KolumneMobbing-Taktik des VW‑Betriebsrats

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Obwohl Herbert Diess seit gerade einmal acht Monaten bei Volkswagen arbeitet, brechen die Betriebsräte bereits den Stab über dem 57-Jährigen. Sie wollen den VW-Vorstand offenbar aus dem Amt mobben, wenn die zahlreichen Zeichen in den letzten Monaten nicht trügen. Die mächtige IG-Metall-Fraktion im Konzern arbeitet dabei mit ihrem erprobten Instrumentarium: Denunziationen im Aufsichtsrat, gezielten Indiskretionen in der Öffentlichkeit und internen Machtproben aller Art. Höhepunkt der Mobbing-Taktik in der letzten Woche: ein Brief an die Belegschaft, vom Betriebsrat in ausgesuchten Teilen an mehrere Medien gleichzeitig durchgestochen. Der Hauptvorwurf gegen Diess: Der Chef der angeschlagenen Marke Volkswagen nutze den Diesel-Skandal „hinterrücks“, um Entlassungen im Konzern vorzubereiten.

Diess ist ein erfahrener Automanager, der fast acht Jahre lang als Vorstand bei BMW exzellente Arbeit leistete. Auch in dem Münchner Konzern verfügt der Betriebsrat über viel Macht und Einfluss. Aber anders als bei VW, ist es den BMW-Betriebsräten niemals in den Sinn gekommen, sich zu Übermanagern des Konzerns aufzuschwingen. Was momentan in Wolfsburg abgeht, wäre in München völlig undenkbar.

Ein zweiter Fall Bernhard?

Es ist nicht das erste Mal, dass das System VW einen Spitzenmanager von außen abstößt, ohne ihm überhaupt eine richtige Chance zu geben. Viele erinnern sich noch an den Fall Wolfgang Bernhard: Der ehemalige Daimler-Vorstand kam am 1. Februar 2005 als Markenchef nach Wolfsburg – also in die gleiche Funktion wie Diess heute. Und auch sein Auftrag lautete ähnlich: Der durchsetzungsstarke Allgäuer sollte die Kosten massiv drücken und die Zeit der teuren Sonderlösungen bei Volkswagen beenden. Der Betriebsrat eröffnete deshalb schon vor der Ankunft Bernhards das Feuer – und schon Ende Januar 2007 war der neue Mann nach nicht einmal zwei Jahren sein Amt wieder los.

Heute gehört Diess zu den wenigen wirklichen Erneuerern in Wolfsburg. Der promovierte Ingenieur möchte die Flexibilität für das Management zurückerobern, die im System VW durch ständige Absprachen und sogenannte Standortsicherungsverträge mit dem Betriebsrat verloren gegangen ist. Mit der niedrigen Produktivität bei Volkswagen verspielt die wichtigste Konzernmarke ihre Zukunftsfähigkeit. Unter den früheren Chefs von Aufsichtsrat und Vorstand, dem langjährigen Duo Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, galt der Betriebsrat unter Bernd Osterloh als Verbündeter um jeden Preis. Man tat sich gegenseitig nicht weh, regelte alles hinter den Kulissen – nicht selten zu Lasten der betriebswirtschaftlichen Vernunft. Wer diese Konstruktion störte, musste weg.

Sollte es der IG-Metall-Fraktion tatsächlich gelingen, Diess genauso weg zu mobben wie damals Bernhard, sollten die Aktionäre alle Hoffnungen auf eine Erneuerung im Konzern fahren lassen. Die Folgen wären heute viel dramatischer als damals: Der Dieselskandal wird VW viele Milliarden Euro kosten. Ohne einen eisernen Sparkurs fehlen dem Konzern die notwendigen Mittel, um ausreichend in seine Zukunft zu investieren.