Kolumne Die verkannte Stärke der Daimler AG

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Wert der Daimler-Aktien hat sich seit Jahresbeginn halbiert. Doch der Stuttgarter Autohersteller dürfte aus der jetzigen Krise stärker herauskommen als viele Konkurrenten

„Herb“, „massiv“, „heftig“ oder gar „deftig“ – für den Gewinneinbruch bei der Daimler AG griffen die Medien Ende letzter Woche tief in die dramatische Wortkiste. Und fast 80 Prozent Minus beim Vorsteuergewinn sind ja auch ein Wort. Und doch sollte man die Zahlen für das 1. Quartal dieses Jahres eigentlich ganz anders lesen, denn überraschend ist das Ergebnis bei geschlossenen Fabriken und Showrooms ja nicht Die Corona-Krise schlug im März überall auf der Welt kräftig zu – und zuvor ging schon auf dem Schlüsselmarkt China so gut wie gar nichts mehr. Die eigentliche Nachricht also lautet: Daimler ist selbst unter diesen Bedingungen noch in den schwarzen Zahlen geblieben und bringt immerhin noch 617 Millionen Euro herein. Das können beileibe nicht alle Hersteller von sich behaupten.

Der Kurs der Daimler-Aktie hat sich seit Jahresbeginn ungefähr halbiert – und ist damit stärker gefallen als zum Beispiel die Papiere von VW oder BMW. Fundamental gibt es dafür eigentlich keine Begründung. Wer in diesen Wochen wissen will, wie stark die jeweiligen Autounternehmen durch die jetzige Krise kommen dürften, muss sich andere Zahlen anschauen. Zum Beispiel die Liquidität der Konzerne. Nach den Berechnungen der Analysten von Jeffries würde Fiat-Chrysler einen völligen Shutdown mit Nulleinnahmen zum Beispiel nur ganze drei Monate durchhalten – Daimler aber ein ganzes Jahr. Auch die Risikoaufschläge auf den Finanzmärkten sprechen Bände: Ford musste zuletzt einen heftigen Coupon von 9 Prozent für eine neue Anleihe zahlen, Daimler dagegen nur 2,625 Prozent. Das ist zwar immer noch ein hoher Zins verglichen mit den bisherigen Refinanzierungskosten, aber immerhin noch verkraftbar.

Daimler muss Kooperationen suchen

Natürlich muss Daimler in der Krise kräftig sparen und seine Strukturen stärker unter die Lupe nehmen als andere Konzerne, die bereits früher voll auf die Kostenbremse getreten haben. Vor allem aber muss sich Daimler-Chef Ola Källenius endlich dazu durchringen, nicht mehr alles im eigenen Konzern selbst entwickeln zu wollen. Die Corona-Krise erzwingt mit Macht eine weitere globale Konsolidierungsrunde in der Autoindustrie. Doch der „Economist“ betont zu Recht, nach den eher schlechten Erfahrungen mit Fusionen in der Branche, dürfte die Konsolidierung dieses Mal eher durch verstärkte Kooperation erfolgen. Gerade Konzerne wie Daimler könnten in den nächsten Jahren Milliarden Euro sparen, wenn sie ihr technisches Know-how mit anderen Herstellern teilen. Das Interesse daran ist riesig – vor allem in China.

Am Ende kommen die Konzerne am besten durch die Krise, die solide Finanzen mit schneller Anpassungskraft und mutigen Entscheidungen koppeln. Denn fast alle Parameter, an die sich die Branche gewöhnt hatte, verschieben sich. Die Corona-Krise verlangsamt den Trend zum Elektroauto erst einmal, ohne ihn jedoch zu brechen. Carsharing ist erst einmal weitgehend out und die Frage ist, ob sich der Trend jemals wieder so stark entwickelt wie ursprünglich erhofft. Auch der Stellenwert der einzelnen Märkte verändert sich stark – mit China erst einmal auf der Gewinnerseite. Bisher hat sich Ola Källenius nicht als schneller und mutiger Entscheider profiliert. Andere Konzernchefs wie beispielsweise Herbert Diess bei VW kommunizieren besser. Wahrscheinlich erklärt das die Schwäche der Daimler-Aktien viel besser als alle harten Zahlen, die bei näherem Hinsehen gar nicht so schlecht sind.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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