Interview„Die KI-Forschung kann viel von der Natur lernen“

Die Natur ist eine hochkomplexe Technologie, von der die Wissenschaft viel lernen kann.
Die Natur ist eine hochkomplexe Technologie, von der die Wissenschaft viel lernen kann. Pixabay


Tim Landgraf ist Professor für künstliche Intelligenz und kollektive Intelligenz an der Freien Universität Berlin. Er forscht zu Methoden des maschinellen Lernens, unter anderem indem er das Verhalten von sozialen Insekten wie Bienen untersucht. Er war Speaker bei der Rise of AI Konferenz in Berlin. Capital war Medienpartner der Konferenz.


 

CAPITAL: Herr Landgraf, vor einigen Jahren haben Sie Aufmerksamkeit erregt, weil sie Roboter-Bienen entwickelt haben, die mit Honigbienen kommunizieren konnten. Was ist aus diesem Projekt geworden?

Tim Landgraf (Foto: Getty Images)

TIM LANDGRAF: Das ist kurz auf Stand-by. Bienen kommunizieren über den sogenannten Bienentanz. Wir mussten am Ende des Projekts zugeben, dass wir noch nicht so ganz verstanden hatten, wie der Bienentanz genau funktioniert. Zumindest haben wir es noch nicht so tiefgreifend verstanden, dass man das in einem Roboter nachbilden kann. Das war schon so gut, dass der Roboter manchmal Erfolg hatte, indem er Bienen zum Mittanzen oder Ausfliegen auffordern konnte oder sie in der richtigen Richtung nach Futter suchen ließ. Allerdings schaffte er das nicht für alle Bienen und warum, das wissen nicht. Deswegen wurde der Bienenroboter erst einmal eingemottet.

Woran arbeiten Sie jetzt?

Wir haben ein neues Projekt gestartet, bei dem wir alle Bienen markieren und über ihr gesamtes Leben verfolgen. Mit Hilfe von Machine Learning schauen wir dann, wer was mit wem macht, wie lange, wo und so weiter. Also all die Sachen, die wir analog auch gern bei komplexeren Systemen beobachten würden wie dem Menschen, was aber natürlich technisch nicht so einfach möglich ist wie bei Bienen. Was wir im Zuge dieser Beobachtungen lernen, werden wir dann wiederum in den Bienenroboter zurückführen. Bisher haben wir zwar schon erste Spuren, aber noch sind wir mitten in der Analyse.

„Die Natur ist eine hochgradig komplexe Technologie“

Was können Wissenschaftler von der Natur lernen?

Viel. Natur ist ja nicht nur grün und schön, sondern die Natur, wie wir sie jetzt sehen, ist das Resultat eines sehr langen Optimierungsprozesses – und ein sehr robustes Resultat. Alles, was wir sehen, ist eine hochgradig komplexe und weit entwickelte Technologie. Wo man hinschaut, kann man sich Prinzipien davon abgucken. Manchmal sind diese Prinzipien allerdings schon so weit entwickelt, dass man sie nicht einfach übertragen kann. Deshalb kann man eigentlich, wenn man von Natur zu Technik portiert, nur die groben Ideen nehmen und nicht die einzelnen Details.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Projekt, an dem ich auch arbeite, ist von der Art und Weise inspiriert, wie Bienen Energie, also Nektar, austauschen. Denn Bienen müssen nicht immer in die Honigwabe gehen, um Nektar zu bekommen, sondern sie können einander auch unterwegs „anpumpen“. Dafür haben Bienen einen extra Sozialmagen. Dieser Austausch hat das System so sehr optimiert, dass es sich in der Evolution gelohnt hat. Das kann man jetzt auf unsere Systeme, beispielsweise elektrische Fahrzeuge übertragen. Die haben ja immer noch Akzeptanzprobleme, weil die Energie knapp ist und weil die Angst besteht, dass man liegen bleibt. Warum macht man also nicht das, was die Bienen tun auch bei elektrischen Fahrzeugen? Wenn man eh bald autonome Fahrzeuge hat, könnte man ja auch die Fahrzeuge während der Fahrt miteinander koppeln und dann voneinander laden. Solch ein Peer-to-peer Charging würde auf jeden Fall Zeit sparen, man braucht nur die richtigen Systeme dafür.