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Post-Homeoffice-Ära Die Zukunft der Arbeit beginnt mit der Mittagspause

Arbeit geht durch den Magen. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Geschäftsverhandlung bei vollem Magen erfolgreicher sind
Arbeit geht durch den Magen. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Geschäftsverhandlung bei vollem Magen erfolgreicher sind
© IMAGO / Westend61
Erinnern Sie sich noch an die Mittagspause? Spätestens seit der Erfindung des Plastiksalats befand sich die Pause im Niedergang – mit dem Homeoffice kam das endgültige Ende. Zeit für eine Wiedergeburt

Die Pandemie verbrachten viele Menschen im Homeoffice. Die großen Fressbuden in den Stadtzentren der Welt standen leer: egal ob versoffene Clubhäuser, Imbissbuden, die sich auf gegrillte Panini spezialisiert hatten oder Köche, die im Campingwagen duftende Hähnchenschenkel auf ein großzügiges Reisbett drapierten. Überall blieben die Kunden aus. 

In den letzten Jahrzehnten verkam das Mittagessen am Arbeitsplatz zum überflüssigen Genuss, in Amerika galt es als Inbegriff für Unproduktivität. Es verschlang wichtige Arbeitszeit, unterbrach den Arbeitsfluss, belastete die Geldbörsen der Arbeitnehmer und führte zu unnötigen Kalorien, die zu Gewichtszunahme und dem gefürchteten „Mittagskoma“ führten. Die Leistung der Mitarbeiter soll am Nachmittag schlagartig eingebrochen sein, hieß es.

Vor der Pandemie aßen mehr als 60 Prozent der US-amerikanischen Berufstätigen am Schreibtisch zu Mittag, mehr als die Hälfte aß allein zu Mittag, und mehr als ein Drittel machte, wenn überhaupt, nur selten eine Mittagspause. Sicher, einige Start-ups investierten in grünkohllastige, subventionierte Brotaufstriche, aber für die meisten war das Mittagessen eine überholte Dekadenz – „eine Mahlzeit für Weicheier“, wie Gordon Gekko im Film Wall Street sagte. 

Wir brauchen ein Comeback der Mittagspause

Doch wissen Sie, was tatsächlich etwas für Schwächlinge ist? Zu Hause in der Jogginghose sitzen, den Laptop auf den Küchentisch zu stellen und halbgesunden Hummus auf Crackern zu essen, während im Hintergrund der Zoom-Call dröhnt. 

Es ist an der Zeit für ein Comeback der Mittagspause. Für Büroangestellte, die in ihr Büro zurückkehren. Für Heimarbeiter, die einen Grund suchen, das Haus zu verlassen. Für die Millionen, die im Hybridexperiment feststecken und etwas brauchen, das ihre Seelen und Mägen stärkt. 

Warum ausgerechnet ein Mittagessen? Ganz einfach, ein Frühstücks-Meeting würde die morgendlichen Routinen komplett auf den Kopf stellen, alle zu wecken und eine Fahrgemeinschaft zu bilden, wäre schlicht zu viel Aufwand. Das Abendessen hingegen ist zu lang und zu teuer – ein Marathon aus Essen und Trinken, der mit Ernsthaftigkeit und Konsequenz verbunden ist. Das Mittagessen aber ist sehr anpassungsfähig und demokratisch. Ob ein Dutzend Eisenarbeiter auf einem Stahlträger Sandwiches essen oder zwei Vorstandsvorsitzende in einem privaten Speisesaal eine Fusion aushandeln, das Mittagessen ist immer ein Erfolg. Es kann ein Spaziergang im Park, etwas zum Mitnehmen oder ein mehrstündiges Festmahl in einem chinesischen Restaurant sein. 

Ob wir nun zu Hause oder im Büro arbeiten, die meisten von uns verbringen den Tag im Sitzen. Aber unser Körper braucht eine Pause von dieser räumlichen Monotonie. Eine finnische Studie aus dem Jahr 2016 zeigte bereits, dass Arbeitnehmer, die ein Jahr lang eine richtige Mittagspause einlegen und sich in dieser Zeit physisch und psychisch von ihrer Arbeit lösen, am Nachmittag mit mehr Energie zurückkehren. 

Gute Ideen entstehen in einer freien Umgebung

Auf dem Weg zum Essen und während dem Essen sammeln wir außerdem wichtige Informationen. Diese Informationen, die sich oft zufällig ergeben, erweisen sich als sehr wertvoll. Andreas Hoffbauer, Berater für organisatorisches Verhalten, nennt dies „embodied cognition“: ein tieferes Verständnis, das wir über die Welt gewinnen, indem wir uns jeden Tag in ihr bewegen. Selbst etwas so Banales wie eine Werbung auf dem Weg zur Arbeit, kann zu einem bahnbrechenden Gedanken führen.

Wie wir alle im ohrenbetäubenden Lärm der Schulcafeteria gelernt haben, ist das Mittagessen eigentlich nur ein willkommener Anlass für Gespräche. Dabei geht es nicht um die geplanten, durchdachten Gespräche auf Zoom, sondern um Gespräche, die sich ergeben, wenn Menschen beim Essen von Angesicht zu Angesicht sitzen. Diese Gespräche schwanken zwischen Privatem und Beruflichem, sie sind gespickt mit Anekdoten und Erkenntnissen, die sich organisch zwischen Eiersalat und Ramen entwickeln. Die besten Ideen beginnen mit einer beiläufigen Bemerkung oder einer beiläufigen Beobachtung, mit der Zeit entwickelt sie sich zu etwas Größerem. 

Ein gemeinsames Mittagessen nährt langfristiges Vertrauen, online oder durch Arbeit allein ist das viel zu schwer. Ein gemeinsames Essen bringt eine soziale Komponente in formelle Beziehungen, ohne eine obligatorische Cocktailparty oder künstliches „Teambildung“ zu sein. Beim Mittagessen entspannen sich die Leute. Sie öffnen sich, wenn auch nur kurz, und teilen ihre Gedanken freier mit, als sie es im Büro oder bei einem Videoanruf täten. 

Und ja, all das kann überraschende Folgen haben. Vor einem Jahrzehnt führte Lakshmi Balachandra, eine außerordentliche Professorin für Unternehmertum am Babson College, ein Experiment durch. Sie ließ zwei Gruppen von MBA-Studenten über ein komplexes Joint Venture verhandeln – eine Gruppe verhandelte beim Mittagessen, die andere im Sitzungssaal. Balachandra kam zu dem Schluss, dass die Teilnehmer, die zu Mittag aßen, deutlich mehr Gewinn aushandelten als ihre hungrigen Kommilitonen. Die Lektion:  Keine Geschäfte bei leerem Magen.

Während Unternehmen und Angestellte sich in der post-Covid-Zukunft damit abmühen, die Zukunft der Arbeit zu gestalten, sollten sie vielleicht mehr über das Zeitfenster in der Mitte des Tages nachdenken. Dann, wenn die Energie niedrig ist und die Sonne hochsteht, kann jeder eine Pause gebrauchen. Vielleicht ist das Mittagessen sogar die Zukunft der Arbeit. 

Nehmen Sie sich also diese Stunde. Lösen Sie sich von Ihrem Schreibtisch und machen Sie sich auf die Suche nach etwas Leckerem. Wenn Sie mit anderen zusammen sind, legen Sie Ihr Telefon weg und geben Sie sich dem Gespräch hin. Machen Sie Witze. Erzählen Sie Geschichten. Essen Sie einen Keks. Genießen Sie den Augenblick. Wenn Sie es richtig anstellen, könnte es der beste Teil Ihres Arbeitslebens sein. 

Lasst uns zu Mittag essen. 

Dieses Essay entstand übrigens bei Mapo-Tofu, geschmortem Zackenbarsch und Dan-Dan-Nudeln im Restaurant Land of Plenty, zwei Blocks entfernt vom Bloomberg-Haupsitz in New York. 

© 2022 Bloomberg L.P.

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