FinanzevolutionDigitalisierung ist kein Geschäftsmodell

Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde und in der Wirtschafts- und Finanzpraxis das Buzzwort des Jahres. Immer wieder liest man in diesen Zeiten den Vorwurf an Unternehmen (z.B. hier), sie hätten immer noch keine Digitalstrategie. Ebenso häufig werden Rezepte gepriesen, wie Unternehmen eine Digitalstrategie entwickeln könnten. Das klingt so, als führe man die Digitalisierung wie ein Total-Quality-Management-System oder ein neues Buchhaltungssystem ein. Ich halte das für einen großen Irrtum.

Das was viele heute unter digitale Revolution verstehen, entfaltet seine Wirkung über unterschiedlichste Technologien, die wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie elektronisch in Bits und Bytes abgebildet oder gesteuert werden. Deutlich lässt sich das am Heiligen Gral der IT-Branche, dem „Hype Cycle for Emerging Technologies“ des IT-Analystenhauses Gartner erkennen. In der letzten veröffentlichten Hype Cycle-Übersicht sind 34 verschiedene Technologien zu finden, die nach Auffassung von Gartner im Trend liegen. Daher noch einmal die Frage, was soll eine Digitalisierungsstrategie sein? Ist das eine Strategie für Virtual Reality, Machine Learning, Blockchain oder Brain-Computer Interfaces? Muss nun jedes Unternehmen seine bisherigen Strategien über den Haufen werfen und sich überlegen, wie es seine Kunden mit Hilfe virtueller Realität ansprechen oder seine Geschäfte per Blockchain abwickeln kann?

Strategie nicht von der Technologie her definieren

Es ist eine Binsenweisheit, dass die verschiedenen Technologien, die mit Digitalisierung gemeint sind, Unternehmen weltweit und branchenübergreifend verändern. Allerdings ist seit Beginn der industriellen Revolution die Wirtschaftsgeschichte geprägt von neuen technologischen Entwicklungen. Die erste industrielle Revolution wurde angeschoben durch Erfindungen im Maschinenbau, der Chemie, in der Metallurgie und anderen Bereichen. Erik Brynjolfsson und Andrew Mcafee sehen in ihrem Buch „The Second Machine Age“ übrigens die von James Watt entwickelte Dampfmaschine als die damals wichtigste Technologie an.

Unternehmensberater hätten damals wahrscheinlich Unternehmen eine Dampfmaschinenstrategie empfohlen. Mal abgesehen davon, dass der Strategiebegriff erst im letzten Jahrhundert Einzug in die Unternehmenspraxis hielt, haben die Unternehmen, für die diese neue Technologie nützlich war, vermutlich eine bestimmte Kunden- oder Produktstrategie gehabt. Es macht eher Sinn für die Produktion- und die Gestaltung von Kundenleistungen neue Technologien zu berücksichtigen, nicht aber die Strategie eines Unternehmens von der Technologie her zu definieren, es sei denn das Unternehmen stellt selbst diese Technologie her.

Die Übertragung dieses Gedanken auf die heutige Finanzwelt macht die Trägheit des Strategiebegriffs deutlich. Die jungen Unternehmen der Finanztechnologie (Fintechs), große IT-Unternehmen und Banken befassen sich in ihren Innovationswerkstätten und Digitalfabriken mit vielen neuen Technologien und deren Anwendungsmöglichkeiten. Dazu gehören seit einiger Zeit etwa die verschiedenen Technologien der „Künstlichen Intelligenz“. Diese wird derzeit als Werkzeug für möglichst klar umrissene Aufgaben in Erwägung gezogen. Bringt man etwa einem System mit Trainingsdaten bei, wie eine bestimmte Aufgabe gelöst werden kann, dann wird von schwacher künstlicher Intelligenz gesprochen. Starke „Künstliche Intelligenz“, wie sie etwa in TV-Serien wie „Humans“ oder „Westworld“ demonstriert wird, bleibt vorläufig Science Fiction und ist derzeit für die Praxis nicht relevant (vielleicht in 100 Jahren, wie Stephen Hawking glaubt).