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Weltwirtschaftsforum Die Weltwirtschaft, eine Großbaustelle

Ein Besucher des Weltwirtschaftsforum macht ein Selfie nach dem Ende der Veranstaltung
Ein Selfie zum Abschluss: Das Weltwirtschaftsforum in Davos ging am vergangenen Freitag zu Ende
© IMAGO / Xinhua
Die Globalisierung ist unter Beschuss, die Weltwirtschaft scheint zerrissen – über diese Diagnose wurde auch in Davos diskutiert. Was aber ist nun die Lösung?

Vor einigen Jahren gab es in Davos eine geflügelte Floskel: „inclusive growth“ – also inklusives Wachstum. Es ging um jenes Wachstum, das einst Ludwig Erhard so treffend mit „Wohlstand für alle“ umschrieben hat. Viele CEOs und Politiker spürten in den Jahren um 2016/2017, dass ihnen die Globalisierung ein wenig um die Ohren zu fliegen drohte. Diese hatte über die Jahrzehnte zwar zuverlässig viel Wohlstand für sehr viele Menschen gebracht und Hunderte Millionen vor allem in Asien aus der Armut in die Mittelschicht gehievt – doch in den alten Industrieländern war das Bild gemischter.

Also sprach man über „inklusives Wachstum“ und „Abgehängte“, in immer neuen Reden und Analysen, ohne eine Lösung zu finden. Dann kam Corona, dann der Krieg – und mit Schrecken musste die Weltelite feststellen, dass die Welt mehr zerreißt als gedacht. Seitdem gleicht die Weltwirtschaft einer Großbaustelle.

Das Weltwirtschaftsforum war insofern immer auch ein Spiegel des Zustands der Globalisierung – 2017 hatte Donald Trump dort einen grimmigen Auftritt –, aber auch ein Hort jener, die bei allen Problemen und Ungleichheiten überzeugt waren, dass die globale Vernetzung und Arbeitsteilung eine gute Idee waren.

Und so wurde auch dieses Jahr in Davos der Zustand der Globalisierung besichtigt, wobei das Motto der Konferenz schon nichts Gutes verhieß: „Kooperation in einer fragmentierten Welt“. Etwas optimistischer spricht man von einer „multipolaren Welt“ — einer Welt also, die nicht wie früher in zwei Blöcke zerfällt, aber auch nicht weiter zusammenwächst, sondern in etwas diffuse Einflusssphären zerbricht. Und Unternehmen, die weltweit agieren, tun gut daran, nicht zwischen die Fronten zu geraten. 

Was aber waren nun die Erkenntnisse und Lehren? Was wird aus der totgesagten Globalisierung?

Man sollte bei jenen beginnen, die noch nach vorne schauen. Davos war immer auch ein Symbol für die Verschiebungen der Weltwirtschaft, was man daran erleben konnte, wer sich in immer größeren Pavillons und Häusern präsentierte: Indonesien, Malaysia – und vor allem Indien. Indien gilt, seitdem China von immer mehr Fragezeichen umzingelt wird, einmal mehr als der große Hoffnungsmarkt.

Große Bühne für aufstrebende Mächte 

Auf der großen Promenade in Davos, wo während des Weltwirtschaftsforum sämtliche Läden und Restaurants weichen, ausgeräumt und umgebaut werden, präsentierte Indien sich nicht nur einmal, sondern mehrmals: Eine den Europäern wohl eher unbekannte Provinz wie Telangana warb für Investitionen, Tech-Konzerne wie Wipro oder Infosys reihten sich zwischen die Häuser von Salesforce, Amazon und SAP. Die Party der IT-Berater von Tata Consultancy Services, vor Jahren noch ein Geheimtipp, ist längst ein Muss (mit der besten Location). Auch die Vereinigten Arabischen Emirate warben auf einem weißen Flachbau mit dem Claim „Impossible is Possible“. Neben dem Uber-Haus präsentierte sich stolz Neom, die gigantische Wüstenfantasie Saudi-Arabiens.

Infosys-Pavillon in Davos
Infosys-Pavillon in Davos
© Getty Images

Kann es also sein, dass die Welt in diesen Regionen ganz anders wahrgenommen wird? Ist es also nur der „alte Westen“, der auf die Zerfallserscheinungen fixiert ist?

Europa hat sich von der Promenade seit Jahren nahezu verabschiedet; die Griechen und Polen dieses Jahr ausgenommen. Die Deutschen hatten dieses Jahr zwar den Kanzler und mit Robert Habeck und Christian Lindner zwei Minister als Teilnehmer. Auch Karl Lauterbach irrte herum. Die Rede von Olaf Scholz aber sorgte für Kopfschütteln und Erstaunen, angesichts ihrer Langweiligkeit und Farblosigkeit. Scholz zählte vor der Weltelite tatsächlich die neuen LNG-Terminals samt Kubikmetern einzeln auf – „This ist the new Deutschlandgeschwindigkeit!“.

Aber was können Inder und Araber mit Namen wie Brunsbüttel und Lubmin anfangen? Die kleinen Staaten wie Finnland, Niederlande oder Belgien sind da präsenter und geschickter – und man muss bekennen: Sie präsentieren sich smarter, nicht nur weil ihre Regierungsvertreter meist geschliffen Englisch sprechen.

China und die USA sind kaum präsent

Die Belgier luden gar zu einem Event mit dem Titel „Repowering Europe’s Industry“, als seien sie das Kraftzentrum Europas – und warteten mit Industriegrößen wie Aditya Mittal, dem jungen CEO des Stahlkonzern ArcelorMittal und Ilham Kadri, der Chefin des Chemiekonzerns Solvay, als Gäste auf. Deutschland machte nicht mal einen Stehempfang.

Belgien veranstaltete einen großen Empfang in Davos
Belgien veranstaltete einen großen Empfang in Davos
© IMAGO / Belga

Mark Rutte, Premierminister der Niederlande, absolvierte ein wahres Panel-Hopping, und brachte Europas Herausforderung in einer Runde mit EZB-Chefin Christine Lagarde und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing auf den Punkt: „Ich möchte nicht, dass Europa ein Museum wird.“ Europa, sagte er, müsse in dem neuen Spiel der Globalisierung „ein Spieler und kein Spielfeld“ sein – und auf Augenhöhe mit USA und China handeln.

Womit wir bei jenen Mächten wären, die das Weltgeschehen bestimmen – die aber in Davos kaum vertreten waren. Das frisch wiedereröffnete China schickte immerhin den Vizepremier Liu He, der höflich die Rückkehr Chinas in die Weltgemeinschaft versprach. 2017 noch hatte Xi Jingping sich persönlich als Ersatzspielmacher der Globalisierung in Davos präsentiert, als erster Staatschefs des Landes in Davos. Er nutze damals das Vakuum, dass die USA unter Trump erzeugt hatten, und formulierte einen Führungsanspruch an all jene, die immer noch an Freihandel und Kooperation glaubten. „Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft“, sagte Xi damals. Alle Länder seien voneinander abhängig. „Wir müssen Nein sagen zum Protektionismus.“ Man weiß, wie die Geschichte verlaufen ist.

Womit wir bei den USA wären, die diesmal durch ihre Regierung im Prinzip nicht vertreten waren. Ein paar Senatoren und Figuren der zweiten Reihe, ein bleicher John Kerry – aber kein Minister mit Gewicht, kein Vizepräsident oder gar Präsident. Es war fast ein Affront, dass sich in der Woche Finanzministerin Janet Yellen mit Vizepremier Liu nach dessen Auftritt in Zürich traf – aber nicht nach Davos kam. Dafür war ein Kürzel omnipräsent: IRA. Der „Inflation Reduction Act“, dessen Name in die Irre führt. Längst wird er als Kampfansage an die Welt verstanden, als grünes ,Buy American‘“.

„Kontrastfolie für Europa“

Immer mehr Stimmen sagen allerdings, man solle sich vom IRA nicht verunsichern lassen oder gar mit wütendem Protektionismus antworten. Von einer „regelrechten Panikstimmung“ in Europa sprach der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, der in der Ampel-Regierung in Berlin bestens verdrahtet ist: „Alle sagen: Oh Gott, die Amerikaner! Die machen mit ihrem Protektionismus unsere Industrie kaputt!“ Die Heftigkeit erstaunt ihn.

Die USA, sagt Tooze, seien immer „die Kontrastfolie für Europa“. Erst habe man sich gefreut, dass die Amerikaner endlich Hunderte Milliarden in den Klimaschutz stecken wollen. Nun wundere man sich, wie „schnell, groß und rücksichtslos die USA das Ganze durchziehen“. Der IRA seit mit einem Volumen von 500 Mrd. Dollar „die größte industriepolitische Antwort auf die globale Klimakrise“. Die Europäer müssen laut Tooze lernen, wie Chinesen und die Amerikaner Eigeninteressen zu verfolgen, aber „geschickt und clever“.

Der Deutschland-Chef der Berater Bain & Company, Walter Sinn, reiht sich behutsam ein in den Chor. Er sei zwar ein überzeugter Marktwirtschaftler. Aber der IRA sei „aus der Sicht der USA der richtige Schritt. Sie machen Europa vor, wie es geht.“ Und solle Europa mit einer eigenen Industriepolitikantworten? „Das müssen wir“, sagte Sinn. „Zumindest wird die grüne Transformation ein wichtiges Element der Industriepolitik.“ Das bedeute nicht, dass man wieder neue Regeln und Vorschriften erfinde. „Aber die Akzentsetzung des IRA ist nicht überbordend. Er ist vergleichsweise einfach: Er unterstützt und incentiviert entscheidende Investitionen. Das finde ich eine gute Industriepolitik.“

Vermutlich ist es also mit der Globalisierung wie mit Mark Twain: Die Nachricht von ihrem Tod ist stark übertrieben. Sie folgt bloß anderen Regeln, Kräfte und Energiefelder haben sich verschoben. „Ich glaube nicht an das Ende der Globalisierung im Sinne der globalen Zusammenarbeit“, sagt auch Sinn. „Die wird es weiterhin geben – und geben müssen. Die Spielregeln werden nur neu definiert.“

Man sollte zudem die Vergangenheit nicht idealisieren: Auch früher schon gab es Interessen und Eigeninteressen – solange der Kuchen, der verteilt werden konnte, größer wurde. Und hier liegt tatsächlich eine Gefahr. Diese brachte bei einem Abendessen – an dem auch Christiane Lagarde und ein halbes Dutzend EU-Kommissare teilnahmen – IWF-Chefin Kristalina Georgieva sogar auf eine Zahl. Der Umbau der Lieferketten, die Verlagerung von Produktion im großen Stil müsse mit Augenmaß erfolgen: „Wenn wir uns benehmen wie der Elefant im Porzellanladen“, so Georgieva, „könnten die Kosten auf bis zu sieben Prozent der globalen Wirtschaftsleistung steigen.“ Es ginge so viel Wohlstand verloren, wie Deutschland und Japan zusammen auf die Waage bringen.

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