ReportageDie Sinfonie des Kaufens

Mall of Berlin
Mall of Berlin: Das Projekt LP12 verbindet Shoppingmall, Büros und Wohnen
© HGHI

Dieser Blick durch die weite ­Passage direkt auf den Bundesrat ist schon großartig. Aber was ist jetzt mit C&A? „Wann ist das fertig? Wann können die rein?“, fragt Harald Huth. Um den Papierkram kümmert er sich selbst, wichtig ist, dass der Innenausbauer vorankommt. „Schick mir jeden Tag ein Bild. Einfach mit Whatsapp.“ Weiter geht es, den Handystöpsel immer im Ohr. Genehmigungen, Zahlungen, Termine – auf Schritt und Tritt ist etwas zu klären an diesem kalten Tag im Februar.

Die Zeit drängt auf der Großbaustelle am Leipziger Platz. Über 270 Geschäfte, 76.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Dazu Büros, Apartments, ein Hotelbereich, sogar ein kleiner Sportplatz im Innenhof.

Harald Huth ist der Projektentwickler, ein Immobilienprofi, der mit seinen 44 Jahren in Berlin und Umgebung schon eine Reihe großer Shoppingcenter gebaut hat. Der nüchterne Schlaks mit dem Dreitagebart ist nicht der Typ, der sich auf Promi-Bällen inszeniert. Doch das Ziel, das er sich mit seinem zehnten Projekt gesetzt hat, ist historisch: „Ich will den Berlinern ihre Mitte zurückgeben.“

Die Rückkehr des Shoppings an den Leipziger Platz, die sich in den vergangenen Wochen immer wieder verzögert hat, wird für die Hauptstadt eine kleine Wiedergeburt sein, denn jahrzehntelang verlief hier nur noch der sandige Todesstreifen der Mauer. Davor war an dieser Stelle die beliebteste Einkaufsmeile Berlins. Nun wächst die Stadt wieder in ihre alte geografische Ordnung.

Schlusspunkt in einem Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte

Auf den zweiten Blick zeigt die Mall of Berlin freilich auch, wie radikal sich die Geschäftsmodelle verändert haben, seit hier im Bombenhagel des Kriegs die Lichter ausgingen: Wenn Harald Huth seine Passagen öffnet, dann ist das auch der Schlusspunkt in einem Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Früher drängten sich am Leipziger Platz die Besucher ins Wertheim, in die Konsumkathedrale der Nation, das größte Warenhaus Europas, dessen Säle sich zu den besten Zeiten über 106.000 Quadratmeter Verkaufsfläche erstreckten – mehr als doppelt so viel wie beim Rivalen KaDeWe. Das markante, vertikal gegliederte Gesicht, das der Architekt Alfred Messel seinem Bau gab, prägte zu Beginn des Jahrhunderts den Stil der Warenhäuser im ganzen Land.

Kaufhof
Die charakteristische Wabenfassade beglückt noch heute manches Stadtzentrum
© Visum

Die heutigen Karstadts und Kaufhofs haben es nicht geschafft, diese legendäre Bühne wieder zu besetzen. Die beiden verbliebenen deutschen Warenhauskonzerne, die noch gut 190 Häuser betreiben, kämpfen gegen Umsatzschwund und Imagekrise. Karstadt ist seit Jahren ein Sanierungsfall.

Die Handelsmusik spielt heute in den Shoppingcentern der Projektentwickler. Bei den großen Fachmärkten und trendigen Ketten wie Zara oder H&M, die in rasanten Zyklen eigene Mode produzieren. Und immer stärker auch im Internet. Die Jungs von Zalando wollen noch in diesem Jahr an die Börse gehen.

Wer den langen Trend der Marktanteilsverluste und Häuserschließungen fortschreibt, der landet bald in einer Einkaufswelt wie am neuen Leipziger Platz: Shopping ohne Warenhaus. Nur dass so etwas nicht überall so schick aussieht wie im boomenden Berlin-Mitte.

„Die Betriebsform Warenhaus wird untergehen, falls sich nichts Entscheidendes ändert“, sagt der Handelsökonom Gerd Hessert, der sich so detailliert wie kaum ein anderer mit dem Niedergang der Kaufhäuser befasst hat. Wenn der ehemalige Hertie-Manager über die notwendigen Operationen spricht, dann fallen Wörter wie „Zerschlagung“, „Neuordnung“, sogar „Planinsolvenz“.

Das Paradies der Damen

Freilich lehrt die Geschichte auch, dass Erfolgsformeln immer neu erfunden werden – besonders im Handel. Und dass die Idee von der einen, der überwältigenden Wunderkammer zu allen Zeiten gestrahlt hat.

Deshalb sagt Hessert auch diesen Satz: „Ich glaube an eine Zukunft für das Warenhaus.“ Kühle betriebswirtschaftliche Rechnungen verbinden sich da mit einer Herzenssache.

Zu ihren besten Zeiten besaßen die Warenhäuser nicht bloß die wichtigsten Immobilien der Innenstadt. Sie verfügten über ein Geschäftsmodell, das alle anderen Händler das Fürchten lehrte. Der Franzose Aristide Boucicaut eröffnete 1852 in Paris Le Bon Marché als  das erste große Warenhaus der Moderne. Émile Zola widmete der neuen­ Einkaufswelt schon kurz darauf einen ganzen Roman – mit dem schönen Titel: „Das Paradies der Damen“.

In diesem Paradies verschmolz, was trockene Geister den Versorgungs- und den Erlebniskauf nennen: Nützlichkeit und Herrlichkeit, Schnäppchen und Sensationen, Luxus und Logistik.