KommentarDie große Corona-Konfusion

Erschöpfte Corona-Bekämpfer: Berlins Regierender Bürgermeister Müller, Bundeskanzlerin Merkel und Bayerns Ministerpräsident Söderdpa

Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle hat vor kurzem gesagt, er könne sich vorstellen, eine Geschichte aus der Sicht des Coronavirus zu schreiben. Natürlich könne er in den „viralen Kopf“ von Covid-19 schlüpfen, gab der 72-Jahre alte Bestsellerautor zu Protokoll. (In seinem neuen Buch erzählt Boyle unter anderem aus der Perspektive eines Schimpansen.)

Man fragt sich am Ende dieser Woche, was das Virus über den deutschen Stufenplan zur Öffnung von Bund und Ländern denkt. Schade, dass Boyle nicht einfach loslegt. Aber wäre es überhaupt eine Geschichte oder nicht eher einfach ein lautes, röhrendes Lachen dieses Virus‘ und seiner mutierten Verwandten? Und wäre damit nicht alles gesagt?

Es wäre meine Aufgabe, diesen Stufenplan zu kommentieren – aber je mehr ich darüber las, desto weniger verstand ich. Und bevor ich einen Kommentar schreibe, der es in der Länge mit den „Brüdern Karamasow“ aufnimmt, sage ich es mal so: Diese Konfusion und Boyles Rollenspiel offenbart den Kern des Problems. Der Stufenplan mit den fünf Öffnungsschritten, den 14-Tage-Rhythmen und einem 50 bis 100-Inzidenz-Schema passt zwar grafisch auf ein Papier, aber nicht zu der Natur des Virus‘: Es versucht zu regeln, was kaum oder nicht zu regeln ist. Es ist verstörend und nicht erhellend, gleichsam eine grafische Symbiose all der Verzweiflung und Schlagworte der Kritik, die wir seit Monaten hören: Flickenteppich, Bund-Länder-Kakophonie, Öffnungsdiskussionsorgie, Öffnungsrausch, Öffnungsperspektive, „auf Sicht fahren“.

Illusion von Perspektive

Diese Grafik wird vielleicht in einigen Jahrzehnten einmal in einem Museum ausgestellt werden. Und man wird sie anschauen, verwundert oder verständnislos, so wie wir heute Bilder von der Pest oder Fotografien von Kampf mit der Spanischen Grippe betrachten. Und man wird gar nicht mehr erkennen, wie verzweifelt die Menschen gewesen sein müssen, so etwas zu erstellen: Denn diese Grafik ist auch eine Kapitulation, nicht wegen ihrer Detailversessenheit, sondern weil sie versucht eine Öffnung zu regeln, von der keiner wirklich überzeugt ist.

Es ist wie immer unfair und selbstgerecht, von der Seitenlinie vorzugeben, zu wissen, was zu tun ist, wenn man nicht die Verantwortung für die Folgen tragen muss. Es ist für gewählte Politiker immer schwieriger geworden, den Hardliner zu geben und Lockdowns zu begründen, angesichts der Erschöpfung, Zermürbung und „Corona-Korosion“ der Deutschen, wie es der Psychologe Stephan Grünewald ausgedrückt hat.

Deshalb geht Deutschland, nach vier Monaten Lockdown, eine seiner größten und vermutlich riskantesten Wetten ein: Wir öffnen, schaffen zumindest eine Illusion von Perspektive, in der Hoffnung, dass es so schlimm nicht wird. Wir hoffen, dass wir doch irgendwie ein System mit Schnelltests aufbauen und die Impfkampagne Fahrt aufnimmt.

Die Öffnung ist auch eine kleine Kapitulation der Kanzlerin, die Öffnungen eigentlich vermeiden wollte. Schon in den vergangenen Wochen waren einige Länder ausgeschert und hatten Schulen, Baumärkte oder Gartencenter geöffnet. Sie schufen Öffnungsfakten, die Begründungen begannen zwischen Inzidenzen von 35 und 100 zu oszillieren, während die reale Inzidenz seit einigen Tagen vor allem eines tat: Sie stagnierte und dann stieg sie.

Schnelltest-Alltag

Schnelltests, millionenfach, sollen nun neben Impfungen die Hoffnung bringen. Sie sind – Kontaktbeschränkungen bleiben leider der Kern – Bausteine für die Öffnung. Sie dürften Teil unseres Alltages werden: morgens der Test im Badezimmer, Zähneputzen, ab in die Schule und in die Firma, Test einwerfen, nach einigen Stunden das Ergebnis per Mail oder auf dem Smartphone. Wer ins Konzert geht, lässt sich testen, wer fliegen will, ebenso.

Dafür gibt es erfolgreiche Modellprojekte in Schulen und Unternehmen, der CIO des Rostocker Diagnostikunternehmens Centogene, Volker Weckesser, hat dazu interessante Beispiele (das Gespräch im Podcast finden Sie hier). Er warnte aber auch vor einer Illusion und einer „falschen Sicherheit“, die Tests bringen. Und er sagte vor allem eines: Wenn wir für diesen Winter schon nicht vorbereitet waren, dann sollten wir es wenigstens für den kommenden sein.

Was ich aus dem Gespräch mitgenommen habe: Ideen und Lösungen sind da, die teilweise auch erfolgreich erprobt wurden in Schulen, Kitas und Unternehmen. Man müsste diese Projekte bloß besser kennen und dann auch nicht nur ausprobieren, sondern ausrollen.

Erste Unternehmen wie die Allianz oder die Deutsche Telekom haben zudem angeregt, ihre Mitarbeiter über die Betriebsärzte impfen zu lassen – viele Unternehmen haben ja Erfahrung mit Grippeimpfungen. Klingt kompliziert? Rechtlich schwierig? Oder gar ungerecht? Natürlich gibt es da offene Fragen und Hürden. Wer allerdings als erstes warnt, dem empfehle ich einen Blick auf den Stufenplan oben. Klingt der besser? Eben. Wir müssen alle Ressourcen nutzen, auch unkonventionelle Wege gehen, privaten Anbietern mehr Raum lassen und alle Kräfte entfesseln vor Ort – und zwar dort, wo der Staat mit seiner Organisation überfordert oder schon gescheitert ist.

 


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