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Weltwirtschaftsforum Das war Davos 2023 – in drei Schlüsselsätzen

Wolodymyr Selenskyj
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach per Video zu den Teilnehmern
© Markus Schreiber / picture alliance/AP
Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein großer Zirkus aber auch ein Seismograf für den Zustand der Welt. Horst von Buttlar zieht seine ganz persönliche Bilanz der Veranstaltung in drei Schlüsselsätzen

Nach fünf Tagen in Davos bleibt ein Gefühl der Fülle und der Leere: Es wurde alles gesagt, und zwar mehrmals und von vielen, auf Hunderten Panels, Sessions, Empfängen und Partys. Der Planet ist ausanalysiert. Aber haben wir Klarheit? Lange wurde nicht mehr so um Hoffnung gerungen, um die richtige Portion an Optimismus.

Die Tage beginnen hier mit großen Frühstücken und ersten hochkarätigen Diskussionen, sie enden mit „Nightcaps“ bis spät nach Mitternacht. Dazwischen: viele Begegnungen, oft aus Zufall. Und die Frage ist dann, ob man nun klüger ist oder verwirrter. Ob die Weltelite auf dem Weltwirtschaftsforum etwas erreicht hat oder nicht – was zu der ewigen Kritik an Davos führt: ob solche Treffen noch zeitgemäß sind und sich lohnen.

Nun, natürlich ist dieses Davos eine Blase, ein Zirkus und Spektakel, und doch irgendwie einmalig, weil die „Ergebnisse“ eher unsichtbar sind. Wenn das fünftägige Treffen in den Schweizer Bergen nichts bringen würde, würden nicht 2700 Menschen kommen – es sei denn, sie spürten einen elitären Gruppenzwang und hätten Angst, etwas zu verpassen.

Ich habe für Sie das ganze einmal sortiert, nicht umfassend und abschließend, sondern in den kleinen Ausschnitten, wie ich es erlebt habe; und deshalb bekommen Sie von mir das Weltwirtschaftsforum in drei Sätzen. Denn ein Seismograf ist Davos in jedem Fall, selbst wenn es hier jede Menge Herdentrieb in der Analyse des Erdballs gibt.

  • „2023 wird ein schwierigeres Jahr als 2022“ (Kenneth Rogoff, Harvard-Ökonom)

Diesen Satz sagte mir Kenneth Rogoff schon am Montag, als sich die Hallen und Hotels langsam füllten und ich ihn im Kongresszentrum traf. Der Satz war interessant, weil er als Warnung herausstach. Denn die Mehrheit der Politiker und Wirtschaftsführer verbreitete dieses Jahr Optimismus und Hoffnung, in Zeiten, in denen Menschen sich nach Hoffnung sehnen und nicht nach immer neuen Beschreibungen von Krisen, die inzwischen als „Poly-Krisen“ zusammengefasst werden. „Die Rezession wird milder ausfallen als erwartet“ – oder ganz ausfallen. Das war in etwa die Konsensformel, die der IWF Anfang der Woche nochmal bekräftigte. Allenfalls Notenbanker wie EZB-Chefin Christine Lagarde dämpften in Davos die Aufbruchstimmung, in dem sie mehrfach betonten, dass die Inflation schlicht zu hoch sei. Die Botschaft: Sie stehen bereit, die Zinsen weiter zu erhöhen.

Rogoff aber war noch verhaltener: „2023 wird ein sehr schwieriges Jahr werden“, sagte er. Denn 2022 sei von den Wachstumsdaten noch ein gutes Jahr gewesen (rund drei Prozent). Eine Rezession sei 2023 wahrscheinlich. Und wenn sie ausfalle, nun, dann rede man allenfalls von einem Wachstum in Europa von 0,1 Prozent. „Das warme Wetter – die globale Erwärmung! – war Europas Freund“, sagte Rogoff.

Aber war 2022 mit dem Krieg nicht schon schlimm genug? Der werde auch 2023 weitergehen, so Rogoff. „In letzter Zeit gab es ein paar gute Nachrichten, an die man sich dann klammert. Alle greifen nach Strohhalmen, wenn sie meinen, dass das Schlimmste vorbei ist.“ Puh. Also doch keine Hoffnung?

Vermutlich erleben wir eine Vorstufe dessen, was vor einigen Monaten schon der Berenberg-Ökonom Holger Schmieding in unserem Podcast „Die Stunde Null“ als „Spring of Relief“, als „Frühjahr der Erleichterung“ bezeichnet hat. Wenn die Menschen das Gefühl hätten, den Winter ohne jene Abgründe überstanden zu haben, die wochenlang heraufbeschworen wurden, dann werde sich die Stimmung drehen.

Hinzu kommt, dass viele Experten, CEOs und Ökonomen nach so vielen Krisen und Schocks selbst verunsichert sind, ob ihre Modelle noch alles voraussagen. Die Realität ist für Unternehmen, dass sie ihre Lieferketten immer noch sortieren, dass Rohstoffe teuer sind und die Zinsen höher, und all das zwischen Re-, Near- und Friendshoring-Plänen. Wie diffus Hoffnungen sind, zeigt der Blick auf China: Die Öffnung nach der Covid-Kehrtwende dürfte einen Boost für die Weltwirtschaft bringen – das sagt auch Rogoff. Wenn China aber wieder mehr Öl und Gas nachfragt, könnte das die Preise anheizen. Millionen chinesischer Touristen, die wieder die Welt bereisen, könnten zudem eine neue Covid-Variante verbreiten.

  • Fokussiert euch auf die Ukraine, nicht auf Putin – und seinen nuklearen Nonsens“ (Boris Johnson)

Die Ukraine war omnipräsent, nicht nur mit mehreren Veranstaltungen und ihrem „Ukraine House“ auf der Promenade in Davos. Das Bekenntnis, dem Land bis zum Ende beizustehen, wurde oft geäußert und beschworen – von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Premierministern wie Mark Rutte aus den Niederlanden oder amerikanischen Senatoren (die Biden-Regierung war kaum vertreten in Davos).

Zweimal wurde Wolodymyr Selenskyj live zugeschaltet, einmal am Tag des tragischen Todes seines Innenministers. Selenskyjs Frau hielt eine Rede im Kongresszentrum. Besonders das „Ukrainische Frühstück“ am Donnerstag war bewegend, nicht nur wegen der Schweigeminute, sondern wegen seiner Teilnehmerzahl und Prominenz.

Auf dem Podium saßen neben Blackrock-Chef Larry Fink und Goldman-Sachs-CEO David Solomon auch Kanadas Finanzministerin Chrystia Freeland – die früher als Journalistin in der Ukraine gearbeitet hat – sowie Boris Johnson, der ehemalige Premierminister Großbritanniens. Wenn man ihm zuhörte, spürte man, warum man ihn manchmal auch vermisst. Er bekam viel Applaus von den ukrainischen Gästen, seine frühen und vielen Reisen nach Kiew sind nicht vergessen. Johnson sagte, der Westen sei immer noch zu fixiert auf Putin und seinen „nuklearen Nonsens“. Er werde keine Atomwaffen einsetzen. Man solle sich nicht dauernd Putins Kopf zerbrechen. „Fokussiert euch auf die Ukraine, nicht auf Putin“, sagte Johnson. „Gebt ihnen die Panzer! Sie werden gewinnen, wir müssen ihnen helfen, so schnell wie möglich zu gewinnen.“

Interessant war die Rolle von Larry Fink und David Solomon. Goldman Sachs und Blackrock arbeiten im Hintergrund, im Verbund mit Milliardären wie dem Australier Andrew Forrest, an einem Wiederaufbauplan für die Ukraine. Mit einer Mischung zwischen Stiftung und Plattform, an der real und virtuell mit Ukrainern gefeilt wird. Goldman Sachs hatte im Herbst eigene Leute als Berater nach Kiew entsandt, Larry Fink Ende des Jahres mit Selenskyj vereinbart, dass Blackrock bei den Investitionen nach Kriegsende die Ukraine unterstützt und berät. „Wir werden eine neue Ukraine schaffen“, sagte Fink, der die Kosten für den Wiederaufbau auf 750 Mrd. Dollar taxierte. „Die Ukraine wird mit Kapital geflutet werden.“ Das Land könne „ein Leuchtfeuer der Hoffnung“ werden.

Die Pläne erinnern an das typisch amerikanische „Nation Building“, was immer etwas zu groß und idealistisch daherkommt. Dass aber die größten Vermögensverwalter und Banken der Welt – die sicherlich auch Geschäfte wittern – bereits jetzt an die Zeit nach dem Krieg denken, ist spannend.

  • „Für Tech-Unternehmen ist es nun Showtime“ (Satya Nadella, CEO Microsoft)

In Davos werden jedes Jahr auch die großen technologischen Trends und Transformationen diskutiert und beschrieben, sei es die Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz – natürlich der Wunderchatbot ChatGTP oder Quantencomputer, deren mögliche Wucht in der fernen Zukunft dieses Jahr mehrfach Thema war.

Aber diesmal war die Stimmung anders, weil viele in der Techbranche auf den harten Boden ihrer Bilanzen gefallen sind – nur mit Zukunftsvisionen lässt sich kein Geld verdienen. „Für Tech-Unternehmen ist es nun Showtime“, sagte dazu Satya Nadella in Davos, der Chef von Microsoft. Pikanterweise wurde zeitgleich an der fernen US-Westküste verkündet, dass Microsoft 10.000 Menschen entlässt.

Damit reiht sich der Softwarekonzern ein in eine Kündigungswelle, sei es bei Meta, Amazon, Alphabet oder Salesforce. Diese Unternehmen hatten in der digitalen Boomphase während der Pandemie noch atemlos Tausende Leute eingestellt. Nadella sagt, die Tech-Industrie müssen nun liefern, ihre Produkte auch einführen und verbreiten – auf dass sie Mainstream werden und für Kunden einen Nutzen entfalten. In Zeiten der Inflation hieße das: Wie kann Software helfen, Kosten zu senken und die Produktivität zu erhöhen? (Das ganze Gespräch können Sie sich hier anschauen.)

Vielleicht fragen Sie sich, wo bei allem der Klimawandel bleibt. Nun, der zog sich wie die Inflation, die Rezession und der Frieden in Europa durch die ganzen Tage und Panels. Tenor: Wir wissen, was zu tun ist. Es passiert zwar endlich etwas, aber nicht genug.

Letzteres beklagte Greta Thunberg, die nach ihrer Theatervorstellung in Lützerath nach Davos reiste, drei Jahre nach ihrer berühmten „The House is on Fire“-Rede. Sie sagte, die Weltelite stelle weiterhin Profite über den Planeten. Auch der US-Politiker und Klimaschützer Al Gore erinnerte in einer furiosen Wutrede daran, dass trotz aller Versprechungen die CO2-Emissionen immer noch steigen würden – der fünftägige Stau der schwarzen Limousinen, die sich im Schritttempo durch Davos wälzten, wirkten hier wie ein qualmendes Mahnmal.

Was bleibt? Die Welt fällt auseinander – und gut, dass wir darüber geredet haben? Ich denke, es geht weniger um die Frage, ob man Probleme kleinredet oder aufbläst. Sondern dass man sie erkennt, versteht und an ihre Lösbarkeit glaubt. Denn sonst bleiben nur Lähmung und Ohnmacht.

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