KolumneDie armen Opfer der IT-Industrie

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Dem deutschen Energiekonzern Innogy geht es nicht gut, wie die neusten Zahlen vom letzten Freitag zeigen. Dafür gibt es viele Ursachen und nicht nur eine. Auffällig aber ist: Ein Problem schleppt das Essener Unternehmen nun schon seit Jahren mit sich herum – die teuer gekaufte Tochter in Großbritannien. Und schaut man sich das Problemkind genauer an, dann stellt man fest: Auch dort gibt es viele Ursachen für anhaltende Verluste und nicht nur eine. Aber eine Sache verfolgt die Briten seit Jahren besonders bitterlich: Ein neues Computersystem, das nicht in der Lage ist, die Kunden des Unternehmens mit einer korrekten Stromabrechnung zu versorgen.

Was Innogy in Großbritannien passiert ist, passiert immer noch erstaunlich vielen großen Konzernen: Die Umstellung der Computer auf neue Softwaresysteme kann ein Unternehmen bis nah an die Grenze des Bankrotts bringen. Es geht um hohe Millionen-, in manchen Fällen sogar um Milliardensummen. Die Handelskette Lidl hat in den vergangenen Jahren zum Beispiel 500 Millionen Euro in ein neues Warenwirtschaftssystem gesteckt. Doch die schöne Zusammenarbeit mit SAP endet im Desaster: Die neue Software mit dem klangvollen Namen Elwis funktioniert einfach nicht. Im Juli zog der Lidl-Vorstand die Notbremse und stoppte das Projekt, weil die „ursprünglichen Ziele nicht mit vertretbarem Aufwand“ zu realisieren seien. Nun will der Konzern seine alten, hausgestrickten Lösungen selbst weiter entwickeln.

Ähnliches beobachtet man seit vielen Jahren bei der Deutschen Bank. Als der Brite John Cryan 2015 den Spitzenjob bei dem Kreditinstitut übernahm, stieß er zu seinem großen Erstaunen auf mehr als zwei Dutzend unterschiedlicher veralteter IT-Systeme in der Bank, die nicht miteinander kompatibel waren. Der Ärger mit den Computern begleitete den Briten bis zu seinem Abschied als Vorstandschef im April 2018. Mehrere Versuche, eine einheitliche Software für den ganzen Konzern zu entwickeln, blieben im Ansatz stecken. Bis heute herrscht deshalb in der Bank ein Nebeneinander von ganz neuen und ganz alten Programmen.

Wer sein altes iPhone durch ein neues iPhone ersetzt, erlebt wie gut eine Umstellung laufen kann: Wie von Geisterhand überträgt Apple die alten Daten auf das neue Gerät – und wenn alles gut läuft, geht dabei nichts verloren. So ähnlich wünschen es sich auch die Unternehmen – aber so funktioniert es eben nicht. Es gibt viele Gründe dafür. Die beiden vielleicht wichtigsten aber sind: Konzerne versuchen die Umstellung von einem auf ein anderes Softwaresystem fast immer im laufenden Betrieb – und sie sind dabei nie mit den angebotenen Standardlösungen zufrieden. Neue Unternehmen, die auf der grünen Wiese die Entscheidung für neue Software fällen und sie anschließend in Ruhe implantieren, verfügen so über einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil gegenüber etablierten Konkurrenten, die alte Systeme mit neuen Lösungen zusammenstricken. Für den Siegeszug des Handelskonzerns Amazon war das ein ganz gewichtiger Faktor. Je wichtiger die Digitalisierung aller Prozesse für ein Unternehmen wird, desto mehr öffnet sich die Software-Schere. Und die Entscheidung mit alten Programmen weiter zu machen, weil ein Neustart einfach zu komplex und damit zu teuer ist, hat sich oft als die allerschlechteste erwiesen. Warten wir ab, was bei Lidl passiert. Wiedervorlage in fünf Jahren.