KolumneDie gefährliche Arroganz der Bayer AG

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Die Richter am Europäischen Gerichtshof, die einfach ein Unkrautvernichtungsmittel verbieten? Traurig. Die Politiker, die Glyphosat kritisieren? Alle ahnungslos. Die Gegner der grünen Gentechnik? Feinde der Wissenschaft. So ungefähr kann man in den letzten Wochen die subkutanen Botschaften zusammenfassen, die aus der Zentrale der Bayer AG nach draußen dringen. Und das alles war nur der Anfang: Der Konzern will sich ab sofort „aktiv in die Verteidigung“ aller Produkte „einbringen“, die mit der Übernahme von Monsanto zum Portfolio gehören. Seit Donnerstag letzter Woche steht das US-Unternehmen voll unter der Regie der Bayer-Manager, die letzten juristische Hürden sind gefallen. Und Vorstandschef Werner Baumann vertraut beim Thema Glyphosat offenbar weiter auf eine Kommunikationslinie nach dem Motto: Auf einen harten Klotz gehört nun einmal ein harter Keil.

Auf den ersten Blick hat Bayer viele wichtige Argumente auf seiner Seite: Die allermeisten wissenschaftlichen Studien sprechen für Glyphosat. Das exorbitante Schadenersatzurteil in Höhe von 289 Mio. Dollar, das in der vergangenen Woche zu Panikreaktionen an der Börse führte, könnte in der nächsten Instanz fallen. Auf keinen Fall darf man es einfach hochrechnen auf die noch anhängigen Verfahren in den USA, wie es einzelne Analysten bereits tun. Bayer droht sicherlich nicht die Pleite, wie man in einem Börsendienst fälschlicherweise lesen konnte. Andererseits bleibt noch für lange Zeit die Unsicherheit, ob doch große finanzielle Belastungen durch die Glyphosat-Prozesse auf Bayer zukommen. Und durchaus nicht alle Wissenschaftler teilen die Meinung des Konzerns, der Wirkstoff sei gänzlich ungefährlich für den Menschen.

Was Bayer aber wirklich gefährlich werden könnte, ist die eigene Arroganz. Mit dieser Haltung versuchte schon Monsanto viele Jahre, alle Kritiker mundtot zu machen. Es ist den Amerikanern nicht gelungen – im Gegenteil. Weltweit dreht sich die öffentliche Meinung Schritt für Schritt immer weiter gegen Glyphosat – ob mit richtigen oder falschen Argumenten, das kann man durchaus dahinstellen. Bayer will angeblich allein mit „Fakten“ überzeugen – versteht aber nicht die Ängste und Gefühle der Verbraucher. Je hochnäsiger der Konzern auftritt, umso mehr Gegenreaktionen löst er aus. Mich erinnert das alles ein wenig an die Fehler der Atomindustrie. Im Juni 2007 brannte auf dem Gelände des Kraftwerks Krümmel ein Reaktor, Rauchfolgen zogen über den Atommeiler, die Bevölkerung geriet in Panik. Der Betreiber aber hielt es nicht für notwendig, sie zu informieren – schließlich sei es kein wirklicher „Störfall“ im Sinne des Atomgesetzes gewesen.

Bayer verdient viel Geld mit Medikamenten – nicht zuletzt gegen Krebs. Bei Glyphosat geht es nicht nur, aber vor allem um die Frage, ob das Mittel unter besonderen Umständen und bei ständigem Kontakt vielleicht doch Krebs auslösen kann. In dieser Gemengelage muss der Konzern besondere Sensibilität zeigen. Solche besonderen Rücksichten musste Monsanto nicht nehmen. Bayer aber sollte sie nehmen – und die Linie seiner Öffentlichkeitsarbeit noch einmal überdenken. Ist es wirklich klug, Kritiker wie die Grünen-Politikerin Renate Künast massiv anzugreifen und sogar lächerlich zu machen? Ist es wirklich sinnvoll, sich ohne Rücksicht auf Verluste mit obskuren „Freunden der Wissenschaft“ in den sozialen Medien zu verbünden, wie es Bayer tut? Bei einem Konzern, der gerade ein Fünftel seines Börsenwerts verloren hat, wäre etwas mehr Demut vielleicht gar nicht so dumm.