Bernd ZiesemerDie lammfrommen deutschen Aufsichtsräte

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

Überraschung, Überraschung! Wer hätte es gedacht? Die Aufsichtsräte der deutschen Konzerne sind mit sich selbst und ihrer Arbeit sehr zufrieden. Das geht jedenfalls aus einer repräsentativen Studie der Hochschule Landshut hervor, die auf der Befragung von 124 Aufsehern und 36 Vorständen beruht. Nur an wenigen Punkten geben sich die Herren (und wenigen Damen) keine Spitzennote. Vor allem schwächeln viele Aufsichtsräte nach Meinung ihrer Standeskollegen, wenn es um die Übernahme von Verantwortung und um Konfliktbereitschaft geht.

In der Tat verhalten sich viele, wenn nicht sogar die meisten Aufseher gegenüber ihren Vorständen lammfromm. Es knallt nur sehr selten in den Sitzungen der Gremien. Und vielerorts gilt es schon als Gipfel der Kritik, wenn überhaupt Nachfragen gestellt werden. Dabei leitet sich doch die Daseinsberechtigung eines Aufsichtsrats eigentlich aus seiner Pflicht ab, den Vorstand stets kritisch zu begleiten und die Interessen der Eigentümer zu wahren.

Die Gründe für das nicht gerade mutige Auftreten der Aufsichtsräte sind vielfältig. Viele Aufseher wollen ihren Vorständen unbedingt einen Gesichtsverlust in großer Runde ersparen – insbesondere, wenn auch noch die Vertreter der Arbeitnehmer anwesend sind. Kritik äußert man deshalb nur in der Sitzung der Anteilseignerbank, die meist vor dem eigentlichen Treffen des Aufsichtsrats stattfindet. Viele Aufseher halten es ausdrücklich für richtig, harte Fragen an die Vorstände an den Aufsichtsratsvorsitzenden outzusourcen. Nur unter vier Augen darf man ihrer Meinung nach Tacheles reden.

Aufsichtsräte scheuen das Risiko

Manche Aufseher fühlen sich auch gar nicht kompetent genug, wirklich kritische Punkte anzuschneiden. Man will sich durch „falsche“ Fragen nicht blamieren und fürchtet eine Retourkutsche des Vorstands. Andere Mitglieder bereiten sich gar nicht genug vor, um in die Tiefe gehen zu können. Und wieder andere nehmen aus taktischen Gründen Rücksicht, weil sie an anderer Stelle auf den guten Willen der Vorstände angewiesen sind – weil sie etwa Geschäfte machen mit dem Konzern, den sie eigentlich beaufsichtigen sollen.

In vielen Konzernen sind die Sitzungen des Aufsichtsrats immer noch höchst bürokratische Veranstaltungen, in denen man eine lange Tagesordnung abarbeitet und ängstlich bemüht ist, nur keine Risiken einzugehen. Schließlich ist die Haftung der Aufsichtsräte mittlerweile ein sehr wichtiges Thema geworden. Wer durch seine kritischen Fragen im Aufsichtsrat ein Fehlverhalten im Unternehmen aufdeckt, muss die Sache anschließend auch weiter verfolgen. Sonst macht man sich haftbar.

Natürlich gibt es auch mutige Aufsichtsräte, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Oft sind es vor allem die direkten Eigentümer, die Vorstände auch schon einmal heftig angehen. In Deutschland verdient man sich damit allerdings schnell den zweifelhaften Ruf, ein Querulant zu sein. Von dem früheren Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann stammt der schöne Spruch, man könne als Manager alles lernen – nur nicht einen starken Charakter zu haben. So ist es. Und so war es leider auch im Aufsichtsrat der Deutschen Bank: Dort konnte niemand Ackermann stoppen, als das Kreditinstitut längst einen völlig falschen Weg eingeschlagen hatte.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.