KolumneDie größte Gefahr für Deutschlands Autokonzerne: China

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Schon im letzten Jahr verkauften die drei großen deutschen Autohersteller mehr als jedes dritte Auto in China. Kurzfristig dürfte sich die Abhängigkeit von diesem Markt noch weiter verstärken: Während die Nachfrage in vielen Teilen Europas am Boden liegt, zieht sie in China in den letzten Wochen wieder an. Sie wird nicht so schnell das alte Niveau vor der Corona-Krise erreichen, aber relativ gesehen weiter an Bedeutung gewinnen. Noch nie war aber diese Abhängigkeit so gefährlich wie heute.

Warum? Weil aus einer wirtschaftlichen Abhängigkeit mittlerweile eine starke politische Erpressbarkeit erwachsen ist, die man in Peking bedenkenlos ausnutzen wird, wenn es notwendig ist. Der Staats- und Parteiführung weht ein politischer Orkan ins Gesicht wie seit dem Massaker auf dem Tiananmen Platz 1989 nicht mehr. Um nur einige Beispiele von vielen zu nennen: US-Präsident Donald Trump droht erneut mit schweren Sanktionen – wegen der angeblichen Mitschuld an der Verbreitung der Corona-Krankheit, aber auch wegen der brutalen Einmischung in Hongkong. Die Europäer positionieren sich zum ersten Mal seit langem mutiger gegen das Regime in Peking. Taiwan tritt zunehmend selbstbewusster gegen alle Versuche der Chinesen auf, das kleine Land international zu isolieren. Und an der Grenze zwischen der Volksrepublik und Indien wachsen die Spannungen so stark, dass ein lokaler Krieg nicht mehr ganz ausgeschlossen scheint wie 1962.

Warnende Stimmen

Selbst in der deutschen Wirtschaft mehren sich in dieser heiklen Situation die Stimmen, die eine härtere Hand gegen China fordern. Gerade gab es eine Warnung des BDI, China solle aufpassen, sein internationales Prestige nicht wegen Hongkong zu verspielen. Viele Konzerne, die es sich leisten können, reduzieren bereits ihre Lieferketten ins Reich der Mitte, um nicht in die künftigen Stürme zu geraten. Man redet nicht darüber, man macht es einfach. Vor allem in sensiblen Bereichen (Stichwort Huawei) wächst die Einsicht in der deutschen Industrie, sich lieber nicht mehr von China abhängig zu machen.

Und was hat das alles mit der deutschen Autoindustrie zu tun? Staatschef Xi Jinping hat die Parole ausgegeben, alle „Freunde Chinas“ müssten sich in dieser „besonders schwierigen Lage“ auf die Seite des chinesischen Volkes schlagen. Die KP Chinas verstärkt das, was sie in guter alter Tradition der früheren Kommunistischen Internationale (Komintern) in internen Papieren „Einheitsfront“ nennt. Sie fängt aus Pekings Sicht bei den maoistischen Kleinparteien in aller Welt an und endet bei der deutschen Großindustrie. Und die Chinesen wissen sehr gut: Das wichtigste Faustpfand, um jederzeit politisches Wohlverhalten in Deutschland zu erzwingen, sind unsere Autohersteller.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in früheren Jahren den Fehler gemacht, sich zu weich gegenüber Peking zu verhalten – aus Rücksicht auf unsere Autoindustrie. Die verantwortlichen Genossen in China, denen jede politische Naivität abgeht, wissen das alles sehr genau. Sollte die Bundesregierung auch nur ein Stück ihrer Zurückhaltung aufgeben, wird man BMW, Mercedes und Volkswagen im Reich der Mitte leiden lassen. Der politische Konflikt zwischen Europa und den Chinesen aber scheint gegenwärtig unvermeidbar. Die Autohersteller werden irgendwann in ihn hineingeraten. Die Frage ist nur wann.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.