Schockjahr 2016 hinter sich. Im Sommer hatten die Briten den Austritt aus Europa beschlossen und die Amerikaner im November Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Seine Inauguration schwebte während des Treffens über dem Schweizer Skiort wie ein Fluch über einem Geisterschloss, und Barack Obamas Vize, Joe Biden, markierte mit einer elegischen Abschiedsrede den Abgang der liberalen, weltoffenen Elite. Aber: Die Krise, so hieß es damals, sei vor allem eine Krise der Eliten selbst. Von einer „Implosion des Vertrauens“ sprach seinerzeit ein Report der PR-Agentur Edelman, die in ihrem Trust Barometer über 30.000 Menschen in 28 Ländern befragt hatte.

Wohlstand für alle?

Nach einigen Tagen war auch ein Schlagwort gefunden, mit dem man diese Krise überwinden wollte: mit „inclusive growth“, also dem, was Ludwig Erhard früher einmal Wohlstand für alle genannt hat. Denn nicht nur den Eliten war reichlich spät aufgefallen, dass die Wohlstandsgewinne seit der Weltfinanzkrise sehr unterschiedlich verteilt worden sind und sich eher in den großen Depots als den kleinen Portemonnaies fanden, dass der lange Aufschwung sich etwa nicht überall in höheren Löhnen niederschlug. Seither begleitet der Topos der „Abgehängten“ unseren Diskurs.

Nun ist das Jahr 2017 viel besser gelaufen als erwartet: Die Wirtschaft wuchs so gut wie seit Jahren nicht mehr, und zwar weltweit synchron – vor allem auch in Europa. Und Donald Trump hielt mit Tausenden Tweets die Welt zwar in Atem, aber die Erwartungen an die Steuerreform und etwas Deregulierung ließen die Börsen boomen. Tatsächlich lieferte der Präsident vor Weihnachten.

Trump ist in Davos der Anti-Held

Das Weltwirtschaftsforum wird in diesem Jahr nun ein Präsenz-Paradoxon erleben: Anfang des Jahres hat Trump sein Kommen angekündigt, und obschon der US-Präsident seit Amtsantritt dauerpräsent ist, stellt sein Erscheinen doch einen Coup dar. Denn erstens wird die Weltelite ihn kollektiv live erleben, ein Showdown für sich, ein Rendezvous mit einem bekannten Unbekannten. Die „Neue Zürcher Zeitung“ erwartet bereits das „Sturmtief Donald“. Und zweitens steht das Weltwirtschaftsforum nicht nur wegen seiner elitären Existenz so ziemlich für das komplette Gegenteil von Trumps Agenda; für globale Kooperation und einen Kapitalismus, der Stakeholder – ganz im Sinne des Gründers Klaus Schwab – an einen Tisch bringt. Trump ist hier der Anti-Held.

Viele Staatsführer haben das Forum geschickt genutzt, um eine Agenda zu verkünden, im vergangenen Jahr war es Chinas Staatschef Xi Jinping, der in seiner Rede (zumindest rhetorisch) das Vakuum fühlte, das die USA unter Trump zu verlassen drohten. Nun also kommt er, das Enfant terrible der Weltwirtschaft – und das Spannende ist ja, dass es dem US-Präsidenten tatsächlich seit Amtsantritt immer wieder gelingt, die globale Elite mit ihren Etiketten und Spielregeln auszuhebeln. Die publizistische und politische Energie, die seit einem Jahr in den Angriff auf ihn gesteckt wird, kontert er mit seinem 180-Zeichen-Trommelfeuer: Mein Aufschwung. Great Work. Fake News. Sloppy Steve. Wir erleben seit einem Jahr einen gigantischen Abnutzungs- und Stellungskrieg.

Insofern: Zahlen gut oder sehr gut, Stimmung dennoch angespannt und verhalten – so ließe sich, die Rekordbörsen einmal ausgenommen, das Weltwirtschaftsbefinden Anfang 2018 auf eine Formel bringen. Überhaupt erleben wir ja einen globalen Aufschwung, dessen Fragilität wie selten zuvor in unseren Köpfen ist – der neue Global Risk Report des WEF etwa sieht die Risiken eher zunehmen, dabei in erster Linie Klima- und Umweltkatastrophen, Cyberkriminalität und neue kriegerische Auseinandersetzungen (während Themen wie Deflation und Inflation vom Radar der Risikoforscher eher verschwunden sind). Es ist ein Boom ohne Euphorie, als würde man dem Frieden nicht ganz trauen – dabei dürfte die Weltwirtschaft vor einem weiteren guten Jahr stehen, und das gilt auch für Europa und insbesondere Deutschland.