Interview„Die Kombination Deutschland-USA ist für Biontech genau die richtige“

Biontech entwickelt Krebstherapien
Biontech entwickelt KrebstherapienEvelyn Dragan

Capital: Herr Jeggle, wie geht es Ihnen?

HELMUT JEGGLE: Erschöpft, aber sehr zufrieden.

Der Börsengang von Biontech lief etwas rumpelig, oder?

Der Zeitpunkt war nicht ideal, weil der Markt massiv unter Druck stand. Bis auf einzelne Tage lief aber alles gut. Die Unterstützung unserer Bestandsaktionäre war großartig.

Warum mussten Sie mit dem Preis der Aktie heruntergehen?

In der Woche bevor Biontech an die Börse gegangen ist, lag der Biotech-Index der Nasdaq auf seinem Jahrestief. Andere Unternehmen haben in dieser Zeit ihre Börsengänge abgesagt. Die Nachricht, die auf unserer Roadshow immer wieder zu hören war, lautete: „Der Markt hat momentan kein Interesse an hochbewerteten Technologiewerten.“ Vielleicht auch ein Stück weit wegen der aktuellen Performance von Unternehmen wie Uber und We Work. Hier mussten wir sehr viel Zeit und Engagement investieren, um den Inhalt von Biontech sowie die Differenzierung und Positionierung innerhalb der Branche nahezubringen.

Trotzdem haben Sie Ihren Börsengang durchgezogen und einen ziemlichen Abschlag in Kauf genommen. Und danach hieß es bei Ihnen: Wir sind trotzdem sehr, sehr happy. Warum?

Unser Ziel war der Sprung an die Börse. Und das hat Biontech in einem sehr schwierigen Umfeld erreicht. Ich bin der Ansicht, dass wir mit Inhalt und Substanz überzeugt haben. Mit mehr Rückenwind wäre das natürlich leichter gefallen. Da das ursprüngliche Ziel bei einer Bewertung in der Preisspanne von 18 bis 20 US-Dollar lag, war das für uns natürlich eine sehr schwierige Diskussion, ob wir mit dem Preis für die Erstnotierung der Aktie auf 15 US-Dollar heruntergehen oder nicht. Es war ja nicht so, dass Biontech das Geld unbedingt aus dem Börsengang brauchte. Es wurde vier Monate vorher eine sehr gute Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Vielmehr ging es darum, Biontech für die Zukunft eine zusätzliche Option auf eine Finanzierung über den Kapitalmarkt zu sichern und international bekannter zu werden. Das war schlussendlich wichtiger als eine Momentaufnahme des Preises.

Sie haben zwischendrin aber auch überlegt, ob Sie den Börsengang abblasen?

Das war eine Achterbahn der Gefühle. Man spürte die Angst einiger Investoren, die eigentlich bereits zugesagt hatten. In diesem Kontext haben wir natürlich alle Optionen durchgespielt, auch die Option den Börsengang abzusagen und auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Ganz nach dem Motto: „Wir müssen es nicht unter allen Umständen erzwingen.“

Aber dann haben Sie doch die Glocke im Börsensaal geläutet.

Ja, wir waren da. Das lief dann aber ab wie im Film. Die große Emotion spürt man in dem Augenblick gar nicht. Erst am Tag nach dem Börsengang stellte sich in unserem Team das Gefühl ein: Ja, wir haben es wirklich geschafft!

Der Lohn einer gewaltigen Anstrengung?

Ja, das Management und ich waren vor dem Börsengang drei Monate lang in den USA unterwegs von Termin zu Termin. Besonders wichtig war die Unterstützung der Banken. Ohne diese wird es auf den letzten Metern schwierig. Besonders bei so viel Gegenwind, wie es zu der Zeit der Fall war.

JP Morgan war die Lead-Bank beim Börsengang.

Ja, zuerst war die Deutschland-Chefin Dorothee Blessing unsere wichtigste Ansprechpartnerin. Wir haben uns in den entscheidenden Wochen jeden zweiten, dritten Tag mit ihr abgestimmt. Die Beziehung zu ihr besteht schon seit einigen Jahren. Und JP Morgan macht sehr viel in unserem Sektor, wie auch die jährliche Biotech-Konferenz in San Francisco zeigt. Unserer Devise laut seit jeher: Wenn wir uns dazu entscheiden, mit jemandem gemeinsam zu gehen, dann gehen wir lange mit ihm.