KommentarDie Heuchelei von Hambach

Demonstration für den Erhalt des Hambacher Forstes
Demonstration für den Erhalt des Hambacher Forstesdpa

Vor einigen Jahren saß ich in einer Gemeindeversammlung, bei der es auch um die Aufstellung von Windrädern in einem Waldstück ging. Es gab zwei Tagesordnungspunkte, beim ersten ging es um ein paar Wiesen, die die Bauern des Ortes nicht mähen durften, weil dort eine bestimmte Blume wuchs, auf der sich eine spezielle Schmetterlingsart gerne niederlässt. Dieser Schmetterling wurde in der Gegend zwar noch nie gesichtet, aber trotzdem durften die Bauern nicht mähen. Die waren deshalb sauer, aber der Umweltfritze aus dem Amt sagte, das Verbot bleibt, und schließlich hat er das Sagen. Klassischer Naturschutz in Deutschland, kennen wir alle.

Beim zweiten Tagesordnungspunkt ging es um die Aufstellung von Windrädern ein paar Kilometer weiter in einem Wald. Ein Windenergiefritze hatte bunte Folien dabei und erläuterte die Maßnahmen, die vorübergehende Asphaltierung von Waldwegen, die Rodung der Baustelle, auch in den Kurven wegen des großen Schwenkradius der Laster, die Plombierung der Waldfläche mit 1000 Kubikmeter Beton, Schattenwurf, Lautstärke, Einebnung von Kreisverkehren. Ach ja, und die Wild- und Greifvögel, da hatte der Windfritze auch eine Folie dabei, mit einem Rotmilan auf einem Foto und einem traurigen Eisbär auf einer Scholle auf einem anderen. „Wir müssen uns für einen von beiden entscheiden“, sagte er eindringlich. „Entweder wir retten den Vogel – oder den Planeten.“

Ich meldete mich und fragte, ob nicht irgendwie ein Widerspruch oder zumindest eine Unwucht zwischen Tagesordnungspunkt eins und zwei vorhanden sei. Eine ungemähte Wiese mit fiktiven Schmetterlingen hier und ein paar Kilometer weiter eine Autobahn durch einen Wald und hektarweise Rodung und Versiegelung für Windräder. Es trat Stille ein, und der Windfritze schaute mich an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, auf den ungemähten Wiesen nach Braunkohle zu graben. Da sprang der Umweltfritze ihm bei: „Das mag sein, aber wir müssen die Energiewende schließlich schaffen.“

Die Stürmung des Urwalds

An dieses Erlebnis musste ich wieder denken, als ich dieser Tage die Eroberung des Hambacher Forstes verfolgte. Dieser 200 Hektar große „Urwald“, der in einer Planet-der-Affen-artigen Geschwindigkeit vor wenigen Tagen gestürmt wurde, hat es zu nationaler Berühmtheit geschafft und ist nun das neue Symbol der Umweltbewegung zur Rettung der Erde. Nach einem Gerichtsentscheid, der die Rodung auf viele Jahre verhindert, sah man am Wochenende freudige Triumphzüge mit Tausenden lachenden und tanzenden Aktivisten*innen, Hashtags wie #Hambibleibt und Transparente mit „We will end coal“-Parolen.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Wenn ich so frei aus meinem Berliner Büro etwas wünschen dürfte, würde ich auch den Hambacher Forst erhalten. Ich bin natürlich auch gegen Braunkohle. Aber darum geht es im Kern nicht. Den Kampf um den Hambacher Forst halte ich für ziemlich albern, ja für eine symbolische und sinnlose Schlacht, mit der wir die eigentlichen Widersprüche und schmutzigen Geheimnisse der Energiewende übertünchen. Und je mehr wir in symbolischen 200-Hektar-Wäldchen tanzen und die Rettung des Planeten feiern, desto mehr verdrängen wir diese Widersprüche.

Die heimliche und schmutzige Boom der Braunkohle

Das große Problem ist doch: Der Ausstieg aus der Braunkohle hat, im Gegensatz zum Ausstieg aus anderen fossilen Energien, noch nicht begonnen. Der Anteil am Strommix ist konstant, zuletzt ist er sogar wieder gestiegen, von 25,1 auf 26,2 Prozent  – weil in diesem Sommer viel zu wenig Wind erzeugt wurde. Man könnt sogar sagen: Die Braunkohle boomt still und heimlich und schmutzig vor sich hin. Weil wir Deutschen zwei Dinge gleichzeitig versuchen: Wir wollen unsere Klimaschutzziele erreichen – und wir wollen aus der Atomkraft aussteigen.

Die meisten Menschen denken, dass dies doch das gleiche sei. Es gebe nur ein Ziel –  nämlich die Energiewende, die wir ja „schaffen müssen“. Aber es sind zwei Ziele, die wir parallel mit einem sehr ambitionierten Zeitplan umzusetzen versuchen, und die sich, wenn man ehrlich ist, etwas ins Gehege kommen. Was dann immer wieder zu Widersprüchen führt, weshalb wir ab und an, so als Klima-Katharsis, symbolische Siege brauchen und wie jetzt Volksfeste in Wäldern auf ungeförderten Braunkohlevorkommen feiern müssen.

Wollten wir nur unsere CO2-Emmissionen senken (die übrigens auch steigen, Daten dazu finden Sie hier), müssten wir die Atommeiler eigentlich länger laufen lassen – während wir planmäßig die Erneuerbaren hochfahren. Die Mehrheit der Deutschen will aber auch keine Kernenergie, also schalten wir die Meiler ab, fahren die Erneuerbaren hoch, aber da wir als Industrieland eine Grundlast in der Energieversorgung benötigen, brauchen wir leider auch die Kohle. Und da leider besonders die schmutzige Braunkohle – weil wir dummerweise unsere Einspeisegesetze auch noch so konstruiert haben, dass sich Gaskraftwerke nicht mehr rentabel betreiben lassen. Und da die meisten auch keine Stromtrassen wollen, holen wir uns zur Not Atomstrom aus dem Ausland. Alles etwas verkorkst. Energiewende mit der Brechstange.

Hambach wurde für die Windkraft mehrmals gerodet

Der Kampf um die 200 Hektar in Hambach ist aber auch aus einem weiteren Grund eine Heuchelei: Für jedes Windrad werden, je nach Bauart und Anlage inklusive Zuwegung, zwischen einem und 1,5 Hektar Wald gerodet und noch mehr Wald beschädigt. Ironischerweise werden nur 40 Kilometer entfernt vom Hambacher Forst im Aachener Münsterwald derzeit tausende Bäume gefällt. Sieben 200 Meter hohe Windräder wollen die Aachener Stadtwerke hier errichten. Nach Angaben des Landesbetriebs Wald und Holz gibt es bereits 67 Anlagen in Wäldern in NRW; ein Dutzend befinden sich im Bau, 79 neue Anlagen sind genehmigt oder beantragt. Insgesamt fielen und fallen in NRW also für die Windradriesen in Summe einmal der Hambacher Forst, ohne dass es ein nationales Ereignis ist.

Derzeit drehen sich in Deutschland über 28.000 Windräder an Land – es ist an vielen Stellen einer der massivsten und brutalsten Eingriffe in die Natur und das Landschaftsbild – und das im Namen der Umweltbewegung. Davon stehen über 1500 Anlagen im Wald, der Ausbau hat sich seit 2010 vervielfacht, allein 2017 kamen 337 Anlagen dazu. Sprich: Allein durch diesen Ausbau von fünf Prozent aller Windkraftanlagen ist der Hambacher Forst mehr als fünf Mal gerodet worden. Was aber nicht für Zeltlager in Baumwipfeln und Berichte in der „Tagesschau“ gesorgt hat.

Die Grünen und Erneuerbare Energien-Lobbyisten parieren solche Argumente gekonnt. Im Kern rechnen sie die Flächen möglichst klein (nur 0,2 bis 0,4 Hektar!) und sie sagen: Erstens, sind diese Wälder meist nicht so wertvoll (was nicht stimmt); zweitens, sei für die Braunkohle ja schon viel mehr gerodet worden (ein wirklich bizarres Argument). Und drittens, müssen wir die Energiewende schaffen und dafür dürfe „Wald nicht tabu sein“.

Widerstand gegen Windkraft im Wald

Dabei wächst gerade gegen Windkraft im Wald der Widerstand, je nach Umfrage sind rund 75 bis 80 Prozent der Deutschen dagegen, auch wenn sie im Prinzip für Windkraft sind. Denn überall im Land wird seit Jahren in viel wertvollere und ältere Waldbestände im Namen der Windenergie eingegriffen, vor allem in Rheinland-Pfalz, wo etwa der Soonwald Opfer wurde, aber auch in Brandenburg, Bayern und in Hessen, hier war es der Kaufunger Wald oder der Reinhardswald, der tatsächlich in Teilen ein Urwald ist. Hier werden munter Schneisen geschlagen und es wird gerodet, und wer dagegen aufbegehrt, ist gegen die Rettung des Planeten.

Klar ist: Für den Ausbau der Erneuerbaren Energien muss es Windkraft an Land geben. Der Bau von 200 Meter hohen rotierenden Riesen in Wäldern aber ist eine der groteskesten Irrwege der Energiewende und eine der Ursünden der deutschen Umweltbewegung. Oft habe ich mich gefragt, wie man diesen Wiederspruch, diese Unwucht in einem grünen Hirn aushält. Jetzt habe ich eine Ahnung: Im Kleinen schützen wir ein paar Kilometer weiter Blumen für nicht vorhandene Schmetterlinge. Und im Großen brauchen wir Ereignisse wie das Hambacher Fest, symbolische Siege zur Erhaltung von Wäldern gegen böse Braunkohlekonzerne.