GastkommentarDie große Lüge vom Fairplay

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„Es kann sein, dass ein Mann anfängt zu trinken, weil er sich für einen Versager hält – und dann noch mehr versagt, weil er trinkt. Ganz ähnlich verhält es sich mit der englischen Sprache. Sie wird hässlich und unpräzise, weil unsere Gedanken idiotisch sind. Aber die Schlamperei in unserer Sprache macht es uns auch leichter, idiotische Gedanken zu haben.“ (George Orwell, „Politik und die englische Sprache“)

Was bedeutet Financial Fairplay eigentlich wirklich? Es handelt sich um einen dieser Ausdrücke, die in der allgemeinen Diskussion zu einem solchen Allgemeinplatz geworden sind, dass wir kaum noch über ihren Sinn nachdenken. Würde man uns auffordern, es zu definieren, würden wir vermutlich sagen, es gehe um Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in einem sportlichen Zusammenhang. Aber in den meisten Fällen ist es zu einem Adjektiv verkommen, mit dem wir einfach unsere Zustimmung ausdrücken – so wie wir „demokratisch“ nennen, was wir mögen und „faschistisch“, was wir nicht mögen.

Fairplay ist ein Konzept, das der englischen Sprache entstammt, so wie das Wort Football. Bei einer Recherche im Google-Übersetzer kommt zutage, dass die Worte „Fair Play“ fast in jede andere Sprache aufgenommen wurden. Der deutsche Anglophile Rudolf Kircher, der sich 1928 in einem Buch mit dem Begriff beschäftigte, kam zu dem Schluss, die Worte seien „nicht übersetzbar“. Aus seiner Sicht handelte es sich um ein Konzept, das einem schon als Kind beigebracht werde – „dass es falsch ist, die Schwachen auszunutzen und unmännlich, einen geschlagenen Gegner schlecht zu behandeln“.

Eigentlich entstammt der Begriff nicht dem Sport, sondern findet sich erstmals bei Shakespeare, wo eine Figur im Drama „King John“ sagt: „According to the fair play of the world, let me have audience“ (häufige Übersetzung: „Der Höflichkeitsgebühr der Welt gemäß gebt mir Gehör“, d.Red.). Die Hexen bei Macbeth wiederum sagen „Fair is foul and foul is fair“ [„Gut ist böse und böse ist gut], ein Satz, der von jedem auf den Sieg fixierten modernen Fußballtrainer stammen könnte.

Stefan Szymanski
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© Stefan Szymanski

Das erste Mal, dass der Begriff nach meinen Erkenntnissen in einem Zusammenhang mit dem Sport angewandt wird, ist im Cricket. In den Memoiren des Cricket-Clubs von Hambledon, die 1832 von einem gewissen John Nyren verfasst wurden, kommen auch die Spielregeln zur Sprache. Dort heißt es: „Die Schiedsrichter sind die einzigen, die über faires oder unfaires Spiel entscheiden können.“. Allerdings hielt das nicht einen einzigen Cricketspieler davon ab, seine Niederlage dem letzteren zuzuschreiben.

Wie also kommt es, dass ein solch nebulöses Konzept auf die Finanzen europäischer Fußballvereine angewendet wird? Wenn man Artikel 2 des Regelwerks liest (was ich jedem empfehlen kann), dann haben die dortigen Vorgaben weniger mit Fairplay oder Fairness zu tun, als mit, wie soll ich es ausdrücken, eher deutschen Tugenden wie „Disziplin und Vernunft“.

Ob Disziplin und Vernunft dem europäischen Fußball dienlich wären, ist allerdings eine interessante Frage. Das Spiel hat sich in den vergangenen 50 Jahren eher auf völlig chaotische Weise entwickelt und dominiert trotzdem heute den weltweiten Sport. Warum sonst sollten amerikanische Investoren so heiß darauf sein, ein Stück vom Kuchen abzubekommen? Obwohl viele Vereine dauerhaft finanziell instabil sind, bleiben sie als sportliche Einheiten doch fast in allen Fällen erhalten. Von 74 Clubs, die 1950 in den obersten Ligen Englands, Frankreichs, Italiens und Spaniens spielten, sind 72 immer noch da. Nur zwei französische Vereine wurden in den 60er-Jahren aufgelöst. Die „kreative Zerstörung“, ein Begriff, den Joseph Schumpeter prägte, um die Vorteile des kapitalistischen Systems zu beschreiben, hat dem Fußball außerordentlich gut getan. Warum glauben wir dann, dass die harte Hand der Regulierung so viel erfolgreicher sein wird?

Das Konzept an sich ist schon fragwürdig. Was ist fair daran, dass Bayern München seine finanzielle Schlagkraft dazu nutzen kann, die besten Spieler der gegnerischen Mannschaften aufzukaufen? Was ist fair daran, dass die Vorherrschaft des AC Mailand in Italien durch die Milliarden von Silvio Berlusconi gefestigt wurde und nun niemand mehr diesem Beispiel folgen darf? Und was schließlich soll fair daran sein, dass die Hälfte der 5,6 Mrd. Euro, die die Uefa Champions League in den letzten zehn Jahren einspielte, lediglich zehn Vereinen zugute kam?

Immer wenn es um Financial Fairplay geht, kommen die Namen Roman Abramowitsch und Scheich Mansour ins Spiel, der Eigner des FC Chelsea und von Manchester City. Ihr Einfluss auf den Fußball, so heißt es gerne, sei in höchstem Maße unfair. In Wahrheit aber sind beide nur bequeme Sündenböcke, denn die Uefa hat längst einen politischen Deal zwischen den Reichen und den Armen des Fußballs eingefädelt.

Die Realität sieht so aus: Die meisten Vereine haben keinen reichen Geldgeber, und ein sehr großer Teil von ihnen ist de facto insolvent. Nach Angaben der Uefa fuhren 55 Prozent der Vereine in Europas Top-Ligen im Jahr 2011 einen Nettoverlust ein, 38 Prozent wiesen ein negatives Eigenkapital aus. Nur 16 Prozent der Vereine wurden nach Prüfung der Bücher als „finanziell überlebensfähig“ eingestuft.

In einer solchen Lage wirkt die Uefa nicht wie ein guter Haushälter, weshalb die Regularien verschärft werden sollen. Da jedoch fast alle insolventen Vereine kleine Fische sind, droht der Verband den Eindruck zu erwecken, dass er das Geschäft der großen Clubs betreibt. Die Uefa würde es niemals wagen, sich den etablierten Kräften in den Weg zu stellen. Indem man also die Aufmerksamkeit auf einzelne reiche Geldgeber lenkt, hilft man ihnen in Wahrheit – denn damit ist gesichert, dass sie kein kleiner Verein jemals ernsthaft herausfordern wird. Das Ganze heißt dann Financial Fairplay, und wer könnte dem widersprechen?

Genau darum ging es Orwell. Der Niedergang des Englischen war aus seiner Sicht ein politisches Phänomen. „Die politische Sprache muss vor allem aus Euphemismen, bloßen Behauptungen und einer wolkigen Ungenauigkeit bestehen“, sagte er. Wenn wir dies einfach so geschehen lassen, wird man uns schlampiges Denken vorwerfen können. Die Uefa und mit ihr viele Politiker, will uns dazu bringen, warme Worte zu verwenden, die ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt wurden. Dies dient dazu, eine Agenda zu verschleiern, die nur wenig mit Fairplay und sehr viel mit dem Streben nach Macht zu tun hat. Doch wenn wir uns an Orwell halten, kann man uns nicht hereinlegen. Wir müssen lediglich fragen, was die Worte wirklich bedeuten.

Stefan Szymanski ist Sportökonom an der University of Michigan und schreibt als Kolumnist für Capital.de über wirtschaftliche Fragen des Sports.

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