LesestoffDie große Dürre

Vier Jahre hat es in Kalifornien nicht mehr richtig geregnet. Die Dürre ist überall. Die Erde ist wie Staub, Wind bläst sie über die Felder
Vier Jahre hat es in Kalifornien nicht mehr richtig geregnet. Die Dürre ist überall. Die Erde ist wie Staub, Wind bläst sie über die Felder
© Justin Kaneps

Der Typ zeigte ihm den Mittelfinger. Don Barton zuckte zusammen. An der Ampel kurbelte der Fremde das Autofenster herunter und brüllte: „Raus aus Kalifornien! Ihr ruiniert unser Land!“ Barton schrumpfte hinter dem Lenkrad, starrte geradeaus. Warum schrie der Typ ihn an? Was wollte der? Und was sollte er jetzt tun? „Es war bestimmt mein Autokennzeichen“, sagt er. „Das hat mich verraten.“

Er hatte jahrelang gewartet, bis das Nummernschild da war und er es an seinen goldfarbenen Hyundai schrauben konnte. Statt irgendwelcher Zahlen und Buchstaben stand da jetzt: WALNUT. Sein Kennzeichen entlarvte ihn als das, was er ist: ein Walnuss-Bauer – und damit einer der schlimmsten Wasserverschwender, glauben viele Kalifornier. Auch der Fremde mit dem Stinkefinger. „Es war ein schrecklicher Moment“, sagt Barton. „Es hat wehgetan.“

Kalifornien trocknet aus

Das grüne Paradies an der Westküste, der Golden State, steckt in der schlimmsten Dürre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es fehlt ein gesamter Jahresregen. Und jeder streitet mit jedem: Die Städter, die ihre Vorgärten nicht mehr sprengen dürfen, mit den Bauern, die weiter bewässern – die Landwirtschaft verbraucht viermal so viel wie alle Siedlungen zusammen. Die Bauern streiten mit den Fischern, für die Trinkwasser in den Ozean gepumpt wird, damit die Lachse nicht sterben. Die Golfer mit den Paddlern. Die Klimaschützer mit den Klimawandel-Leugnern.

Es ist wie in dem Popklassiker aus den 70er-Jahren: It never rains in California!

Es ist nicht irgendein Flecken Erde, der hier brüchig und rissig und staubig wird. Es ist die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, die Heimat von Hollywood und dem Silicon Valley, von Steve Jobs und Elon Musk und den innovativsten Unternehmen der Welt: Apple, Google, Facebook, Tesla, sie alle haben sich Kalifornien ausgesucht, weil hier die Dichter, Denker, Erfinder, Stars und Hippies zusammenkommen.

Es geht um die Existenz

Wer eine Idee hatte, wer sein Leben spannend machen wollte, ist nach Kalifornien gezogen. Kalifornien war Glamour, Hightech, Schönheit, Leichtigkeit, Geld und Träume. Seit Anfang der 60er-Jahre hat sich die Zahl der Menschen verdoppelt, die Volkswirtschaft vervierfacht.

Der Staat kannte Krisen: Haushaltslöcher, Stromausfälle, Erdbeben – und hatte immer eine Lösung. Kann das so weitergehen, inmitten der Jahrhundertdürre? Kann Los Angeles die Bling-Hauptstadt bleiben, wenn die Menschen nur noch fünf Minuten duschen dürfen? Können junge Gründer noch kluge Ideen haben, wenn es an den elementarsten Dingen fehlt? Werden die Touristen noch nach Palm Springs fliegen, wenn die Palmen vertrocknen?

Ist Kalifornien „over“?