Interview„Die Lieferketten sind nicht irreparabel kaputt“

Daimler fährt die Produktion wieder hoch imago images / 7aktuell

Capital: Sind die Lieferketten in der Industrie schwer beschädigt oder können sie einfach wieder in Gang gesetzt werden?

DARYA VAN DE SANDT NASSEHI: Aus unserer Sicht sind die Lieferketten nicht irreparabel kaputt. Der Shutdown war nicht so lang, dass grundlegende Schäden entstanden sind. Wir gehen davon aus, dass es Anfang Mai wieder losgeht. Und in China läuft die Produktion ja bereits seit zwei bis drei Wochen. Die Lieferketten sind da, aber die Versorgung stockt noch. Und es wird mit Sicherheit nach einer kurzen Phase des Anlaufs dazu kommen, dass Industrieunternehmen ihre Lieferketten überdenken werden und fragen: Wo ist ein Risiko eingetreten, wo sind Lieferketten abgebrochen, welche Risiken hätten sie vermeiden können, wenn sie ihre Lieferkette anders strukturiert hätten?

Was ist das Risiko beim Wiederanfahren?

Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu dem berühmten Bullwhip-Effekt kommt. Wenn jetzt alle produzieren und Logistik- und Lieferkapazitäten nachfragen, kann es dazu kommen, dass sich auf Lieferantenseite dieser Effekt verstärkt. Konsumenten kaufen wieder. Die Produzenten verkaufen zunächst ihre Lagerware und werden dann schnell die Bestände auffüllen. Sie werden die Produktion aktivieren die Lager füllen und weiterverkaufen. Wenn Sie diesen Prozess über viele Nachfragestufen zu Lieferanten und Sublieferanten verfolgen, kann es zu Fehleinschätzungen und Überproduktion führen. Bereits kleine Veränderungen der Endkundennachfrage können zu Schwankungen der Bestellmengen führen, die sich zum Ursprung der Lieferkette hin stetig vergrößern.

Also werden viele Lieferanten und Produzenten von null auf hundert starten müssen?

Das wird für einige Unternehmen erforderlich sein. Es gibt einige Branchen, die vor der Krise auf einem hohem Nachfragestand waren, bei denen es schlagartig abgebrochen ist und jetzt wieder ebenso schlagartig beginnt. Das trifft auf die produzierende Industrie mit sehr konsumentennahen Produkten zu, nehmen Sie etwa Waschmaschinen. Auch der Dienstleistungssektor wird relativ schnell wieder anspringen – die werden am Jahresende ein Zwölftel oder maximal zwei Zwölftel ihres Jahresumsatzes vermissen. Da geht sofort wieder die Nachfrage hoch.

Und die anderen?

Wir gehen von drei unterschiedlichen Szenarien aus. Neben der schnellen Erholung und dem Start „von null auf hundert“ wird es Unternehmen geben, die eine etwas stärkere Delle – mit einem verzögerten Aufschwung – haben werden und am Ende des Jahres unter dem Jahresniveau 2019 herauskommen. Das sind oft Unternehmen, die auch schon vorher mit Nachfrageschwächen zu kämpfen hatten und bei denen jetzt eine gewisse Nachfrage abreißen wird, sei es aus technologischer Sicht, sei es aus Investitionssicht. Solch eine starke Delle wird es bei Autozulieferern geben. Da wird es sich überlagernde Effekte geben aufgrund des technologischen Wandels.

Für wen kommt es noch schlimmer?

Eine Rezession wird es sehr stark im Bereich Einzelhandel geben. Das sehen wir jetzt schon, da wird es einige noch umhauen. In Summe wird es die Automobilbranche sehr stark treffen und auch deren Zulieferer aus dem Maschinen- und Anlagenbau.

Für alle anderen: Lohnt es sich jetzt schon, die Lager vollzumachen?

Absolut. In vielen Produktlinien wird die Verfügbarkeit die Nachfrage antreiben und nicht der Preis.

Wo hakt es in den Lieferketten, wo wird es haken?

Vor allem bereitet fehlende Transparenz Probleme. Informationen über externe Kapazitäten bei Lieferanten sind nicht vorhanden oder schwer einzuholen. Es gibt Unklarheit über Kundenbedarfe, die zudem oft sprunghaft kommen; das ist auch eine Folge der uneinheitlichen Anlaufszenarien von Händlernetzwerken. Fehlende Transparenz über Bestände gibt es entlang der gesamten Lieferkette. Nur weil ich selbst Lagerware habe, heißt es nicht, dass ich für meinen Auftragsbestand genügend Zulieferware habe. Ich muss erst mal mit Lieferanten in Kontakt treten. Es wird einen harten Wettbewerb um die Restbestände von kritischen Komponenten geben. Wir sehen eine sehr hohe Planungsunsicherheit, was die Nachfrage betrifft. Der eine wird Vollgas geben, der andere wird vorsichtig sein. Regionen werden unterschiedlich schnell starten.