InterviewDie Coronalisierung der Wirtschaft

Wladimir Klitschko hat 2017 seine Boxkarriere beendet. Neben dem Sport ist der aus der Ukraine stammende Sportler auch als Unternehmer tätig, zum Beispiel mit einer eigenen Vermarktungs- und Veranstaltungs-Agentur.imago images / Future Image

Herr Klitschko, wie haben Sie die Corona-Krise bisher erlebt?

WLADIMIR KLITSCHKO: Wie alle anderen auch habe ich die letzten Wochen in Quarantäne verbracht. Ich musste mein berufliches und persönliches Leben über Nacht anpassen. Das war eine große Herausforderung. Ich glaube, ich bin Weltmeister im Homeschooling und Hometraining geworden. Die aktuelle Situation war und ist also auch eine gute Gelegenheit zum Nachdenken.

Worüber haben Sie denn nachgedacht?

Über die Lehren und Folgen dieser Krise. Corona ist eine Katastrophe und ein Katalysator zugleich. Eine Katastrophe, weil es viele Tote zu verzeichnen gibt. Auch Tausende von Arbeitsplätzen stehen plötzlich infrage. Zur Realität gehört aber auch, dass Corona ein Katalysator ist – zum Beispiel beim Stichwort Digitalisierung. Wir haben in ein paar Wochen das getan, was wir seit Jahren versuchen. „Einfach machen“, sagt mein Weggefährte Hagen Rickmann von der Telekom Deutschland. Es ist genau das, was jetzt passiert ist. Ohne Zögern und mit Mut in der Not, Digitalisierung einfach gemacht. Wir müssen jetzt die Nachhaltigkeit einer solchen Transformation sicherstellen.

Was heißt das für die Zeit nach Corona?

Viele reden über die Welt „nach“ Corona, ich denke aber wir sollten uns auf die Welt „mit“ Corona fokussieren. Das Ende des Lockdowns war nicht das Ende der Pandemie, aber vielleicht der Anfang einer neuen Wirtschaft. Eine Wirtschaft, in der das Digitale eine Rolle spielt, aber auch, in der die physische Distanzierung von zentraler Bedeutung sein wird. Ich nenne es die „Coronalisierung“. Viele Aktivitäten werden kontaktlos, nicht nur die Bezahlung. Viele Branchen werden „Tele“-, über die Telemedizin hinweg. Kein Sektor wird unberührt von der berührungslosen Wirtschaft bleiben. Den menschlichen Faktor zu integrieren und zu bedienen, trotz Entfernung und Technologie, das ist die zentrale Herausforderung der „Coronalisierung“.

Wie sollen Unternehmen diese Transformation angehen?

Unsere Wirtschaft steht nicht vor dieser neuen großen Transformationswelle, sie ist mittendrin. Früher haben wir drei bis fünf Jahre digitale Pläne geschmiedet, jetzt müssen wir sofort handeln. Keine Zeit für kleine Schritte. Mut zur Konsequenz ist gefragt. Wir sind nicht völlig unbewaffnet, denn wir können auf den Lehren der letzten Wochen aufbauen. Es gibt einfache Fragen, die wir uns als Unternehmer stellen können.

Und welche?

Was wollen wir aus der vergangenen Periode hinter uns lassen und was wollen wir aus der Corona-Notlage übernehmen? Müssen wir immer ins Büro fahren, um zu arbeiten? Wann ist die menschliche Präsenz wirklich notwendig? Kann ein guter Manager nicht auch aus der Entfernung führen? Jede Organisation sollte sich diese Kernfragen stellen und vielleicht auch einen ‚Chief Corona Officer‘ (CCO) einstellen.  Dabei geht es nicht darum, dass Unternehmen ein Produkt ändern oder eine neue Anwendung anbieten, sondern darum, ihr Werteversprechen zu überdenken. Es wird das „Corona-Dilemma“ sein: Wie kann man das Bestehende schützen und gleichzeitig ein neues Kerngeschäft entwickeln, das die Folgen der Corona-Notlage und die Vorteile der Digitalisierung radikal integriert?

Wie überkommt man dieses „Corona-Dilemma“?

Corona ist eine einzigartige Krise – und lange nicht die einzige, die auf uns zukommen wird. Eins sollten wir auf jeden Fall mitnehmen: Die Resilienz eines Unternehmens ist genauso wichtig wie seine Produktivität und seine Wettbewerbsfähigkeit. Jedes Geschäftsmodell muss durch ein Modell ergänzt werden, das den kontinuierlichen Wandel und den menschlichen Faktor in den Mittelpunkt stellt. Hier geht es nicht mehr um Change Management, sondern um Challenge Management.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Die Digitalisierung ist keine Initiative und keine Technologie, sie ist ein Mindset. Um das völlige Potenzial der „Coronalisierung“ auszuschöpfen, sollte jede Firma an ihrer Fitness und ihrer Resilienz arbeiten. Und auch (an-)erkennen, dass die Digitalisierung kein Ziel an sich ist, sondern ein Instrument, um die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Dazu gehören Pandemien, aber auch der Klimawandel und die alternde Gesellschaft. Jede Firma sollte sich als Ziel setzen, einen konkreten Beitrag zu leisten, um unsere Wirtschaft menschlicher, ökologischer und im Endeffekt lebenswerter zu machen.

Was braucht es noch um aus der Krise zu kommen?

Eine Krise stellt die Art und Weise, wie wir Unternehmen führen, aber auch unsere Lebensweise infrage. Solidarität ist in Krisenzeiten deshalb unverzichtbar. Sie ist wirksam gegen die Pandemie und darüber hinaus die Lösung für viele unserer gesellschaftlichen Herausforderungen. Zusammengefasst entspricht also die „Coronalisierung“ einer Digitalisierung mit weniger physischem Kontakt, aber mehr Solidarität und damit mehr Sinn. Wir müssen diesen Moment nutzen und willkommen heißen, denn es ist der Moment des möglichen Fortschritts. Als Unternehmer und als Menschen sollten wir diesen Termin mit der Geschichte nicht verpassen.